WM-Bilanz Wahre Größe

Die Weltmeisterschaft in Brasilien werde ein Chaos, warnten Experten: die Straßen dicht, die Flughäfen überfüllt, die Stadien nicht fertig. Doch sie hatten unrecht. Eine persönliche Bilanz.

WM-Fans an der Copacabana: Nicht alles klappte, vieles schon
DPA

WM-Fans an der Copacabana: Nicht alles klappte, vieles schon


In Brasilien ist alles ein bisschen mehr. Fragt man einen Brasilianer, wo auf der Welt es die größten Kokosnüsse, die besten Strände, die schönsten Menschen, die spannendsten Städte gibt, lautet die Antwort stets: Brasil!

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 29/2014
Nahaufnahme einer Nation

Ganz unrecht haben die Brasilianer damit nicht, einen Mitteleuropäer können die Dimensionen in diesem über acht Millionen Quadratkilometer großen Land leicht überfordern. Als ich meine Reise zur Fußballweltmeisterschaft plante, hatte ich davor großen Respekt.

Noch größer wurde dieser, als in den Wochen vor Beginn des Turniers eine Horrormeldung nach der nächsten eintrudelte: Die riesigen Metropolen würden unter den Besuchermassen kollabieren, hieß es, an den nicht fertigen Flughäfen erwarte einen Chaos, die Infrastruktur um die Stadien sei eine Katastrophe.

Nun, über vier Wochen und fast 20 Flüge später, kann ich sagen: Das Reisen in Brasilien ist entspannter und besser organisiert als mit der Deutschen Bahn. Das war zumindest meine Erfahrung. Bis auf einen Flug zwischen Rio de Janeiro und São Paulo startete jedes Flugzeug, in dem ich saß, pünktlich. Die Warteschlangen an den Sicherheitschecks waren kurz, und wenn man am Flughafen lange hätte warten müssen und nach einem früheren Flug fragte, konnte es sein, dass man einfach umgebucht wurde. Ohne Aufpreis.

Fotostrecke

10  Bilder
WM-Bilanz: Milliardenkosten für Raumschiffe
Auch die anschließenden Taxi- oder Busfahrten waren wenig bis überhaupt nicht schrecklich, wenn man sich darauf einstellte, dass man von Copacabana bis zum Flughafen eine halbe Stunde braucht. Oder auch zwei Stunden. Denn ja: Städte wie Rio und São Paulo sind zum Überlaufen voll, erst recht an Spieltagen und zu Stoßzeiten. Das öffentliche Verkehrsnetz funktionierte für solche Fälle aber gut, die Metros fahren regelmäßig und auch in Städten wie Manaus oder Fortaleza kommt man mit dem Bus ans Ziel.

Video-Trailer zum großen SPIEGEL-ONLINE-Datenspezial
In den Stadien dauerte es ein paar Spiele, bis es lief. So gab es bei der Eröffnung in São Paulo noch Probleme mit der Essensausgabe, und auf der Pressetribüne musste man mitunter genau schauen, wo man hintrat. Denn auch das ist Brasilien: Vieles klappt irgendwie und gerade noch rechtzeitig. Wie auch das Internet, das vor dem Finale im Maracanã ausgefallen war und eine Viertelstunde vor Anpfiff plötzlich wieder funktionierte. Man weiß nicht, warum. Zur Not wird eben improvisiert.

Statt Wut herrschte nach dem 1:7 vor allem Trauer

Darüber nicht die Nerven zu verlieren, ist etwas, was auch uns Reportern ab und zu helfen könnte. Überhaupt waren die brasilianischen Nerven etwas sehr Erstaunliches während dieser Wochen. Denn freundlich waren die Gastgeber sogar noch, nachdem ihre Seleção so schmerzhaft gegen Deutschland ausgeschieden war. Wir machten uns Gedanken, ob uns die Taxifahrer jetzt überhaupt noch mitnehmen würden, und sie machten sich Gedanken darüber, was andere jetzt von ihnen und ihrem Land halten würden.

Nicht nur mit der Organisation dieser WM überraschte Brasilien, sondern auch mit seinem Umgang mit der Enttäuschung. "Wenn Brasilien ausscheidet, kann alles passieren!", hatten im Vorfeld die Experten gewarnt, und ein paar wenige drehten tatsächlich durch. Doch die meisten Brasilianer waren einfach nur traurig, für sie war diese WM vorbei.

2016 finden in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele statt. Ohne einmal mehr explodierende Kosten, unnötige Baumaßnahmen, Sicherheitsprobleme, politische Interessen und Fehlentscheidungen zu thematisieren: Brasilien hat der Welt in den vergangenen Wochen gezeigt, dass es wirklich groß sein kann.

Nun ist es an der Reihe, das auch den Menschen zu zeigen, die hier leben und die diese Stärke ihres Landes so dringend brauchen. Ganz im Kleinen.

Zur Autorin
Sara Peschke ist Redakteurin im Sportressort bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Sara_Peschke@spiegel.de

Mehr Artikel von Sara Peschke

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
schaf100 15.07.2014
1. Typisch
Das sind typisch die "Experten". Genau wie unsere Wirtschaftsvertreter, sie "warnen".
frankori 15.07.2014
2. Keine Tränen mehr!
Zitat von sysopDPADie Weltmeisterschaft in Brasilien werde ein Chaos, warnten Experten: die Straßen dicht, die Flughäfen überfüllt, die Stadien nicht fertig. Doch sie hatten Unrecht. Eine persönliche Bilanz. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-wm-persoenliche-bilanz-von-reporterin-a-981009.html
Naja, wir haben in Deutschland ja auch niemanden gesteinigt, als wir ausgeschieden sind. Ist das jetzt schon so lobenswert? Ich finde, es gabe andere kulturelle Aspekte, die interessanter waren bei der WM: http://interculturecapital.de/wm-2014-emotionen-kulturvergleich-traenen-messi-weltmeister-deutschland Zudem hatten die Brasilianer ohnehin schon alle Tränen vorher vergossen;)
gewgaw 15.07.2014
3.
Zitat von sysopDPADie Weltmeisterschaft in Brasilien werde ein Chaos, warnten Experten: die Straßen dicht, die Flughäfen überfüllt, die Stadien nicht fertig. Doch sie hatten Unrecht. Eine persönliche Bilanz. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-wm-persoenliche-bilanz-von-reporterin-a-981009.html
An diesem Artikel war besonders der Hinweis wichtig, dass alles besser funktioniert als bei der Deutschen Bahn. Hätte nicht noch erwähnt werden können, dass die Brasilianer auch besser Autos und Maschinen bauen können? Im Übrigen, dass die Diskussion aufkommt, dass bestimmt nichts funktionieren wird, gibt es bei jeder WM auch 2006 in Deutschland (Stadionsicherheit) oder Südafrika 2010, aber darum ging es SPON auch gar nicht, sondern um einen weiteren Klickartikel zu veröffentlichen.
nadennmallos 15.07.2014
4. Is' nicht wahr ....
Zitat von sysopDPADie Weltmeisterschaft in Brasilien werde ein Chaos, warnten Experten: die Straßen dicht, die Flughäfen überfüllt, die Stadien nicht fertig. Doch sie hatten Unrecht. Eine persönliche Bilanz. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-wm-persoenliche-bilanz-von-reporterin-a-981009.html
... oder gibt es Naivität jetzt schon im Extrapack beim journalistischen Studium? Natürlich haben einige Leute (Nutznießer) alles soweit getan um die notwendige Infrastruktur zum Laufen zu bringen, aber: Die Zeche zahlt doch letzten Endes der Steuerzahler in Brasilien.
theinvisibleone 15.07.2014
5. Geschlossener Alltag
Meinen Informationen zufolge wurde während der WM der brasilianische Alltag auf Eis gelegt. Schulen wurden geschlossen und Arbeiter zwangsbeurlaubt um das Verkehrschaos zu umgehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.