Ärgerliches Taktieren im dritten WM-Gruppenspiel Setzen!

Das spektakuläre Gruppenfinale, das leider entfiel: Belgien und England schonten lieber ihre Stars. Damit Teams gar nicht erst in diese Versuchung kommen, sollte der Modus überarbeitet werden.

Thorgan Hazard (l.), Ruben Loftus-Cheek
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Thorgan Hazard (l.), Ruben Loftus-Cheek

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Die Fifa ist ja selbst schuld. Und zieht im besten Fall den Schluss: Ein neuer Achtelfinal-Modus muss her.

Der Reihe nach. Es hätte einer der fußballerischen Höhepunkte der WM-Vorrunde werden sollen: England gegen Belgien - die beiden bislang erfolgreichsten Torschützen des Turniers im direkten Vergleich, Fünf-Tore-Mann Harry Kane gegen Vier-Tore-Mann Romelu Lukaku! Es wurde stattdessen: ein einigermaßen bedeutungsloser Freundschaftskick zweier B-Teams.

Beide Mannschaften waren schon vor dem dritten Gruppenspiel für das Achtelfinale qualifiziert, beide Trainer schonten deshalb ihre Stars. Insgesamt 17 der 22 Spieler, die noch am zweiten Spieltag für Belgien und England aufgelaufen waren, saßen im Gruppenfinale auf der Bank. Mehr noch: In der Theorie gab es sogar einen Anreiz, das Spiel zu verlieren. Zumindest dann, wenn man den Pfad, auf dem der Gruppenzweite das Turnier fortsetzt, als den leichteren ansieht. England ging durch die 0:1-Pleite immerhin einem möglichen Viertelfinalgegner Brasilien aus dem Weg.

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Ist es legitim, dass die Coaches so aufstellen? Ja, selbstverständlich. Ist es wünschenswert? Ganz und gar nicht. Sich durch eine Niederlage eine (vermeintlich) bessere Ausgangsposition verschaffen zu können, widerspricht dem Kerngedanken des Sports. Das Interesse von Fußballern sollte es doch sein, jedes einzelne Spiel zu gewinnen. Nicht alle englischen und belgischen Fans, die viele Tausend Kilometer nach Kaliningrad gereist sind, um ihre Nationalmannschaften anzufeuern, werden turnierpragmatische Erwägungen höher einschätzen als einen echten Schlagabtausch zweier Titelkandidaten.

Es geht nur über den Modus

Wie lassen sich Situationen wie diese verhindern? Durch einen Fifa-Beobachter, der auf der Tribüne notiert, wenn Akteure sich nicht ausreichend anstrengen, und bei abgebrochenen Angriffen oder nicht genehmer Körpersprache Verbandsstrafen ausspricht? Das kann natürlich nicht die Antwort sein. Wie also setzt man den bereits qualifizierten Teams einen Anreiz, auch das abschließende Gruppenspiel noch unbedingt gewinnen zu wollen? Es geht nur über den Modus.

Eine mögliche Lösung liefert ein Blick nach Südamerika: In der Copa Libertadores, dem dortigen Pendant zur europäischen Champions League, absolvieren - analog zum WM-Modus - die 32 teilnehmenden Klubs eine Gruppenphase. Bis vor zwei Jahren wurde das anschließende Achtelfinale dort aber nicht nach einem vorgegebenen Plan befüllt, sondern die Gruppensieger und die Gruppenzweiten zum Abschluss nur nach ihrer sportlichen Bilanz gerankt. Nach Punkten und Toren. In der K.-o.-Runde traf dann der Erste dieser Rangliste auf den 16., der Zweite auf den 15., der Dritte auf den 14. etc.


Bei der WM 2018 hieße das Achtelfinale:

Belgien (1.) - Argentinien (16.)
Kroatien (2.) - Japan (15.)
Uruguay (3.) - Dänemark (14.)
Brasilien (4.) - Schweiz (13.)
Frankreich (5.) - Portugal (12.)
Kolumbien (6.) - Mexiko (11.)
Schweden (7.) - Russland (10.)
Spanien (8.) - England (9.)

(Auf der linken Seite die Gruppensieger, auf der rechten die Gruppenzweiten.)


Ein Sieg am letzten Spieltag steigerte also die Chance, auf ein schwächeres Team zu treffen. Sportlicher Erfolg wurde belohnt, ohne Wenn und Aber. Warum nicht auch bei der WM? Abgesehen davon, dass es organisatorisch deutlich komplizierter für die Delegationen würde, wenn erst nach dem letzten Gruppenspiel Gegner und Spielort der nächsten Runde feststünden, spricht wenig dagegen. Dieses Praxisproblem ließe sich zudem vom Veranstalter durch entsprechend vorgebuchte Hotel- und Reisekontingente leicht lösen.

Die Copa Libertadores hat sich von diesem System mittlerweile übrigens wieder verabschiedet. Inzwischen wird mit diversen Einschränkungen gelost. Aus dem einfachen Grund, dass die Setzliste leider zu oft Paarungen hervorbrachte, in denen Teams aus einem Land gegeneinander antreten mussten. 2015 hatte es im Achtelfinale gleich zwei rein-brasilianische Duelle gegeben. Bei einer WM ist dieses Szenario glücklicherweise ausgeschlossen.



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
urbanism 29.06.2018
1. die Finals sind wichtiger
Warum auch nicht, die Finals sind wichtiger als die entschieden Vorrundenspiele. Im Vergleich zur deutschen Nationalmannschaft die sich 3 Vorrunden Spiele geschont, kann man den Mannschaften keinen Vorwurf machen.
florian_u 29.06.2018
2. Gratuliere, Sie beschreiben Playoffs!
Fast jede Sportart, die eine Playoff-Runde in der Liga enthält, nutzt diesen Modus. Aber ich glaube gerne, dass dies den "haben-wir-immer-so-gemacht" Fußballern als Weltneuheit verkauft werden kann.
robertone 29.06.2018
3. Noch ein Vorteil des aktuellen Systems
Noch ein Vorteil des aktuellen Systems, den man berücksichtigen sollte: es ist sichergestellt, dass zwei Teams aus der gleichen Gruppe erst wieder im Endspiel aufeinander treffen können. Mit dem System vom Copa Libertadores könnten es eine solche Paarung bereits im Achtel-/Viertel-/Halbfinale geben.
tschoemitoe 29.06.2018
4.
Warum nicht einfach losen? Immer ein erster gegen einen zweiten...damit wäre der Anreiz erster zu werden weiterhin gegeben und man könnte damit auch direkt die Spielstätte kennen. Die zweiten würden es nach Ziehung unmittelbar nach dem letzten Gruppenspiel erfahren...
saib9t 29.06.2018
5.
Die Idee ist grundsätzlich gut. In diesem konkreten Fall hätte die Setzliste allerdings das Spiel noch weiter verschlechtert. Wenn der Sieger definitiv auf Argentinien trifft, aber bei einem Unentschieden beide Teams wahrscheinlich gegen Japan/Dänemark/Schweiz/Mexiko/Russland (Portugal mal ausgenommen) spielen, dann ist ein lahmes 0:0 noch wahrscheinlicher als in der aktuellen genutzten Variante.
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