Fußballbuch "Buenos Aires" Stadien voller Liebe, Stadien voller Hass

Buenos Aires - nirgendwo sonst ist die Rivalität zwischen den Clubs größer und liegen Freude, Trauer und Gewalt so nahe beieinander. Der Fotograf Reinaldo Coddou H. porträtiert in seinem Buch die Welthauptstadt des Fußballs, die Trainer-Legende César Luis Menotti steuerte das Vorwort bei.

Reinaldo Coddou

Es gibt etwas, und niemand weiß, was es ist, das den Fußball Argentiniens einzigartig macht. Nach Argentinien kamen Europäer aller Länder, Christen, Juden, Atheisten, nach Argentinien flohen Opfer und Täter vieler Kriege, die ganze Welt wurde in diesem Land heimisch und schuf, ohne es zu merken, eine eigene, nationale Identität.

In diesem Findungsprozess haben wir Argentinier irgendwie ein wenig zu viel Leidenschaft und Hingabe abbekommen. Entstanden ist eine Nation, die manchmal ganz geduldig sein kann und dann doch wieder arg rebellisch. So kommen wir, wenn wir darüber nachdenken, was Argentinien ausmacht, immer wieder nur zu dem Schluss, dass da dieses Etwas ist, das uns besonders macht und von dem keiner genau weiß, was es ist.

Unser Fußball spiegelt die argentinische Art zu leben wider. Der argentinische Fußballer, im Prinzip ein ganz geduldiger Diener der Mannschaft und ihrer Taktik, kann den Rebellen in ihm nie ganz unterdrücken: Denken Sie an Maradona, schauen Sie auf Lionel Messi. Von Zeit zu Zeit müssen sie entgegen jeder taktischen Logik geradezu zwanghaft ihrer eigenen Eingebung folgen, und dann entstehen die schönsten Dribblings, die unglaublichsten Tricks, Akte des Rebellierens gegen die Grenzen des Fußballs.

Picardía - die Lust, zu provozieren

Die einen nennen solche Aktionen Wahnsinn, die anderen Genialität. Messis Dribblings, Maradonas Tricks sind immer beides. Spielwitz ist das Wort, das dem Etwas, von dem keiner genau weiß, was es ist, am nächsten kommt - und dann doch wieder nicht: Denn der argentinische Spielwitz beinhaltet immer auch "picardía", Schalk, die Lust zu provozieren, die Gesetze des Spiels zu dehnen.

Wie lauten die Argumente derjenigen, die das Gegenteil behaupten? Einmal hörte ich, dass "es keinen nationalen Fußball gibt, weil doch Fußball universal ist". Ich würde eher sagen, der Mensch ist universal - aber nicht der Fußball. Die höchsten Weihen dieses Planeten erreicht doch gerade erst der, der seinen Lokalkolorit zeigt, die Eigenheiten und Stärken - wer sein Haus in der Farbe des Dorfes anstreicht, wie wir das nennen.

Die Fußballmannschaft, eine Ansammlung von Individualisten

Von Julio Libonatti bis Diego Maradona: All die großen argentinischen Fußballer, die in die Welt auszogen, begeisterten, weil sie die Farbe ihres Dorfes mit der Magie unseres Spiels paarten. Wie auf einer Postkarte haben all die Spieler den gleichen Stempel gemein: Gezeichnet durch das gewitzte Spiel. Deshalb traue ich mir auch zu, auf jedem Platz dieser Erde einen argentinischen Fußballer zu identifizieren. Nur anhand seiner Art und Weise zu spielen.

Eigentlich ist eine Fußballmannschaft nichts anderes als ein Tango-Orchester. Die besten Solisten versammeln sich, um die erhabensten Stücke zu zelebrieren. Auch die Fußballer sind Individualisten, die für ein gemeinsames Werk zusammenkommen. Wichtig ist aber gerade dabei, dass jeder die Verantwortung für sich selbst übernimmt, die Farbe seines Dorfs mitbringt; damit alle am Ende den schönsten Genuss überhaupt verspüren: mit dem Ball zu spielen.

Wie die Herzen der Fans schlagen, spüren die Spieler schon beim Einlaufen in das Stadion. Dann, wenn sie aus dem Tunnel der Umkleidekabinen ins Licht des Stadions treten, sind sie die Helden. Auserwählt, um ihre Magie auf den Ball zu übertragen - und dadurch die Träume der Kinder zu erfüllen. Vielleicht ist dieser ganze Zauber auch nur eine große Illusion. Und doch ist es eine Sache, die die Kleinen mit den Großen teilen. Millionenfach: das Leiden für die Farben ihres Vereins.

In den faszinierenden Stadien von Buenos Aires potenziert sich die ganze Liebe zum Fußball. Das Gefühl der Erfüllung, das die großen Idole und jungen Talente beim Betreten des Rasens überkommt. Aber auch die Nostalgie, die Erinnerung an die vergeblichen eigenen Mühen der Zuschauer. Diesen heimlichen Blick eines jeden Fußballers, die Sehnsucht nach dem Ball, genau diesen Blick tragen die Bilder von Reinaldo Coddou. Genauso spiegeln die Fotografien aber auch die Träume der vielen anderen wider; die Sehnsüchte der Fans. Gerade die Menschen auf den Fußball-Tribünen ahnen wohl doch, was dieses rätselhafte Etwas in unserem Spiel ist: "la nuestra". Die argentinische Form des Seins.

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