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Bundesligaaufsteiger Darmstadt: "Das ganze Stadion ein Fanblock"

Aus Darmstadt berichtet

Darmstadt-Kapitän Sulu: Der Aufschwung ist ein Betriebsunfall Zur Großansicht
Getty Images

Darmstadt-Kapitän Sulu: Der Aufschwung ist ein Betriebsunfall

Viel wurde berichtet über Darmstadts marodes Stadion, Unkraut auf den Rängen, kaputte Duschen. "Hier gibt es keine beheizte Kloschüssel", sagt der Präsident - und das braucht es auch nicht. Viel wichtiger für den Klassenerhalt: die Fans.

Hannovers Coach Michael Frontzeck hatte die sportliche Seite des Saisonauftakts bei Darmstadt 98 abgehandelt, da wollte er noch etwas loswerden: "Ich bin begeistert von dem Stadion. Es ist ja so viel geschrieben worden, wie schlimm das alles ist. Mit der Kabine ist alles in Ordnung, der Platz war gut. Die anderen Bundesligisten können sich freuen, nach Darmstadt zu kommen", sagte Frontzeck und ließ Dirk Schusters Lächeln immer breiter werden.

Nach dem aufregenden 2:2 gegen 96 war Darmstadts Trainer ohnehin bestens gelaunt. Dass nun noch einer das Stadion am Böllenfalltor lobte, rundete die Bundesliga-Rückkehr des Klubs nach 33 Jahren endgültig ab.

In letzter Zeit war ja kaum ein Beitrag über den Aufsteiger ohne das Unkraut auf den Rängen, die fehlenden Logen und die alten Kabinen ausgekommen. Und in der Tat: Nichts am Böllenfalltor passt zum Showbetrieb Bundesliga.

Schon aus der Ferne ragen nostalgische Flutlichtmasten zwischen Wald und Wohnviertel in den Himmel. Geparkt wird an der Schule nebenan. Rund um die Kassenhäuschen steht allerlei Provisorisches: Zelte und Container, Bier- und Imbissbuden. Glas und Stahl sucht man an den Tribünen vergebens. Die Katakomben haben den Charme einer alten Turnhalle.

"Hier gibt es keine beheizte Kloschüssel"

"Dass das hier kein Wohlfühltempel ist, ist klar", sagt Präsident Rüdiger Fritsch nach dem Spiel. Die mediale Darstellung mag er trotzdem nicht: "Die Bänke sind zum Sitzen da, die Haken sind zum Kleideraufhängen da, die Dusche ist zum Duschen da. Ich weiß nicht, wo das Problem liegt." Für ihn gibt es ohnehin keines. Vielmehr nutzt er die Begebenheiten, um das Anderssein zu kultivieren. Was der Rest mühsam über schicke Slogans versucht, ist in Darmstadt die Konsequenz aus der Realität. "Die Umstände führen dazu, dass hier die Ärmel hochgekrempelt werden müssen. Hier gibt es keine beheizte Kloschüssel", sagt Fritsch.

Der Aufschwung ist ein Betriebsunfall. Vor drei Jahren war der Verein in die vierte Liga abgestiegen. Erst Offenbachs Lizenzentzug sicherte den Klassenerhalt. Zwei Überraschungs-Aufstiege später ist die Mannschaft in der Bundesliga, das Umfeld aber noch lange nicht. Die Fans finden es nicht schlimm: "In Darmstadt ticken die Uhren noch anders", war vor dem Spiel in meterhohen Buchstaben zu lesen.

Marcel Heller Darmstadts Mann des Tages

Ein weiteres Symbol dafür ist Marco Sailer. Auch der ist anders. Während der Großteil der kickenden Ich-AGs im Arm-tätowierten Einheitsbrei untergeht, sticht der Stürmer mit dem langen Bart heraus. "Ich habe mir das die letzten zwei Jahre erarbeitet. Aber ich fühle mich jetzt nicht als besserer Mensch. Wir sind alle dieselben geblieben wie vor zwei Jahren in der dritten Liga", sagt er nach seiner Bundesligapremiere, seinem "Kindheitstraum". Zur Krönung fehlte lediglich das Siegtor. Doch sein Kopfball in der Schlussphase landete am Pfosten.

So blieb Marcel Heller der Mann des Tages. Zwei Mal hatte er das Team der woanders Gescheiterten in Führung geschossen. Erst im Anschluss an einen 60-Meter-Sprint, dann durch energisches Nachsetzen. "Heute hat es vorne zwei Mal gut geklappt, hinten auch hin und wieder", sagte der schnelle Stürmer, der weiß, dass sämtliche Gegner "spielerische Vorteile haben". Jeder müsse bereit sein, für den anderen den Fehler ausbügeln.

Weil er das tat, bekam er ein Sonderlob. Laut Schuster hätten Heller nicht die Tore so wertvoll gemacht, sondern "die entscheidende Szene" in der 25. Minute, als Jérôme Gondorf den Ball verlor und Hannovers Edgar Prib freie Bahn hatte. Heller sprintete los, holte ihn ein, erkämpfte den Ball und versetzte die 15.000 Fans der "Lilien" in Ekstase. Das Stadion wurde immer lauter. Sechs Minuten später stand es 1:0.

Diese Stimmung ist Teil des Konzepts. Allein kann das Team den Klassenerhalt nicht schaffen. Deswegen freut sich Präsident Fritsch, dass die Ultras weiterhin auf der Haupttribüne stehen und die dortigen Fans mitreißen. "Das ganze Stadion ist ein Fanblock. Das ist ein entscheidender Unterschied zu anderen Stadien." Würden die Ultras wieder auf die Stehränge gehen, könnte der Verein die Sitzplätze zwar teurer verkaufen, für Fritsch gibt es aber trotz der Geldnot keine Diskussion: "Auch das ein Unikum in der Liga, dass auf den besten Plätzen die Fans sind."

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1. Diesen Charme...
sachfahnder 16.08.2015
... hat weiland auch noch der Nachbar Mainz 05 im Bruchwegstadion versprüht! Dann kam mit der neuen Arena der "Kommerz bis zum Anschlag" und jetzt wird der Verein zusehends seelenlos . Kein Wunder, dass Fußballfreunde aus der Region jetzt nach Darmstadt pilgern !
2. Banner
zehwa 16.08.2015
"In Darmstadt ticken die Uhren noch" haette ich origineller und passender gefunden;)
3. Liebe Lilien...
mikesch0815 16.08.2015
...bleibt so wie ihr seit. Egal wie lange ihr in der 1ten Liga bleibt - wichtig ist, dass Ihr so bleibt, wie ihr seit. Macht einen angenehmen Gegenpunkt zum Kommerz, der immer mehr den Fußball abgelöst hat.
4. Alternative?
zehwa 16.08.2015
Zitat von sachfahnder... hat weiland auch noch der Nachbar Mainz 05 im Bruchwegstadion versprüht! Dann kam mit der neuen Arena der "Kommerz bis zum Anschlag" und jetzt wird der Verein zusehends seelenlos . Kein Wunder, dass Fußballfreunde aus der Region jetzt nach Darmstadt pilgern !
Ohne "Kommerz" kann kein Verein auf Dauer in der BL bestehen. Und die Sicherheit duerfte bei Stadionneubauten auch eine Rolle spielen. Das alte Millerntorstadion galt als potentielle Todesfalle.
5.
gegenpressing 16.08.2015
Zitat von sachfahnder... hat weiland auch noch der Nachbar Mainz 05 im Bruchwegstadion versprüht! Dann kam mit der neuen Arena der "Kommerz bis zum Anschlag" und jetzt wird der Verein zusehends seelenlos . Kein Wunder, dass Fußballfreunde aus der Region jetzt nach Darmstadt pilgern !
Allerdings. Darmstadt ist für mich dieses Jahr das mit Abstand schönste Stadion. Nicht umsonst will da jeder regelmäßige Auswärtsfahrer unbedingt hin. Wir haben einfach viel zu viele dieser Kommerzklötzer am Stadtrand gesehen (man schaue sich nur mal Augsburg an... Irgendwo auf nem Baumarktparkplatz...). Aber hier atmet jeder Stein Fussball und die Stimmung ist grandios. Und eine Stehplatzgegengerade! Schade, dass es solche Perlen nicht mehr so oft gibt.
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