Aufruhr wegen Fußball-WM Brasiliens Fußballer solidarisieren sich mit Demonstranten

Brasiliens Nationalmannschaft unterstützt die Proteste von Hunderttausenden wegen der Fußball-WM im eigenen Land: "Wir wissen, dass sie Recht haben", sagt Stürmerstar Hulk.

Trainer Scolari und sein Nationalteam: "Die Seleção ist das Volk"
AFP

Trainer Scolari und sein Nationalteam: "Die Seleção ist das Volk"


Hamburg - Brasiliens Cheftrainer Luiz Felipe Scolari und einige seiner Fußball-Nationalspieler haben sich positiv zu den Massendemonstrationen in ihrem Land geäußert. "Viele denken, dass Fußballer nur an Fußball denken. Aber wir wissen, was gerade passiert. Wir wissen, dass sie Recht haben mit ihren Protesten und dass in unserem Land viele Dinge verbessert werden können", sagte Stürmer Hulk von Zenit St. Petersburg.

Scolari wies bei der offiziellen Pressekonferenz vor dem Spiel des fünfmaligen Weltmeisters beim Confederations Cup gegen Mexiko an diesem Mittwoch (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) Vermutungen von sich, seine Mannschaft könne wie zu Zeiten der Militär-Diktatur von den Demonstrationen politisiert werden. "Die Seleção ist das Volk", sagte er. "In einer Demokratie ist es normal, dass man diese Demonstrationen akzeptiert und dass sie von der Regierung wahrgenommen werden. Wir wünschen uns, dass sie weiter friedlich sind."

Seine Spieler hätten "alle Freiheit" sich dazu zu äußern, sagte Scolari. Brasiliens Abwehrspieler David Luiz vom FC Chelsea sagte: "Die Brasilianer sind Patrioten und lieben ihr Land. Sie haben das Recht, es auszudrücken, wenn sie nicht glücklich sind."

Zuvor hatte bereits Dante, Abwehrspieler des Champions-League-Siegers FC Bayern München, klar Stellung bezogen: "In Brasilien ist es nicht einfach, unser Land ist groß, die ganze Welt schaut auf uns. Die Leute sind zum Teil sehr reich, andere haben gar nichts."

São Paulos Bürgermeister: Rücknahme der Preiserhöhung möglich

200.000 Menschen sind in Brasilien landesweit auf die Straße gegangen. Sie fordern ein Ende von Korruption und Misswirtschaft, kritisieren zu hohe Kosten für die Fußball-WM 2014 und forderten mehr Geld für Bildung und Gesundheit. Zwar kam es auch zu Krawallen, aber die allermeisten Proteste blieben friedlich.

Staatspräsidentin Dilma Rousseff ging am Dienstag auf die Demonstranten zu. "Die Stimmen der Straße müssen gehört werden", sagte Rousseff im Präsidentenpalast in Brasília. "Meine Regierung wird den Stimmen zuhören, die für den Wandel sind." Sie verstehe, dass sich Bedürfnisse der Bevölkerung veränderten.

Doch die Proteste gehen weiter: Die jüngsten richteten sich vor allem gegen die Fahrpreiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr. Tausende Demonstranten zogen nach Einbruch der Dunkelheit vor das Bürgermeisteramt der Elf-Millionen-Metropole. Die Teilnehmerzahl war zunächst deutlich kleiner als in der Nacht zum Dienstag, als sich weit über 60.000 Menschen in São Paulo an den Protesten beteiligt hatten.

São Paulos Bürgermeister Fernando Haddad signalisierte nach den Massenprotesten erstmals, dass es möglicherweise eine Rücknahme der Preiserhöhung geben könne. Dies sei eine politische Entscheidung.

mia/dpa

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manontherocks 18.06.2013
1. Sich mit den Demonstranten zu solidarisieren
Zitat von sysopAFPBrasiliens Nationalmannschaft unterstützt die Proteste von Hunderttausenden gegen die Fußball-WM im eigenen Land: "Wir wissen, dass sie Recht haben", sagt Stürmerstar Hulk. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussballer-solidarisieren-sich-mit-demonstranten-in-brasilien-a-906540.html
ist einerseits riskant für die Fussballprofis. Die profitieren doch selber gross vom grossen Geschäft. Aber es hat halt eine Menge Schmarotzer im Fussballbusiness, die per Korruption an ihre Millionen kommen. Ich guck mir keinen Fussball mehr an ....
karsten rohde 18.06.2013
2.
Das Problem in Brasilien ist haargenau dasselbe wie in der Türkei: Es wird nicht gegen eine Diktatur demonstriert, sondern gegen die Zustände in einer Demokratie. Diese müssen in erster Linie die Repräsentanten des Volkes ändern, dafür sind sie gewählt worden. Die korrupte Elite ist nicht die Mehrheit in Brasilien wie auch nicht in der Türkei. Das Volk hat es in der Hand, andere, bessere, zu wählen. Wenn es das nicht tut, hat es eine Mitschuld an den Zuständen, wenn es sich die Stimme für 40 Euro abkaufen lässt, soll es sich nicht beschweren. Das Dilemma sieht man gut an der PT, deren Mitglieder nach der Gründung bis zu Lulas Präsidentschaft ganz klar systemverändernd eingestellt waren. Heute sind sie systemstabilisierend und Lulas Sohn zigfacher Millionär als Affenwärter im Zoo von Sao Paulo.
sechsender 18.06.2013
3. Chapeau!
Mal keine Profis, die aus Karrieregründen Kreide fressen!
Stelzi 18.06.2013
4. Und weiter gehts...
... mit den hiesigen Kommentaren von Leuten, die noch immer nicht begriffen haben, dass es den Menschen dort mit ihren Protesten nicht primär um den Fussball und seine Begleiterscheinungen geht. Aber so ist das eben, wenn man vergleichsweise keine Probleme hat, ausser sich die BuLi nicht im Free-TV ansehen zu können...
Onkel.d. 18.06.2013
5. WM und Olympiade
Zitat von manontherocksist einerseits riskant für die Fussballprofis. Die profitieren doch selber gross vom grossen Geschäft. Aber es hat halt eine Menge Schmarotzer im Fussballbusiness, die per Korruption an ihre Millionen kommen. Ich guck mir keinen Fussball mehr an ....
Beides könnte ein Segen für Brasilien sein, wenn der Staat Willens und in der Lage wären die nachfolgenden Einnahmen dafür zu nutzen, dass die Armen reicher werden. Aber da hier mehr als anderswo Macht und Geld in der Hand weniger sind, ist damit leider nicht zu rechnen.
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