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Fußballfan-Randale in Genua: "Diese Leute hätten niemals einreisen dürfen"

Von Jan Reschke

Die Fan-Krawalle beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Italien und Serbien haben europaweit Bestürzung ausgelöst. Serbiens Verbandspräsident Karadzic spricht von einer "Schande", die Uefa ermittelt. Haben die italienischen Behörden Warnungen der Belgrader Polizei unterschätzt?

dpa

Die Situation hatte schon fast etwas Skurriles: In aller Seelenruhe klettert ein vermummter serbischer Anhänger vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Italien auf den Zaun des Stadion Luigi Ferraris in Genua. Oben angekommen, holt er einen Seitenschneider hervor und macht sich daran, das Fangnetz, das normalerweise Wurfgeschosse vom Platz fernhalten soll, durchzuschneiden. Das kaputte Netz reißt er anschließend mit Gewalt herunter.

Als er seine Vorbereitungen, von Ordnern unbehelligt, abgeschlossen hat, beginnt das Inferno: Aus dem mit rund 1600 serbischen Fans besetzten Tribünenabschnitt fliegen erste Brandgeschosse. Obwohl die Situation schon vor dem Anpfiff zu eskalieren droht, pfeift der schottische Schiedsrichter Craig Thomson die Partie nach 25-minütiger Verspätung an. Die serbischen Nationalspieler hatten ihre Anhänger zu diesem Zeitpunkt so weit beruhigt, dass der Referee ein geordnetes Spiel für möglich hielt.

Doch nach noch nicht einmal sieben Minuten fliegen wieder Feuerwerkskörper. Erst in Richtung des italienischen Keepers Emiliano Viviano, dann in die Nachbarkurve, wo sich italienische Fans niedergelassen haben. Die Partie wird abgebrochen. Der vermummte Hooligan hat inzwischen Mitstreiter auf dem Zaun bekommen. Gemeinsam wiegeln sie ihre Landsleute durch rechtsextreme Gesten immer weiter auf.

Entsetzen herrscht hingegen bei den italienischen Fans im Block nebenan. Als eine brennende Fackel die Kleidung eines Zuschauers bauchabwärts in Brand setzt, reagiert dieser panisch, schafft es aber, die Flammen zu löschen. Auf serbischer Seite eskaliert die Lage völlig, mit Gegenständen versuchen die Hooligans, die Trennwände zu den anderen Blöcken zu durchschlagen.

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Randale bei EM-Quali: Vermummte Zerstörungswut in Genua
Die Polizei greift zunächst nicht ein. Zu groß ist die Gefahr im serbischen Block. Zu gering scheint das Personal, das sich vor der Tribüne versammelt hat und mittlerweile selbst zur Zielscheibe für Feuerwerkskörper geworden ist. Einer der Polizisten erleidet durch die Explosion eines Feuerwerkskörpers direkt vor seinem Gesicht Verletzungen. Erst als die serbischen Hooligans das Stadion verlassen, bieten sich den Polizisten Zugriffsmöglichkeiten.

Nach Auskunft der Polizei bekamen die Einsatzkräfte die Situation erst am frühen Mittwochmorgen unter Kontrolle, als sie die serbischen Anhänger auf einem eingezäunten Parkplatz in der Nähe des Stadions zusammentreiben konnten. Anschließend wurden die Randalierer in kleineren Gruppen mit Bussen und unter Polizeibegleitung abtransportiert.

Die erschreckende Bilanz: Insgesamt gab es 20 verletzte Personen, 17 Verhaftungen, 35 Anzeigen, von fast 140 Serben nahmen die Sicherheitsbehörden die Personalien auf. Unter den Festgenommenen soll sich auch der mutmaßliche Anführer der Hooligans befinden. Offenbar gelang es den Beamten, den 28-Jährigen anhand seiner auffälligen Tätowierungen zu identifizieren, die auf den Fernsehbildern zu erkennen waren. Nach Angaben der italienischen Behörden soll er sich Ivan nennen und Chef eines Fan-Clubs des serbischen Hauptstadtclubs Roter Stern Belgrad sein.

Bereits einen Tag nach den Krawallen sind die ersten Verhafteten in Schnellverfahren verurteilt worden. Ein serbischer Krawallmacher wurde wegen Widerstandes gegen die Polizein bei einem Zwischenfall vor dem Spiel zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. "Meine Freunde haben mich gezwungen, die Polizei anzugreifen", so der Angeklagte. Auch ein 18-jähriger Fan des einheimischen FC Genua wurde wegen Widerstands gegen die Polizei mit drei Monaten Gefängnis belegt.

"Angriff auf unseren Staat"

Serbiens Verbandspräsident Tomislav Karadzic bezeichnete das Verhalten seiner Landsleute als "Schande" und "Angriff auf unseren Staat". Serbiens Innenminister Serbiens Ivica Dacic sagte der italienischen Polizei seine volle Unterstützung zu. Sportministerin Snezana Samardzi-Markovic verurteilte die Tat. "Eine Gruppe von Menschen, die sich serbische Anhänger nennen, haben nicht nur sich selbst, sondern ganz Serbien beschämt", so Samardzi-Markovic: "Bilder der Gewalt in Genua werden um die Welt gehen und den Ruf des serbischen Sports schädigen, der mit viel Mühe und Arbeit aufgebaut wurde." "Wir schämen uns zutiefst", schrieb Serbiens Botschaft in Rom an Diplomaten und Medien Italiens, Serbiens Regierung sandte eine Entschuldigung an Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi.

Nach den Vorfällen steht auch die Polizei unter Druck. Berichten italienischer Medien zufolge haben die Behörden Hinweise der Belgrader Polizei auf die Anreise von rund 400 rechtsextremen und gewaltbereiten Randalierern nach Genua unterschätzt. Gezielt sollen die serbischen Sicherheitskräfte auch gewarnt haben, dass die Hooligans versuchen könnten, den Anpfiff zu verhindern.

Beim italienischen Verband FIGC sollen keine Angaben zur Gewaltbereitschaft der Gäste-Fans angekommen sein. "Man hatte uns über die Zahl der anreisenden Fans, nicht über ihre Gefährlichkeit informiert. Diese Leute hätten niemals einreisen dürfen", sagte der FICG-Sicherheitsbeauftragte Roberto Massucci.

Zweiter Spielabbruch der EM-Geschichte aus Sicherheitsgründen

Schon Stunden vor dem Anpfiff hatten serbische Rowdys für Krawalle gesorgt und vor dem Hotel Spieler der eigenen Mannschaft attackiert. Dabei griffen sie Stammtorwart Vladimir Stojkovic verbal an und wollten offenbar auch handgreiflich werden. Nach Angaben des serbischen Fernsehens sollen seine Teamkollegen Stojkovic vor Verletzungen durch Fackeln beschützt haben. Die randalierenden Anhänger von Roter Stern Belgrad hatten Stojkovic dessen Wechsel zum Stadtrivalen Partizan nicht verziehen. Er hatte nach eigenen Angaben sogar Morddrohungen erhalten. Daher verweigerte er auch seinen Einsatz gegen Italien. Für ihn stand Zeljko Brkic im Tor.

Das vorzeitige Ende der Qualifikationsbegegnung zwischen Italien und Serbien bedeutete in der über 50-jährigen Geschichte der Europameisterschaften den zweiten Spielabbruch aus Sicherheitsgründen. Am 2. Juni 2007 war das Ausscheidungsspiel zwischen Dänemark und Schweden in Kopenhagen eine Minute vor Ablauf der regulären Spielzeit beim Stand von 3:3 abgebrochen worden.

Ein dänischer Fan war damals im Anschluss an Schwedens Ausgleich auf den Platz gestürmt und hatte den deutschen Schiedsrichter Herbert Fandel tätlich angegriffen. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) wertete das Match damals 3:0 für Schweden und verhängte gegen Dänemark eine Geldstrafe von 50.000 Schweizer Franken sowie eine Sperre für Kopenhagens Parken-Stadion für zwei Spiele.

Im aktuellen Fall hat die Uefa am Mittwoch ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Voraussichtlich am 28. Oktober wird die Kontroll- und Disziplinarkommission des Verbands über mögliche Sanktionen entscheiden. Diese reichen von einer Geldstrafe über ein Stadionverbot bis zum Ausschluss aus laufenden oder künftigen Wettbewerben, teilte die Uefa mit.

Mit Material des sid

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1. Ganz einfach
heinz4444 13.10.2010
Serbien für 5 Jahre international sperren und Ruhe ist.
2. Schuld?
Temps 13.10.2010
Hools gab es und wird es immer geben.. Schön ist es nicht, aber nur die italienischen Behörden und Polizei hätten diese Eskalation verhindern können. Die gesamte Infrastruktur(Stadien) und Logistik in Sache Gewaltprävention ist in Italien einfach auf dem deutschen Stand von 1990.. Was sowas angeht ist Italien noch nicht wirklich in Europa angekommen.
3. das Maß ist voll!
razorfish, 13.10.2010
Ich meine auch, dass hier nur eine harte Strafe nützt. Und damit meine ich kein Spile vor einer Geiserkulisse sondern in der Tat den kompletten Ausschluss aus den europäischen Wettbewerben, mindestens für 1 Jahr!
4. -
hikage 13.10.2010
Und mit welcher Begründung? Die Serben wollten ja offensichtlich gar nicht, dass diese Hooligans ins Stadion kommen. Für die Sicherheit der Teams und Fans BEIDER Nationen sind doch wohl aufgrund des Austragungsortes die Italiener verantwortlich. Wenn hier Warnungen ignoriert werden und Hooligans, sogar mit Brandgeschossen, ins Stadion kommen, stimmt entweder das italienische Sicherheitkonzept oder die Vorgaben der UEFA nicht so recht.
5. passt zu den beteiligten Ländern
Psychotic 13.10.2010
passt zu dem was zur Zeit in Italien und Serbien abgeht. Wieso das Spiel für Italien gewertet wird ist nicht nachvollziebar der Verband im jeweiligen Land ist für die Sicherheit verantwortlich
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