Von Felix Meininghaus, Dortmund
Die Dortmunder Innenstadt ist kein Ort für Vergnügungen. Zumindest nicht an diesem zweiten Adventswochenende. Wie in wohl allen größeren deutschen Städten schieben sich am frühen Samstagnachmittag die Menschenmassen durch die Gassen. Kuschelig ist was anderes, aber darauf haben es die rund 2000 Menschen in Schwarz-gelb auch gar nicht abgesehen, die sich an der alten Synagoge, zwischen Stadttheater und Opernhaus, versammelt haben.
In Dortmund zeigen die Fußball-Fans an diesem Wochenende ebenso Flagge wie in Köln, Dresden, Augsburg, Paderborn, Berlin, Hannover und Duisburg. Sie demonstrieren für den Erhalt einer Fankultur, wie sie sie schätzen und lieben gelernt haben. "Das Bild, das von uns Fußballfans gezeichnet wird, ist viel zu negativ", sagt Jakob Scholz, Sprecher der Demonstration und Redakteur der Internetplattform Schwatzgelb.de. Die Anhänger wollen sich nicht auf das Bild von Schlägern und Chaoten reduzieren lassen. "Diese Darstellung stinkt uns", sagt Scholz: "Wir wollen in die Offensive gehen und dokumentieren, wie bunt und vielschichtig unsere Szene ist."
Am Mittwoch wird die Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) über das Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" abstimmen, das auf Betreiben der Innenministerkonferenz entwickelt wurde und für Fans diverse Einschränkungen des Ist-Zustands bringen könnte. Vor allem der Paragraf, nach dem die Heimvereine beliebig viele ihrer Bundesligapaarungen als Risikospiele deklarieren und damit das Ticketkontingent für die Gästefans zusammenstreichen dürfen, stößt auf heftigen Widerstand. Auch Ganzkörperkontrollen, wie sie bereits in München beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt praktiziert wurden, werden abgelehnt.
"Polizei muss sich genau so kritisch hinterfragen lassen"
Das Ansinnen, sogar die Stehplätze abzuschaffen, ist mittlerweile vom Tisch; dennoch gehe der Maßnahmenkatalog viel zu weit, sagt Scholz. Das von vielen Medien und Politikern konstatierte Gewaltproblem sei zum großen Teil herbeigeredet und durch Zahlen nicht zu belegen. Die gestiegene Zahl an Verletzten sei vor allem darauf zurückzuführen, dass auch die Besucherzahl auf inzwischen 18,7 Millionen Besucher pro Bundesligasaison gestiegen ist.
Zudem verschweige die Polizei, "wie viele Menschen in ihrer Statistik als Verletzte auftauchen, weil sie unkontrolliert Pfefferspray einsetzt. Die Polizei muss sich genau so kritisch hinterfragen lassen wie wir Fans", sagt Scholz. Gleiches gelte für Medien, die sich dem Thema Gewalt in Stadien reißerisch und unkritisch nähern. Und für Politiker, die diese Berichterstattung aufnähmen, um mit Stimmungsmache Wahlkampf zu betreiben.
Oliver Ricken, Sprecher der Ultavereinigung The Unity und Vorsänger auf der Dortmunder Südtribüne, fordert "Dialog statt Populismus". Ricken sprach über das "Negativbeispiel England, wo sozial schwache Schichten bewusst vom Fan-Erlebnis ausgeschlossen werden. Viele Länder beneiden uns um unsere Fankultur, es ist unsere Aufgabe, für ihren Erhalt zu kämpfen". Das sollte auch ein Anliegen der Vereine sein. Um so enttäuschender findet es Scholz, "dass Borussia Dortmund unseren Protest komplett ignoriert".
Der DFL rief Vorsänger Ricken zu: "Lasst Euch nicht von der Öffentlichkeit und der Politik die Pistole auf die Brust setzen." Ein Bundesligaspiel sei "immer noch die sicherste Massenveranstaltung, die man in Deutschland besuchen kann", so Scholz: "Jeder Discobesuch und jedes Volksfest ist gefährlicher." Diese Sichtweise deckt sich mit den Aussagen des Kriminologen Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum, der jüngst in der "Westfälischen Rundschau" sagte: "Wenn ich mit dem Auto zum Stadion fahre, ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, wesentlich größer als die Gefahr, beim Fußballspiel selbst Opfer zu werden."
Fans wie Rüdiger Raguse vom BVB-Fanclub Heinrich Czerkus fühlen sich verunglimpft, wenn sie in die Ecke von Randalierern gerückt werden. Der 62-Jährige geht seit vierzig Jahren ins Stadion. "Angst hatte ich noch nie." Raguse hatte kurz vor Beginn der Demo auf dem Platz an der alten Synagoge einen Auftritt: "Die Innenminister müssen endlich mal mit uns reden und nicht ständig über uns." Namentlich sprach Raguse NRW-Innenminister Ralf Jäger von der SPD an: "Ich habe für das Pokalspiel gegen Hannover am 19. Dezember noch eine Karte. Die schenke ich Ihnen und lade Sie ein. Wir treffen uns, dann nehme ich Sie mit und zeige Ihnen, wie sicher unsere Südtribüne ist."
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