Streitthema Stadionsicherheit Protestmarsch der Fußballfans

"Für den Erhalt der Fankultur" - mit diesem Slogan protestierten deutschlandweit Tausende Fußball-Anhänger gegen das Sicherheitskonzept der DFL, das am Mittwoch beschlossen werden soll. Auch in Dortmund gingen die Fans auf die Straße. Einer von ihnen lud NRW-Innenminister Ralf Jäger ins Stadion ein.

Von Felix Meininghaus, Dortmund


Die Dortmunder Innenstadt ist kein Ort für Vergnügungen. Zumindest nicht an diesem zweiten Adventswochenende. Wie in wohl allen größeren deutschen Städten schieben sich am frühen Samstagnachmittag die Menschenmassen durch die Gassen. Kuschelig ist was anderes, aber darauf haben es die rund 2000 Menschen in Schwarz-gelb auch gar nicht abgesehen, die sich an der alten Synagoge, zwischen Stadttheater und Opernhaus, versammelt haben.

In Dortmund zeigen die Fußball-Fans an diesem Wochenende ebenso Flagge wie in Köln, Dresden, Augsburg, Paderborn, Berlin, Hannover und Duisburg. Sie demonstrieren für den Erhalt einer Fankultur, wie sie sie schätzen und lieben gelernt haben. "Das Bild, das von uns Fußballfans gezeichnet wird, ist viel zu negativ", sagt Jakob Scholz, Sprecher der Demonstration und Redakteur der Internetplattform Schwatzgelb.de. Die Anhänger wollen sich nicht auf das Bild von Schlägern und Chaoten reduzieren lassen. "Diese Darstellung stinkt uns", sagt Scholz: "Wir wollen in die Offensive gehen und dokumentieren, wie bunt und vielschichtig unsere Szene ist."

Am Mittwoch wird die Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) über das Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" abstimmen, das auf Betreiben der Innenministerkonferenz entwickelt wurde und für Fans diverse Einschränkungen des Ist-Zustands bringen könnte. Vor allem der Paragraf, nach dem die Heimvereine beliebig viele ihrer Bundesligapaarungen als Risikospiele deklarieren und damit das Ticketkontingent für die Gästefans zusammenstreichen dürfen, stößt auf heftigen Widerstand. Auch Ganzkörperkontrollen, wie sie bereits in München beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt praktiziert wurden, werden abgelehnt.

"Polizei muss sich genau so kritisch hinterfragen lassen"

Das Ansinnen, sogar die Stehplätze abzuschaffen, ist mittlerweile vom Tisch; dennoch gehe der Maßnahmenkatalog viel zu weit, sagt Scholz. Das von vielen Medien und Politikern konstatierte Gewaltproblem sei zum großen Teil herbeigeredet und durch Zahlen nicht zu belegen. Die gestiegene Zahl an Verletzten sei vor allem darauf zurückzuführen, dass auch die Besucherzahl auf inzwischen 18,7 Millionen Besucher pro Bundesligasaison gestiegen ist.

Zudem verschweige die Polizei, "wie viele Menschen in ihrer Statistik als Verletzte auftauchen, weil sie unkontrolliert Pfefferspray einsetzt. Die Polizei muss sich genau so kritisch hinterfragen lassen wie wir Fans", sagt Scholz. Gleiches gelte für Medien, die sich dem Thema Gewalt in Stadien reißerisch und unkritisch nähern. Und für Politiker, die diese Berichterstattung aufnähmen, um mit Stimmungsmache Wahlkampf zu betreiben.

Oliver Ricken, Sprecher der Ultavereinigung The Unity und Vorsänger auf der Dortmunder Südtribüne, fordert "Dialog statt Populismus". Ricken sprach über das "Negativbeispiel England, wo sozial schwache Schichten bewusst vom Fan-Erlebnis ausgeschlossen werden. Viele Länder beneiden uns um unsere Fankultur, es ist unsere Aufgabe, für ihren Erhalt zu kämpfen". Das sollte auch ein Anliegen der Vereine sein. Um so enttäuschender findet es Scholz, "dass Borussia Dortmund unseren Protest komplett ignoriert".

Der DFL rief Vorsänger Ricken zu: "Lasst Euch nicht von der Öffentlichkeit und der Politik die Pistole auf die Brust setzen." Ein Bundesligaspiel sei "immer noch die sicherste Massenveranstaltung, die man in Deutschland besuchen kann", so Scholz: "Jeder Discobesuch und jedes Volksfest ist gefährlicher." Diese Sichtweise deckt sich mit den Aussagen des Kriminologen Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum, der jüngst in der "Westfälischen Rundschau" sagte: "Wenn ich mit dem Auto zum Stadion fahre, ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, wesentlich größer als die Gefahr, beim Fußballspiel selbst Opfer zu werden."

Fans wie Rüdiger Raguse vom BVB-Fanclub Heinrich Czerkus fühlen sich verunglimpft, wenn sie in die Ecke von Randalierern gerückt werden. Der 62-Jährige geht seit vierzig Jahren ins Stadion. "Angst hatte ich noch nie." Raguse hatte kurz vor Beginn der Demo auf dem Platz an der alten Synagoge einen Auftritt: "Die Innenminister müssen endlich mal mit uns reden und nicht ständig über uns." Namentlich sprach Raguse NRW-Innenminister Ralf Jäger von der SPD an: "Ich habe für das Pokalspiel gegen Hannover am 19. Dezember noch eine Karte. Die schenke ich Ihnen und lade Sie ein. Wir treffen uns, dann nehme ich Sie mit und zeige Ihnen, wie sicher unsere Südtribüne ist."

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digitus7 08.12.2012
1. Fans
Die kosten für den Polizeieinsatz sollte man 1:1 auf die Tickets drauflegen und schon hat man den Pöbel ausselektiert
besserwisser54 08.12.2012
2. Demos für das Recht auf Randale
Wie krank ist das Demokratieverständnis einiger Fans, dass sie gestern durch eine zweifelhafte Demo dafür sorgten, dass in einem ganzen Stadtteil von Berlin sieben Straßenbahn- und drei Buslinien ausfielen? Ganz Köpenick war quasi von der Außenwelt abgeschnitten, weil für eine Fan-(Un)Kultur, nämlich für das Recht auf Randale, demonstriert wurde. Wie wär's, wenn die Vereine für alle Polizeieinsätze zur Kasse gebeten würden? Dann würden sich die redlichen Fans und die Veinsverantwortlichen auch der Ultras annehmen und sie von Stadien sowie den Wegen dahin (öffentliche Verkehrsmittel!) fernhalten. Finanzieller Druck hat schon in ganz anderen Situationen geholfen.
MohammedChang 08.12.2012
3. Statistik
Zitat von sysopDPAFür den Erhalt der Fankultur - mit diesem Slogan protestierten deutschlandweit Tausende Fußball-Anhänger gegen das Sicherheitskonzept der DFL, das am Mittwoch beschlossen werden soll. Auch in Dortmund gingen die Fans auf die Straße. Einer von ihnen lud NRW-Innenminister Ralf Jäger ins Stadion ein. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussballfans-in-dortmund-protestieren-gegen-dfl-sicherheitskonzept-a-871733.html
Also sowohl die Aussage, dass die gestiegene Zahl an Verletzten vor allem auf die enorm gestiegenen Besucherzahlen zurückzuführen ist, noch die, dass die Verletzungsgefahr auf dem Weg ins Stadion mit dem Auto gefährlicher ist sind falsch. In der Saison 01/02 gab 260 Verletzte bei 11,95 Mio Zuschauern - macht ca. 0.0022% Verletzte. In der Saison 11/12: 1142 Verletzte bei 18.7 Mio Zuschauern, macht ca. 0.0061%. Das ist zwar in der Tat eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit. Dennoch hat sich die relative Anzahl der Verletzten in den letzten 10 Jahren ca. verdreifacht. Laut ADAC war das Unfallrisiko 2011 für PKW Fahrer 0.26 Unfälle pro einer Million Personenkilometer. Macht also 0.000026% Wahrscheinlichkeit pro gefahrenen Kilometer in einen PKW in einen Unfall verwickelt zu sein. Da braucht es schon eine lange Anreise um auf die Wahrscheinlichkeit im Stadion verletzt zu werden zu kommen. Von einer "wesentlich größeren Gefahr" kann also keine Rede sein.
farmertom 08.12.2012
4. Besser mal Pause?
Fußball ist die einzige Sportart, in der einige Zuschauer glauben die Sau rauslassen zu können. Mittlerweile sehen wir nie dagewesene Polizeieinsätze, Schäden und Verletzte; von Pöbeleien, Dummprovokanten usw. wollen wir mal gar nicht reden. Dennoch wird der Sport auch von den Spielern und der Werbeindustrie (es ist jeder eingeladen jingles und Werbeblöcke genau reflektieren) sowie den Oraginsatoren mit viel Gespür für schlechtes Benehmen, weiter in diese Richtung getrieben. Gleichzeitig macht dann jeder einen auf "Betroffen" wenn wieder mal was daneben geht. In jeder anderen Sportart ist das Verhalten wie auf dem Fußballplatz verpönt, entsprechende Akteure werden "geschnitten", zumindest nicht gefördert. Folglich: Mal ein paar Spielchen ausfallen lassen, in dem die Polizei mal im wohlverdienten Feierabend bleibt. Könnten mal die ganzen sogenannten Fans nachdenken, ob man auch mal einen Gang zurückschalten könnte? Einfach sein lassen die aufgesetzte Fußballwichtigkeit und auf gesundes Maß reduzieren. Will aber niemand, gell, denn dann geht ja ein Wirtschaftsfaktor flöten? .... die falschen Fuffziger da...
CROD 08.12.2012
5.
Zitat von besserwisser54Wie krank ist das Demokratieverständnis einiger Fans, dass sie gestern durch eine zweifelhafte Demo dafür sorgten, dass in einem ganzen Stadtteil von Berlin sieben Straßenbahn- und drei Buslinien ausfielen? Ganz Köpenick war quasi von der Außenwelt abgeschnitten, weil für eine Fan-(Un)Kultur, nämlich für das Recht auf Randale, demonstriert wurde. Wie wär's, wenn die Vereine für alle Polizeieinsätze zur Kasse gebeten würden? Dann würden sich die redlichen Fans und die Veinsverantwortlichen auch der Ultras annehmen und sie von Stadien sowie den Wegen dahin (öffentliche Verkehrsmittel!) fernhalten. Finanzieller Druck hat schon in ganz anderen Situationen geholfen.
Ui, dann darf eine Demonstration folglich nur noch da stattfinden, wo sie niemanden stört und folglich nicht bemerkt wird? Wieviele OEPNV-Linien sind denn durch die Montagsdemos in Leipzig 1989 gestört worden? Sie sollten besser mal ihr eigenes Demokratieverständnis hinterfragen, vielen Dank!
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