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Fußballkrieg in Leipzig: Neonazi fährt Fußballfan bei Straßenschlacht an

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Die Auseinandersetzungen in der Leipziger Fußballszene erreichen eine neue Dimension: Nach einem Spiel der BSG Chemie wurde ein linker Fan von einem Auto angefahren und schwer verletzt. 150 Menschen demonstrierten vor der NPD-Zentrale.

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Alasdair Thompson

Polizei-Einsatz nach Leipziger Derby (August 2009): "Großes Konfliktpotential"

"Der Fußball in Leipzig birgt schon ein großes Konfliktpotential." Die Frau, die das sagt, weiß, wovon sie spricht. Anke Fittkau ist seit März Pressesprecherin der Leipziger Polizei, in den sechs Monaten ihrer Amtszeit musste sie schon mehrfach Journalistenfragen beantworten, weil es mal wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen - zuletzt Ende August beim Derby zwischen Lok und dem FC Sachsen Leipzig - gekommen war.

Nun ist eine neue Eskalationsstufe erreicht: Am Wochenende wurde ein Fan der BSG Chemie Leipzig von einem Auto überrollt - er liegt mit zwei komplett zerstörten Kniescheiben und ausgekugelter Schulter in einem Leipziger Krankenhaus. Bei einer Tankstelle waren Fans der linksgerichteten BSG auf Rechtsextreme gestoßen, darunter offenbar einige stadtbekannte Anhänger von Lok Leipzig. Augenzeugen aus dem BSG-Umfeld berichten, der Fahrer sei mit voller Absicht und mit etwa 40 Stundenkilometern in die Fangruppe hineingefahren. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE schildert ein BSG-Fan die Ereignisse: Nach dem Kreisklasse-Spiel zwischen dem SSV Kulkwitz und der BSG sei ein einzelner BSG-Fan zur nahegelegenen Bushaltestelle gegangen. Sofort habe ein Auto gebremst, vier der fünf Insassen seien herausgesprungen, woraufhin der Angegriffene floh und die feiernden BSG-Fans alarmierte. Als die zum Ort des Geschehens kamen, hatten sich an der gegenüberliegenden Tankstelle die Insassen dreier weiterer Pkw versammelt. Es habe sich dabei um Rechtsextreme aus dem NPD- und Kameradschaftsspektrum gehandelt sowie um mehrere rechtsextreme Hooligans aus dem Umfeld des Fünftligisten Lok Leipzig, so der Augenzeuge.

"Wir hatten Respekt vor deren Bewaffnung"

Sofort kam es zur Konfrontation zwischen den rund 20 Rechten, die sich zwischenzeitlich mit Pfefferspray, Eisenstangen und Flaschen bewaffnet hatten und einer offenbar deutlich größeren Gruppe BSG-Fans: "Die hatten offenbar Respekt vor unserer zahlenmäßigen Überlegenheit - und wir vor deren Bewaffnung", so der Augenzeuge. Während es zwischen den beiden fünf Meter auseinanderstehenden Blöcken "glücklicherweise bei Beschimpfungen und einzelnen Stößen" blieb, sei aus der Gruppe der Rechten ein Teilnehmer ausgeschert, habe sein Auto gewendet und sei daraufhin mit 40 Stundenkilometern in den Pulk der BSG-Fans gefahren.

Wenige Sekunden später lag ein junger Mann am Boden, der anfangs seine rechte Körperhälfte und den Rücken nicht mehr spüren konnte. Im Krankenhaus, wo er seither stationär behandelt wird, bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen jedoch nicht. Dafür sind beide Kniescheiben zerborsten, die Schulter ist ausgekugelt.

Die BSG-Fans nennen in einer öffentlichen Stellungnahme die Namen von sechs Rechtsradikalen, die an den Übergriffen beteiligt waren, darunter neben mehreren "Freien Nationalisten" mit Enrico Böhm einen Anhänger von Lok Leipzig, der bei der jüngsten Stadtratswahl für die NPD kandidierte. Auf Nachfragen von SPIEGEL ONLINE gibt Böhm zu, dabeigewesen zu sein: "Wir sind angegriffen worden und haben uns nur gewehrt." Auch seien ihre Autos durch von BSG-Fans geworfene Eisenstangen beschädigt worden: "Dass da jemand in Panik mit seinem Auto flieht, ist ja wohl verständlich. Das war ein Unfall", so Böhm.

Nach der schweren Verletzung des BSG-Fans zogen am Sonntag 150 Antifa-Aktivisten und Fußballfans vor die NPD-Parteizentrale im Stadtteil Lindenau. Dort seien "zwei der Fahrzeuge gesichtet worden", heißt es in der Stellungnahme aus dem BSG-Umfeld. Dass darunter auch das Fahrzeug des Täters war, will die Leipziger Polizei auf Anfrage "weder bestätigen noch dementieren".

Rechtsradikale sehen sich als Opfer

In einer im Internet veröffentlichten Erklärung stellen die Rechten den Tathergang anders dar: Sie seien nicht die Aggressoren, sondern die Angegriffenen gewesen, heißt es. Man habe sich "auf dem Weg zu einer spontanen Demonstration in Berlin" befunden, als man von "annähernd 50 Ultras und Kommunisten" angegriffen worden sei. "Während die zehn Personen auf der Straße immer wieder die Angriffsversuche abwehrten, bekam einer der Fahrer Panik und rammte bei seiner Flucht einen der Angreifer, dieser wurde dabei schwer verletzt."

Dies bedaure man: "Auch wenn wir, und daraus brauchen wir keinen Hehl machen, wenig Sympathien für die Fans der BSG empfinden, und es in Leipzig auch immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen beiden Seiten kommt, sind wir in keiner Weise bereit, Tote oder schwerverletzte Menschen, egal welcher Seite sie angehören, in Kauf zu nehmen."

Die Fans der BSG Chemie halten die angebliche Trauer der Rechten für rein taktisch motiviert. Zahlreiche Anhänger der BSG Chemie und des FC Sachsen sind in der Vergangenheit schon mehrfach bedroht oder angegriffen worden. Zur Anzeige kommen diese Übergriffe nur höchst selten - Täter und Opfer eint die Skepsis gegenüber der Polizei. Genug zu tun hat Pressesprecherin Anke Fittkau aber auch so.

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