Von Benjamin Schulz
Innerhalb von zwei Jahren aus der fußballerischen Versenkung in einen exklusiven Club der Weltspitze - das muss den Spaniern erst mal jemand nachmachen. Seit diesem Sonntag sind sie Welt- und Europameister zugleich. Das haben in der Geschichte zuvor nur die Mannschaften von Deutschland (EM 1972, WM 1974) und Frankreich (WM 1998, EM 2000) geschafft.
Erinnern Sie sich? Am 29. Juni 2008 hat Spanien im Finale der Europameisterschaft Deutschland bezwungen. Selten hat es ein verdienteres 1:0 gegeben. Die bessere Mannschaft hatte gewonnen. Neun Spieler von damals spielten nun auch im WM-Finale von Südafrika. Wieder gewann Spanien, wieder hieß es am Ende 1:0, wieder konnte es nach dem Spiel keinen Zweifel geben: Die bessere Mannschaft hatte gewonnen.
Und wieder war das Bemerkenswerteste, wie Spanien gewonnen hat.
Der neue Weltmeister hat sich nicht zum Titel durchgewurschtelt. Er hat ihn nicht durch Duseltore erschlichen und auch nicht per Defensivtaktik ermauert. Im Gegenteil: Das spanische Team spielte stets effizient, meist schön und gelegentlich brillant.
Lange Zeit war "Schönspieler" ein verächtliches Wort für Teams, die spielerisch überzeugten, sich aber gegen robuste und defensiv eingestellte Mannschaften nicht durchsetzen konnten. Nach dem WM-Triumph Spaniens sollte "Schönspieler" eine andere Bedeutung bekommen. Denn Spanien ist an seiner fußballerischen Überlegenheit nicht gescheitert - sondern setzte sich dank ihr durch.
Spanien hat sich nicht verbogen. Das Team spielte so, wie es spielen muss angesichts eines Kaders, der auf jeder Position stark besetzt ist - im Gegensatz zum Beispiel zu Brasilien, das defensiven Zweckfußball spielte und damit im Viertelfinale scheiterte.
Ästhetischer Zweckfußball statt Angeberei
Gelegentlich wurde bei dieser WM die destruktive Spielweise von Brasilien, Portugal oder die unattraktive Ergebnisverwaltung der Niederländer als "taktisch anspruchsvoll" bezeichnet und wenn nicht als schön, so doch als erfolgreich. Spanien setzte den Gegentrend - ohne in Hurra-Fußball zu verfallen. Das Spiel dieser Mannschaft war taktisch nicht weniger hochklassig, zusätzlich aber noch schön anzusehen.
Vor allem aber diente die Schönheit und Eleganz des Spiels immer einem Zweck. Wenn sich Iniesta und Xavi im Mittelfeld mit der Hacke den Ball zuspielen, ist das eben keine fußballerische Angeberei, wie sie zum Beispiel bei Cristiano Ronaldo öfter zu beobachten ist - sondern die in dieser Situation beste Art, den Mitspieler mannschaftsdienlich einzubinden. Das macht Weltmeister aus. Offensiver Zweckfußball sozusagen, bei dem sich die Ästhetik wie von selbst einstellt.
Und es spricht für das Team, dass es selbst gegen extrem defensive Gegner spielerisch überzeugte, teilweise brillierte.
Spanien spielte zusammen mit Deutschland den besten Fußball der WM. Im Halbfinale zeigte sich, dass sich der Abstand zwischen beiden Teams seit dem EM-Finale verringert hat - aber immer noch groß ist.
Eleganz verdeckt Effizienz
Spanien spielte so attraktiv, dass kaum auffiel, wie effizient die Mannschaft arbeitete. Wer nur acht Tore in sieben Spielen braucht, um Weltmeister zu werden, muss hervorragend verteidigen. Spanien ließ im gesamten Turnier nur zwei Gegentreffer zu - beide in der Vorrunde beim 0:1 gegen die Schweiz, das als Fußnote in die WM-Geschichte eingehen wird, und beim 2:1 gegen Chile. Dies zeigt, dass die Verteidigung ebenso wie die Offensive weltmeisterlich war.
Wer so abgeklärt spielt, dass vier Tore genug für vier gewonnene K.o.-Spiele sind, hat eben Vorteile gegenüber Teams wie Argentinien, das zwar über ähnlich gute Angriffsspieler verfügt, diese aber nicht zur Defensivarbeit bewegen kann. Und er braucht sich schon gar nicht dafür zu schämen, dass alle Ergebnisse ab dem Achtelfinale 1:0 lauteten - auch wenn Spaniens Abwehr besonders im Finale wackelte und Arjen Robben zweimal frei vor Torwart Iker Casillas stand.
All das war nach dem Abpfiff vergessen, als Casillas und sein Abwehrspieler Gerard Piqué vor Freude weinten und sich die gesamte Mannschaft in den Armen lag. Das Team, das auf dem Rasen des Soccer-City-Stadions jubelte, hatte sich den Titel verdient - die Zeit war reif für einen solchen Weltmeister.
Er taugt als Vorbild für jede Elf.
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