Fußballprofi Túlio: Auf Pelés Spuren 

Von und Sebastian Knoth

Bei Botafogo verehrt, in der Seleção abserviert, in Europa gescheitert: Túlio hat schon viel erlebt - aber noch immer nicht genug. Ein letztes Ziel treibt den 42-Jährigen an. Das Magazin "11Freunde" stellt den Stürmer vor, der die Marke von 1000 Toren knacken will.

Stürmer Túlio (r.): "Das Einzige, was ich wirklich kann, ist Tore schießen." Zur Großansicht
REUTERS

Stürmer Túlio (r.): "Das Einzige, was ich wirklich kann, ist Tore schießen."

An einem Märzabend des Jahres 1996 wurde Túlio Humberto Pereira Costa unsterblich. Im Gruppenspiel der Copa Libertadores gegen Universidad Católica aus Chile fiel dem Angreifer von Botafogo im gegnerischen Fünfmeterraum der Ball vor die Füße. Doch statt ihn schnöde ins leere Tor zu schieben, vollzog Túlio eine Drehung um 180 Grad, klemmte sich die Kugel zwischen beide Füße, zog sie sanft nach oben und kickte den Ball dann mit der rechten Hacke ins Tor (Video).

Es war die Geburtsstunde des "tuleta". Fragt man die Leute auf den Bolzplätzen von Belém bis Porto Alegre heute danach, drehen sie sich wortlos um, ziehen den Ball hoch und schießen ihn mit dem Absatz ins Tor. "Es war eine Art kindlicher Einfall", sagt der heute 42-Jährige zu seiner damaligen Aktion, "und es war der Startschuss für meine Mission." Nach dem Abpfiff erzählte er den Mitspielern von seinem Traum: Er wolle in den exklusiven Club der 1000-Tore-Männer. Dem gehören bis dato lediglich drei brasilianische Fußballer an: Arthur Friedenreich, Pelé und Romário. Die Kollegen lachten Túlio aus, aber seit jenem Abend war er auf der Jagd nach der magischen Marke. Er ist es noch heute.

"Ich bin kein Mythos wie Pelé und kein Genie wie Garrincha, kein Jahrhunderttalent wie Maradona und auch kein Phänomen wie Ronaldo", sagt Túlio, wenn man ihn auf seine Fähigkeiten anspricht. "Das Einzige, was ich wirklich kann, ist Tore schießen."

Zweimal in Europa gescheitert

Zweimal versuchte er sein Glück in Europa: 1992 wurde er mit dem FC Sion Schweizer Meister, zehn Jahre später holte er in Ungarn mit Ujpest Budapest den Pokal. Doch warm geworden ist er mit dem europäischen Fußball nie. "Ich musste viel mehr laufen als in Brasilien. Das ist nicht meine Welt."

Damit auch ja niemand vergisst, mit wem er es zu tun hat, lässt sich Túlio regelmäßig seine aktuelle Torbilanz als Rückennummer aufs Trikot flocken. Er ist der einzige Spieler, der in den drei höchsten brasilianischen Ligen Torschützenkönig wurde. Und die Jagd geht weiter. Nachdem Túlio zuletzt einige Monate vereinslos war, heuerte er zu Jahresbeginn beim Clube Sociedade Esportiva an, irgendwo in den unteren Regionen des scheinbar endlosen brasilianischen Ligensystems. In seinem ersten Spiel traf er gleich dreifach, das Trikot mit der Nummer 975 wurde direkt nach dem Abpfiff entsorgt.

Mit jedem Treffer kommt Túlio außerdem seiner Rückkehr in die erste Liga ein Stückchen näher. "Wenn noch sieben Tore fehlen, gehe ich zurück zu Botafogo", meint er. "Ich will meine Mission bei meiner großen Liebe beenden." Der Club hat dem Altstar das Comeback fest zugesagt. Es soll ein PR-Spektakel werden. Liveübertragung, Tränen und reichlich Konfetti inklusive. Trikots mit der Nummer 1000 soll der Club aus Rio de Janeiro bereits in großer Auflage geordert haben. Santos hatte Pelé, Vasco da Gama hatte Romário und Botafogo hat bald wohl Túlio.

Túlio ist die brasilianische "Hand Gottes"

Einst erbte er beim Verein die Nummer 7 des legendären Garrincha. Und zumindest im Jahr 1995 gelang es ihm, die übergroßen Fußstapfen des legendären Dribblers auch auszufüllen. Túlio wurde Torschützenkönig der ersten Liga, sicherte Botafogo mit seinem Siegtor im Finale gegen Santos den Titel und lief sogar für die Seleção auf. Insgesamt gelangen ihm in 15 Länderspiele 13 Tore. Irgendwann wurde er trotzdem nicht mehr nominiert. "Für die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta war ich zu alt, und nach dem Turnier hat Trainer Mário Zagallo mich einfach nicht mehr berücksichtigt."

Dabei hat er den Brasilianern mal ihre eigene "Hand Gottes" beschert. 1995 pflückte er im Viertelfinale der Copa América gegen Argentinien den Ball mit der Hand herunter und glich zum 2:2 aus. Das anschließende Elfmeterschießen gewann Brasilien. "Natürlich war das Hand, aber das würde ich im Spiel niemals zugeben." Die Morddrohungen aus Argentinien hat er irgendwann nicht mehr gezählt.

In Brasilien lieben sie ihn bis heute. Einst tauften sie ihn "Túlio Maravilha" - Túlio, der Wunderbare. Der weiß schon genau, wie sein tausendstes Tor werden soll. Ein Elfmeter wie bei Romário oder Pelé? Ganz sicher nicht. "Ich werde im Sechzehner lauern und auf meine eine Chance warten. Und wenn es so weit ist, werde ich den 'tuleta' probieren." Um ein zweites Mal unsterblich zu werden.

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