Fußballskandal Treibjagd im öffentlichen Strafraum

Die Ermittlungen im Wettskandal entwickeln sich zu einer öffentlichen Treibjagd. Täglich kursieren neue Namen aus den Aussagen Robert Hoyzers. Die Verdächtigen gestehen oder dementieren umgehend. Dem DFB und den Ermittlern entgleitet das fast öffentlich geführte Strafverfahren zunehmend, die Fahnder fürchten um ihre Recherchen.

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Festnahme im Cafe King: Soap Opera
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Festnahme im Cafe King: Soap Opera

Berlin - Es war am Montagabend gegen 18 Uhr, als wieder einmal eine Bombe im Fall des Ex-Schiedsrichters Robert Hoyzer platzte. Per Vorabmeldung veröffentlichte die "Bild"-Zeitung die Namen von mehreren Schiedsrichtern und Spielern. Alle von ihnen soll Hoyzer in seiner ausführlichen Vernehmung am vergangenen Freitag vor einer Berliner Staatsanwältin belastet haben. Laut seiner umfassenden Aussage sollen sie wie er selbst an den Manipulationen von Spielen beteiligt gewesen sein. Wieder einmal blieb den Nachrichtenagenturen in diesem Fall nur zu berichten übrig, dass sich der Fall erneut ausweitet.

Die Veröffentlichung der Namen stellt einen vorläufigen Höhepunkt in einem schon jetzt kuriosen Verfahren dar. Aus einem bei der Staatsanwaltschaft geführten Strafverfahren wird zunehmend eine öffentliche Ermittlung, in der Vernehmungen, Geständnisse oder Unschuldsbehauptungen und Durchsuchungen umgehend zu Schlagzeilen werden. Wohl noch nie zuvor in einem solchen Verfahren sind so viele Details so schnell an die Öffentlichkeit gelangt wie im Fall des inkriminierten Schiedsrichters, der durch seine Aussagen die heile deutsche Fußballwelt ins Wanken bringt.

Für die Beteiligten beim Deutschen Fußballbund und der Berliner Staatsanwaltschaft müssen die Alarmglocken schon lange klingeln. An jedem Tag, der seit den ersten Hinweisen auf die Manipulationen vergeht, gleitet das Verfahren sportlich dem DFB und strafrechtlich der ermittelnden Staatsanwaltschaft mehr und mehr aus den Händen. Der Straffall Hoyzer, bisher unter dem Stichwort Betrug geführt, mutiert mitunter zu einer öffentlichen Soap-Opera á la "Marienhof" oder "GZSZ". Statt einer Anklageerhebung, Beweisführung und Urteil im Gerichtsaal finden diese umgehend auf bunt bedruckten Zeitungsseiten statt.

Ex-Schiedsrichter Hoyzer: Kamera im Beichtstuhl
DPA

Ex-Schiedsrichter Hoyzer: Kamera im Beichtstuhl

Für viele besorgte Fußball-Fans hat der öffentliche Multiplikator-Effekt auch Vorteile. Wohl kaum wäre der zuerst als ungeheuerlich eingestufte Verdacht gegen die Schiedsrichter und die Spieler ohne die intensive Begleitung der Medien so schnell und plötzlich auch von zuvor reichlich lahm agierenden Beteiligten wie einigen DFB-Verantwortlichen angegangen worden. Ebenso wenig wären in den ersten Tagen einer Affäre so viele Schuldgeständnisse der Beteiligten heraus gekommen. Den recherchierenden Medien Vorwürfe zu machen, gliche da dem Dekret eines Pharisäers. Gleichwohl ist der Verlauf der Affäre ein Kuriosum, das es so bisher wohl noch nie gegeben hat.

Öffentliche Beichten im Fernsehen

Die Folgen der vorab gemeldeten "Bild"-Geschichte unter der Schlagzeile "Das sind sie!" ließen am Montagabend nicht lange auf sich warten. Noch am Abend gestand der Ersatztorhüter von Dynamo Dresden, Ignjac Kresic, die Annahme von 15.000 Euro vor einem Spiel. Wie schon Thijs Waterink vom SC Paderborn, der am Wochenende nach der Veröffentlichung von Verdachtsmomenten seine Schuld hastig eingeräumt hatte, legte auch Kresic seine Beichte nicht bei einem Staatsanwalt oder einer Polizeistelle ab. Vielmehr waren es erneut die Medien, die sich den zuvor veröffentlichten Verdacht aus der Hoyzer-Aussage quasi bestätigen ließen.

Hoyzer-Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner: Öffentliche Vernehmung
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Hoyzer-Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner: Öffentliche Vernehmung

Von Beginn an herrschten im Fall Hoyzer Regeln, die selbst für so manch erfahrenen Staatsanwalt neu sind. Begonnen hatte das kuriose öffentliche Schauspiel schon bei Hoyzers erstem Geständnis. Dies wurde ebenfalls nicht intern bei den Behörden, sondern unter den Augen von ausgewählten Reportern abgelegt. Statt sich in Ruhe mit seinem Mandanten und seinen heiklen Aussagen zu beschäftigen, ließ Hoyzer-Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner sowohl ein TV-Team als auch einen Fotografen live mit am Beichtstuhl in seiner Anwaltspraxis Platz nehmen und das "Geständnis unter Tränen" ablichten.

Die inszenierte Beichte zeigte ihre Wirkung. Fast drohend sagt Hoyzer, dass er beileibe nicht der einzige Betrüger im millionenschweren Fußballgeschäft ist. Damit war klar, dass die schlimme Befürchtung wahr werden könnte, auch in der zweiten oder gar der ersten Bundesliga sei geschummelt worden. Zudem wurde Hoyzer wirksam als möglicher Kronzeuge aufgebaut, ohne den der Skandal nicht aufgeklärt werden kann. Dementsprechend groß fuhren die Zeitungen, allen voran die "Bild", am kommenden Tag die Geschichte.

Notbremse beim DFB

Die vom DFB mittlerweile eingeschalteten Fahnder mussten sich etwas länger gedulden, bis Hoyzer auch bei ihnen die Karten auf den Tisch legte. Zu einer staatsanwaltschaftlichen Vernehmung kam es erst zwei Tage später am Freitagmorgen in Essen. Bei dem Treffen einer Berliner Staatsanwältin und mehreren Polizisten waren diesmal ausnahmsweise keine Kameras zugelassen. Mittlerweile hatte der berüchtigte Berliner Staatsanwalt Hansjürgen Karge das Verfahren an sich gezogen, allen seinen Mitarbeitern einen Maulkorb erteilt und dies sofort mit der Drohung disziplinarischer Maßnahmen verbunden.

Nach dem neuen Muster der öffentlichen Ermittlung ging es im Verlauf der Affäre indes munter weiter. Schon am Freitagabend wusste die "Süddeutsche Zeitung" exklusiv zu berichten, was Hoyzer wenige Stunden zuvor bei den Staatsanwälten ausgesagt hatte. Zumindest abstrakt meldete das Blatt, wen Hoyzer belastet hatte, dass auch weitere Spieler und Schiedsrichter genannt worden seien und wie das Spiel mit den falschen Wetten funktioniert hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren die staatlichen Ermittler gerade erst damit fertig geworden, Durchsuchungsbeschlüsse für die vermeintlichen Treffpunkte der so genannten "Wett-Mafia" zu beschaffen. Fast gleichzeitig mit der Vorabmeldung stürmten sie gegen 18 Uhr das Berliner Lokal "Café King" und nahmen drei Verdächtige fest.

Razzia am Freitagabend in Berlin: Vernehmung noch nicht ausgedruckt
DDP

Razzia am Freitagabend in Berlin: Vernehmung noch nicht ausgedruckt

Am Wochenende drehte sich das Karussell munter weiter. Nachdem erste Anfragen von Journalisten beim DFB auf die Nennung des Schiedsrichters Jürgen Jansen in der Hoyzer-Aussage aufliefen, zog der Verband hastig die Notbremse. Umgehend beorderte die Verbandsspitze, von denen Teile den Vorgang an sich in den Monaten zuvor gelinde gesagt verschlafen hatten, einen anderen Referee auf den Rasen für das anstehende Spiel zwischen Werder Bremen und Hansa Rostock. In einer kuriosen Erklärung teilte der DFB hinterher mit, es gebe zwar keine konkreten Verdachtsmomente gegen Jansen. Trotzdem habe man ihn zu seinem eigenen Schutz für die Partie lieber zurück gestellt. Allein der Verdacht reichte offenbar zu dieser Reaktion.

Vernehmung ohne Polizei

Zeitgleich mit der Absetzung Jansens wurde das öffentliche Schauspiel an anderer Stelle noch obskurer. Kurz vor der Festnahme der drei Verdächtigen aus dem Umkreis des "Café King", in dem Hoyzer die Spielfälschungen angebahnt haben soll, hatte der "Focus" einen der Männer bereits vernommen. So kam es, dass die ersten Aussagen der Männer noch vor ihrer ersten Befragung durch die Polizei öffentlich wurden. Angeblich, so die "Focus"-Meldung, seien auch drei Spieler des Erstligaclubs Hertha BSC verdächtig, weil sie öfter zu Gast im Lokal gewesen waren. Sofort mussten sich auch diese erklären und beteuerten wieder einmal mit eidesstattlichen Erklärungen ihre Unschuld.

Normal ist das Verfahren um Hoyzer schon lange nicht mehr. Dass aus interessanten Großverfahren Details durch Recherchen von Journalisten öffentlich werden, ist nicht so ungewöhnlich und das ureigenste Geschäft von Redaktionen, die etwas auf sich halten. Allerdings ist die Menge an Einzelheiten und vor allem die Schnelligkeit der Übermittlung im Fall Hoyzer schon beeindruckend. "Wir laufen in den letzten Tagen fast mehr den Zeitungsmeldungen hinterher als vorne an", gesteht einer der beteiligten Ermittler des Landeskriminalamts (LKA) Berlin ein, "das hätten wir natürlich gern umgekehrt". So war das Vernehmungsprotokoll von Hoyzer am Freitagabend noch gar nicht oft genug für alle Ermittler kopiert, als die "SZ" mit den ersten Details kam.

Bei der ermittelnden Staatsanwaltschaft sorgt man sich mittlerweile um die eigene Arbeit. "Vorzeitig aus den Ermittlungsakten veröffentlichte Informationen sind für uns sehr schädlich, besonders wenn es sich um die Nennung von Verdächtigen handelt", sagte der Generalstaatsanwalt Dieter Neumann am Freitag SPIEGEL ONLINE. Neumann fügte hinzu, dass die Veröffentlichungen der Arbeit der Fahnder immer mehr im Weg stehen. "Wir sind über die Verbreitung dieser Details unglücklich, doch wir können sie nicht verhindern", so Neumann. Der Generalstaatsanwalt betonte allerdings, dass er nicht von einem Leck in seiner Behörde ausgehe.

Ein Unglück für die Staatsanwälte

Andere Staatsanwälte und Polizisten, die an den Ermittlungen beteiligt sind, finden noch drastischere Worte. "Das mit den Namen war großer Mist, schließlich wollen wir die Herren ja nicht mit vorheriger Ankündigung besuchen", so einer der Chefermittler am Freitag. Mittlerweile können die Fahnder nicht mehr ausschließen, dass die öffentlich genannten Verdächtigen Beweismaterial verschwinden lassen und so eine komplette Aufklärung des Falls verhindern könnten. "Das wäre dann der schlimmste Fall", so einer der Staatsanwälte. Trotzdem werden die Fahnder in den kommenden Tagen Hausdurchsuchungen anordnen. "Ganz überraschend kommen wir da natürlich nicht mehr an", sagt einer der Beteiligten frustriert.

Wer die brisanten Informationen an die Zeitungen spielt, ist bisher reine Spekulation. Vorsorglich hat der Anwalt des selbsternannten Kronzeugen Robert Hoyzer am Freitag erklärt, von ihm kämen die detaillierten Infos aus Hoyzers Aussage nicht. "Es ist offensichtlich so, dass dies über die Anwälte der Inhaftierten geschah, denen im Zuge der Vernehmungen ihrer Mandanten Akteneinssicht gewährt wurde", diktierte Stephan Holthoff-Pförtner der Nachrichtenagentur ddp. "Ich war es jedenfalls nicht", so seine Worte. Wenig später dementierte auch der Anwalt der festgenommenen Kroaten eine Weitergabe der Namen an die Presse.

Bei der Staatsanwaltschaft, die schon in früheren Fällen wie der Friedman-Affäre der gezielten Lancierung von Informationen beschuldigt wurde, gibt man sich ebenso sicher. "Von uns kommt das sicher nicht, es würde ja auch keinen Sinn machen", so einer der Ermittler.

Welche Auswirkungen die schnellen Veröffentlichungen der Namen auf den Fall Hoyzer am Ende für die strafrechtliche aber auch die sportliche Aufarbeitung haben werden, ist bisher kaum abzusehen. Trotzdem haben sich auch die Staatsanwälte daran gewöhnt, ihre Arbeit vom Tage am kommenden Morgen gut dokumentiert in den Zeitungen wieder zu finden. "Mal sehen, was morgen wieder rauskommt", lautet mittlerweile ein gängiges Motto unter den Fahndern.



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