Fußballstar Ronaldo: Der Anti-Glamour-Boy
Cristiano Ronaldo soll für fast 93 Millionen Euro zu Real Madrid wechseln. Ein unfassbarer Betrag? Nein! Selten wurde so viel Geld so gut angelegt. Der Portugiese wird sich bei Madrid durchsetzen. Denn in dem Stürmer steckt viel Torsten Frings - und wenig Andi Möller.
Auf Schalke reifte Cristiano Ronaldo zum Mann. Es war der 1. Juli 2006 mittendrin in der Sommermärchen-WM - und der Tag, an dem der Portugiese zum meistgehassten Menschen in England wurde: Im Viertelfinale gegen die Engländer hatte der Manchester-Spieler Ronaldo vehement eine Rote Karte für den Manchester-Spieler Wayne Rooney eingefordert. Und er bekam seinen Willen. England schied anschließend in der Unterzahl aus, und Rooney ließ verlauten: "Wenn ich Ronaldo das nächste Mal treffe, breche ich ihn in zwei Teile", und die "Daily Mail" eröffnete die Treibjagd: "Lasst diesen Mann nie wieder in unser Land."
Alle Experten waren sich danach sowieso einig: Ronaldo, die Heulsuse, der Fußball-Buffo, wird angesichts dieses Gegenwinds schleunigst das Weite suchen, irgendwohin in den Süden Europas, und England ab sofort großräumig umkurven. Es kam völlig anders, und wie so oft hatten sich die Leute in Ronaldo getäuscht.
In Ronaldo, dem angeblichen Glamour-Boy, der demnächst zum teuersten Spieler der Welt werden wird, steckt weit weniger Andi Möller und weit mehr Torsten Frings, als man bei all den Boulevardschlagzeilen um seine Person glauben möchte.
Damals, 2006, hat er sich geschworen, sich in England durchzuboxen - und erst von da an wurde er zu dem, was er heute ist: der beste Stürmer in Europa bestimmt, möglicherweise gar der beste in der Welt. Und immer an seiner Seite bei Manchester wie Butch Cassidy und Sundance Kid im Western: Wayne Rooney.
Ronaldo ist der klassische Aufsteigertyp, von relativ weit unten bis nach ganz oben. Er kommt aus einer Familie, die so beengt wohnte, dass man die Waschmaschine aufs Dach stellen musste. Als Teenie in den Jugendmannschaften von Sporting Lissabon wurde er gehänselt, weil er, von der Blumeninsel Madeira kommend, den coolen Hauptstadt-Style nicht beherrschte. In einem solchen Milieu werden in diesem Alter Ehrgeiz und Verbissenheit geboren - und Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro hat von all dem mehr als genug.
Wer einmal aus der Nähe gesehen hat, wie Ronaldo sich vor einem seiner berühmten Freistöße aufpumpt, wie er auf die Zähne beißt, breitbeinig wie Gary Cooper vorm Showdown, bevor er dem Ball diese unnachahmliche Flugkurve verleiht - der ahnt, dass all das Show-Brimborium um das vermeintliche Sexsymbol für den 24-Jährigen nur Randnotizen sind. Cristiano Ronaldo will auf dem Platz brillieren, er will nichts weniger als der Allergrößte sein - und genau das steht ihm bei den ganz großen Matches immer noch im Wege.
Wenn es hart auf hart kommt, wenn es um die ganz großen Titel geht, wirkt er gerne mal überspielt, schnell frustriert, geradezu merkwürdig uninspiriert, je länger das Spiel dauert und je weniger es in seinem Sinne läuft. In beiden Champions-League-Endspielen mit Manchester 2008 und 2009 verblasste die Ronaldosche Spielkunst schnell. Im WM-Halbfinale gegen Frankreich gelang ihm wenig, im EM-Viertelfinale gegen die Löw-Elf noch viel weniger. Leichtes Futter für all diejenigen, die in ihm die Memme des modernen Fußballs sehen. Aber vielmehr Ausdruck eines Ehrgeizes, den Ronaldo noch nicht zu kanalisieren gelernt hat.
Cristiano Ronaldo ist immer noch zu wenig lässig, nicht zu viel. Das fehlt ihm noch zum wahren Champion, und es sieht kaum so aus, als könne er dies bei der WM im kommenden Jahr 2010 nachbessern. Wenn es so weiterläuft wie bisher, sind die Portugiesen nicht einmal qualifiziert, und der Superstar des gegenwärtigen Fußballs darf sich die WM am Fernseher anschauen.
Seine diversen Frauengeschichten, sein zu Schrott gefahrener Ferrari, der Bentley Continental GT Speed, die 6,7 Millionen Werbejahreseinahmen von seinem Schuhsponsor Nike, aktuell die Wahl zum "Sexiest Man Alive" durch ein Schwulenmagazin - all das nimmt Ronaldo gern mit. Da ist er würdiger Nachfolger von David Beckham bei Manchester United, von dem er nicht nur die Rückennummer Sieben geerbt hat. In Manchester hatte er allerdings bis jetzt immer den gestrengen Patriarchen Alex Ferguson als Coach im Rücken, der ihn durch die schwierigen Jahre des Erwachsenwerdens geführt hat. Ein Ersatzvater, der bei der portugiesischen Nationalelf im Trainer Luiz Felipe Scolari seine Entsprechung fand. Scolari ist schon vor einem Jahr aus dem Amt geschieden, jetzt verabschiedet sich Ronaldo auch von Ferguson.
Bei Real Madrid, diesem Luftikus von einem Fußballclub, der seit Jahren ohne leitende Hand, ohne Gesicht, ohne Feuer, aber mit unglaublich viel Geld nahezu sportlich führungslos vor sich hin treibt, wird er erstmals komplett auf eigenen Füßen stehen müssen, ohne Trainer-Papa, der ihm den Rücken frei hält.
Und um ihn herum fast nur Superstars, keine Arbeiter mehr, wie er sie mit Fletcher, Carrick, Scholes, Brown oder Lee bei ManU im halben Dutzend um sich hatte. Er wird sich schwer tun. Aber Cristiano Ronaldo wäre nicht er selbst, wenn er sich nicht auch hier durchsetzen würde.
Unfassbare 93 Millionen Euro ist Real dieser Transfer wert. Selten wurde so viel Geld so gut angelegt.
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