Fußballtheorie Mein Porsche, meine Villa, mein Ronaldinho

Transfers gehören für Fußballclubs zu den wichtigsten Entscheidungen - aber frustrierend oft gehen sie völlig daneben. Trainer und Manager lassen sich von Emotionen leiten, von großen Namen blenden. Christoph Biermann erklärt, warum der Faktor Mensch beim Einkauf zu absurden Ergebnissen führt.

Milan-Einkauf Ronaldinho: Statussymbol, das die Erwartungen nicht erfüllen konnte
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Milan-Einkauf Ronaldinho: Statussymbol, das die Erwartungen nicht erfüllen konnte


Es gäbe viele Gründe, warum die Unterstützung durch objektive Analysen bei der Verpflichtung von Spielern eine gute Sache wäre. Ein entscheidender ist aber, dass der Mensch in ökonomischen Theorien schon längst nicht mehr als rational handelndes Wesen gesehen wird.

Wie irrational der Mensch bei der Bewertung von Produkten funktioniert, hat der Verhaltensökonom Dan Ariely in verschiedenen Versuchen nachgewiesen. Bei einem Sehtest mit Sonnenbrillen sollten die Probanden in starkem Gegenlicht Wörter von einer Tafel ablesen. Sie hatten immer die gleichen Gläser, die aber in unterschiedliche Gestelle gefasst waren. Wenn man den Testpersonen vorher sagte, dass die Sonnenbrille von Armani oder einem anderen namhaften Hersteller sei, konnten sie die Wörter besser entziffern. Nun sind Fußballprofis zwar keine Produkte wie Sonnenbrillen, aber die Prozesse, bei denen über ihre Verpflichtung entschieden wird, unterliegen oft ähnlichen Fehlwahrnehmungen.

Erstaunlich fand ich, was mir der Präsident eines Bundesliga-Clubs kopfschüttelnd erzählte. Er hatte nämlich festgestellt, dass sein Trainer ganz begeistert von teuren Neuzugängen war. Man würde annehmen, dass jeder Coach am liebsten ein von allen anderen Experten übersehenes Talent verpflichten und ganz groß herausbringen würde, um sein Können zu beweisen. Aber so ist es nicht immer. Für diesen Trainer etwa war es ein Statussymbol, dass er mehrere Millionen Euro teure Spieler transferieren durfte. Mein Auto, mein Haus, mein Stareinkauf!

Selbst ein mittelmäßig talentierter Kicker aus Brasilien verspricht Ballzauber

Auf eine weitere Verzerrung bei der Wahrnehmung von Spielern wies mich vor einigen Jahren der amerikanische Nationaltorhüter Kasey Keller hin, der damals bei Borussia Mönchengladbach spielte. Vor dem Wechsel nach Deutschland hatte er in England und Spanien gespielt und dabei festgestellt, dass die Bewertung von Spielern oft mehr mit ihrer Herkunft als ihrer Leistung zu tun hatte. "Giovanni van Bronckhorst ist das beste Beispiel. Er ging von den Glasgow Rangers zu Arsenal, scheiterte dort, und wohin wechselte er? Zum FC Barcelona. Dafür muss man schon Holländer sein", spottete Keller.

Nun mag man argumentieren, dass der eher leichtfüßige van Bronckhorst beim FC Barcelona in der spanischen Liga einfach besser aufgehoben war als im britischen Fußball, doch im Prinzip hatte Keller recht. Die Wahrnehmung vieler Trainer und Manager ist dadurch geprägt, woher ein Spieler stammt. Die meisten möchten lieber einen Brasilianer verpflichten als einen Finnen, weil selbst ein mittelmäßig talentierter Kicker aus Brasilien irgendwie Ballzauber verspricht.

Fehler können nicht ohne großen wirtschaftlichen Schaden repariert werden

Dass es hingegen schwer ist, der mit großem Vorsprung beste Spieler Bulgariens zu sein, musste Dimitar Berbatow erfahren. Trotz seiner überragenden Klasse spielte er lange bei Bayer Leverkusen und wechselte erst über den Umweg Tottenham Hotspur zu Manchester United. "Balkan, das klingt nach Nerverei", erklärte mir der Mitarbeiter eines deutschen Bundesligisten. Oft sind Transfers aus Brasilien zwar noch viel komplizierter, doch während das fast schon als Teil der Folklore wahrgenommen wird, gelten ähnliche Schachereien mit Spielern aus dem Osten Europas als Gegenargument.

Transfers gehören zu den wichtigsten unternehmerischen Entscheidungen, die in einem professionellen Fußballclub gemacht werden. Sie sind wegweisend für die Entwicklung, denn Fehler können meistens nicht ohne großen wirtschaftlichen Schaden wieder repariert werden. Daher müsste man eigentlich davon ausgehen, dass jeder Transfer ein Ergebnis tiefgehender Analysen ist. Doch diese Vorstellung ist naiv.



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