Fußballtheorie Schachmatt für Magath

Was haben Fußball und Schach gemein? Sehr viel, glaubte lange Zeit Felix Magath. Als Bundesliga-Coach versuchte er, Parallelen zwischen Brettspiel und Ballsport herzustellen. In seinem aktuellen Buch analysiert Christoph Biermann die taktischen Denkexperimente des Meistermachers.

Magath als HSV-Profi: "Keiner läuft alleine herum"
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Magath als HSV-Profi: "Keiner läuft alleine herum"


1978 erkrankte Felix Magath an Gelbsucht, er war 25 Jahre alt und stand beim Hamburger SV unter Vertrag. Magath musste wochenlang im Bett liegen und sich auskurieren, während die aufsehenerregenden Partien um die Schachweltmeisterschaft zwischen Wiktor Kortschnoi und Anatolij Karpow stattfanden. Kortschnoi war zwei Jahre vorher aus der UdSSR geflohen, Titelverteidiger Karpow galt als loyaler Repräsentant der Sowjetunion; über ihren Partien lag der Schatten des Kalten Krieges.

Magath zog die Begegnung aber nicht wegen ihres politischen Hintergrundes in den Bann, er war einfach dem Reiz des Schachspiels erlegen. Tagelang schaute er der Fernsehübertragung zu und folgte aufmerksam der Kommentierung durch den Großmeister Helmut Pfleger. Nach seiner Genesung meldete er sich beim Hamburger Schachklub von 1830 an und nahm bei dem bekannten Schachlehrer Gisbert Jacoby zusätzliche Privatstunden.

30 Jahre später spielte Magath immer noch Schach und war Trainer beim VfL Wolfsburg, als er mit Jacoby und einem befreundeten Journalisten eine Theorie des Fußballs zu entwickeln begann. Schach kennt schon lange eine ausgiebige Theoriebildung. Die drei Phasen des Spiels, Eröffnung, Mittel- und Endspiel, sind vielfach analysiert und seziert worden. Es gibt Theorien zum Spiel mit dem Bauern oder dem Turm, die Literatur zu all dem ist uferlos.

Man muss das Zentrum in den Griff bekommen

"Sowohl im Fußball wie im Schach stehen sich zwei Mannschaften in einem abgegrenzten Feld gegenüber, und das jeweilige Ziel liegt auf beiden Stirnseiten in der Mitte", sagt Magath, "daraus leiten sich gleiche Taktiken ab." Im Schach ist es das wichtigste Merkmal, das Zentrum in den Griff zu bekommen und zu kontrollieren.

"Beim Fußball muss mir das ebenfalls gelingen, denn damit habe ich die Kraft, das Spiel zu entwickeln. So begreift man auch, dass die Position vor der Abwehr ganz wichtig ist. Wenn dieser Raum nämlich dem Gegner zur Verfügung steht, hat er eine unheimliche Kraft, und die Abwehr kann im Grunde wenig machen. Umgedreht müssen die Verteidiger nicht so stark sein, wenn der Raum vor ihnen kontrolliert wird."

Der Sechser - Notstopfen und Spieleröffner

Die Feststellung, dass der Raum vor der Abwehr im Fußball entscheidend ist, schlägt sich auch in der Wichtigkeit nieder, die man heute im Fußball dem sogenannten Sechser zubilligt, dem Spieler vor der Abwehr. Und es erklärt auch, warum so viele Mannschaften diese Position doppelt besetzen. Zwei Spieler in diesem strategisch wichtigen Raum entlasten die Abwehr gewaltig und lassen weniger talentierte Verteidiger immer noch gut aussehen. Doch die Sechser sind nicht nur die Notstopfen vor der Abwehr, sondern auch von höchster Bedeutung in der Spieleröffnung. Denn oft beginnt das Angriffsspiel heutzutage dort, wo sie spielen. Vor allem im Moment des Umschaltens, wenn man dem Gegner den Ball abgejagt hat und seine kurzzeitige Unordnung ausnutzt, kann ein defensiver Mittelfeldspieler mit strategischen Fähigkeiten spielentscheidend sein.

Wenn sich aber auf dem Rasen oder auf dem Schachbrett alles in der Mitte zusammendrängt, gibt es eine Suche nach Aus- und Umwegen, die meistens auf die Flügel führt. "Entweder man findet in der Mitte eine Lücke, oder man zieht den Gegner so massiv auf eine Seite, dass er sich selbst einengt. Das gibt Raum, um über die andere Seite anzugreifen", sagt Magath. Im Fußball versucht man daher, mit gezielten Seitenwechseln den Gegner zu destabilisieren.

Die Suche nach der passenden Antwort

Bei der Auseinandersetzung mit dem Schachspiel wurde Magath noch einmal deutlich, wie wichtig die so oft beschworene Kompaktheit ist. Dass "also keiner allein herumläuft", sondern Figuren oder Spieler miteinander verbunden sind. Außerdem ist Magath über Schach zu dem Schluss gekommen, dass es auch im Fußball eine Suche nach dem Optimum geben muss. "Im Schach gibt es in jeder Situation eine beste Lösung." Das Bewusstsein dafür will er seinen Spielern beibringen. Magath lehrt deshalb keine Konzepte, er grenzt sich sogar eindeutig von den Kollegen ab, die Laufwege festlegen oder Spielzüge entwerfen wollen. Ihm geht es darum, dass seine Spieler auf die wechselnden Anforderungen immer die passende Antwort finden.

Schach mag Magath viele Anregungen für seine Arbeit als Fußballtrainer geliefert haben, aber der Versuch, daraus einen großen Entwurf zu entwickeln, ist gescheitert. "Es hat sich als zu schwierig dargestellt, das Fußballspiel in eine Theorie zu fassen." So wird es wohl noch etwas länger ohne bleiben, denn liest man die Lehrbücher von Magaths großen Kollegen, ist man immer wieder verblüfft, wie wenig systematisch sie sind. Es gibt dort viele, oft brillante Ideen zum Spiel, man findet raffinierte Handlungsanweisungen und pointierte Beobachtungen, aber keinen großen Wurf im Sinne eines theoretischen Überbaus.

"Schachfiguren verspringt kein Ball"

Schach hilft als Folie nicht, meint Magath, weil Fußball so dynamisch ist und jeder Spieler auf dem Rasen im Unterschied zur Figur auf dem Brett eine vielfache Bedeutung hat. Der Wert einer Schachfigur ist genau zu benennen, und ihre Möglichkeiten sind klar definiert. Der Läufer zieht seine Diagonalen, der Turm bewegt sich entlang der Geraden, und das Pferd springt wie im Dribbling ums Eck. Doch ein Fußballspieler vereint im besten Fall alle Fähigkeiten, wird sie aber nie gleichmäßig abliefern können. "Schachfiguren verspringt kein Ball, weil sie schlecht geschlafen haben", sagt Magath.

Als Steinbruch für Anregungen wird er das Schachspiel weiter nutzen. Zumal Magath der Ansicht ist, dass in beiden Spielen die Auseinandersetzung mit den gleichen Grundelementen nötig ist. "Beide Spiele bestehen aus den Faktoren Kraft, Raum und Zeit."



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