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Fußballtheorie: Warum das Raumschiff Real abstürzte

Sie galten als unbesiegbar - Anfang des Jahrtausends zimmerte Real-Präsident Florentino Pérez ein nie gesehenes Star-Ensemble um Edelspieler wie Figo und Beckham. Warum die Galaktischen damals dennoch scheiterten, erklärt Christoph Biermann am Beispiel der Space-Shuttle-Katastrophe von 1986.

Real Madrid: Die Galaktischen Fotos
AP

Fußballclubs sind seltsame Unternehmen. Sie stellen eine Ware her, die man weder anfassen noch handeln kann. Ihr Unternehmensziel ist flüchtig, sieht man einmal von den Gravuren auf Pokalen oder anderen Trophäen ab. Mögen sie inzwischen auch in Deutschland Unternehmen sein oder an der Börse notiert, ihr Ziel ist es nicht, den Gewinn zu maximieren. Fußballvereine stellen Siege her und versuchen, dabei einigermaßen in wirtschaftlichem Gleichgewicht zu bleiben.

Niemand wird aber bestreiten, dass Erfolg im Fußball mit finanziellem Einsatz zu tun hat. Der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Szymanski hat das am Beispiel von 40 englischen Clubs der Jahre 1978 bis 1997 nachgewiesen. In England ist es transparenter als in Deutschland, was die Clubs für ihre Spieler ausgeben. Beim Verhältnis der Personalausgaben zum erreichten Tabellenplatz konnte Szymanski eine Übereinstimmung von 92 Prozent finden. Man bekommt also meistens das heraus, was man investiert hat.

Welcher Mechanismus dabei am Werke ist, zeigt das Zidane-Clustering-Theorem. Abgeleitet war es von der O-Ring-Theorie des Harvard-Professors Michael Kremer, und Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut hatte es 2006 aufgestellt. Der O-Ring war ein nur wenige Dollar teurer, defekter Dichtungsring im Space Shuttle. 1986 hatte er die Explosion des Raumschiffs verursacht, sieben Menschen kamen ums Leben, und die viele Millionen Dollar teure Raumfähre wurde zerstört. Die O-Ring-Theorie besagt, dass bei komplementären Produktionsprozessen der schlechteste Inputfaktor über die Qualität des ganzen Produkts entscheidet.

Qualität der Spieler wird nicht addiert, sondern multipliziert

Vöpel geht davon aus, dass es bei Fußballmannschaften nicht anders ist. Auch dort sei ein Prozess zu beobachten, bei dem ein schwacher Spieler durch individuelle Fehler die Mannschaftsleistung erheblich schwächen kann. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, müsste man seiner Meinung nach die Leistung einer Mannschaft nicht danach bemessen, dass man die Qualität der Spieler addiert, sondern multipliziert.

Die Feststellung, dass gute Spieler ihre Nebenleute besser machen, fasste Vöpel im Lauth-Axiom zusammen: "Die Leistung eines Spielers hängt positiv von der Qualität seiner Mitspieler ab." Ein Spieler von der Klasse eines Zinédine Zidane würde daher Benjamin Lauth zu einem besseren Spieler machen. Vöpel ging aber noch einen Schritt weiter, indem er dazu ergänzend das Klose-Axiom formulierte, wonach Miroslav Klose stärker von einem Zidane in der Mannschaft profitieren würde als Lauth. "Je höher die eigene Qualität des Spielers ist, desto größer ist die Leistungssteigerung durch andere Spieler." Aus diesen beiden Axiomen leitete Vöpel das Zidane-Clustering-Theorem ab, das besagt: "Spieler gleicher Qualität clustern sich, das heißt Mannschaften sind im Gleichgewicht auf allen Positionen qualitativ homogen besetzt."

Er hatte versprochen, Luís Figo zu verpflichten, und hielt Wort

Zinédine Zidane war Teil von Los Galácticos bei Real Madrid. Die vorgeblich galaktische Mannschaft war das Ergebnis eines Marketingkonzeptes von Florentino Pérez, der damit im Jahr 2000 zum Präsidenten von Real Madrid gewählt wurde. Er hatte versprochen, den Portugiesen Luís Figo vom Erzrivalen FC Barcelona zu verpflichten, und hielt Wort. Der Transfer kostete damals die Rekordsumme von 60 Millionen Euro, die aber schon im nächsten Jahr übertroffen wurde, als Real Madrid für Zidane 74,5 Millionen Euro an Juventus Turin überwies.

Der Galácticos-Doktrin von Pérez folgend, kam auch in den nächsten Jahren jeweils einer der absoluten Superstars zu seinem Club. 2002 war es Ronaldo von Inter Mailand, 2003 David Beckham von Manchester United und 2004 schließlich Michael Owen aus Liverpool. Mit den Spaniern Raúl und Iker Casillas sowie dem Brasilianer Roberto Carlos bildeten sie eine Art Weltelf und machten den Club zu einer globalen Marke. Real steigerte seine Vermarktungserlöse und ist seit 2005 der umsatzstärkste Fußballclub der Welt.

Gesamtwert von Real blieb hinter der Konkurrenz zurück

Obwohl Real das Champions-League-Finale 2002 gegen Bayer Leverkusen gewann und damit den Europapokal der Landesmeister zum neunten Mal, war die Ära der Galaktischen nur zu Beginn sportlich erfolgreich. Defensivspieler, so sah es die Doktrin nämlich vor, sollten vor allem aus dem eigenen Nachwuchs kommen, durften jedenfalls nicht viel Ablösesumme kosten, weil sie als zu wenig glamourös galten und nicht zum globalen Vermarktungserfolg beitrugen.

Das Ungleichgewicht im Team bestätigte das Zidane-Clustering-Theorem insofern, als die Spielerqualität in der Abwehr mit der Zeit zu schlecht geworden war. Die Klasse von Zidane multiplizierte sich in der Defensive mit einem zu geringen Wert, sodass der imaginäre Gesamtwert von Real hinter der Konkurrenz zurückblieb. Das Scheitern von Mannschaften kann man mit der Explosion des Space Shuttle vergleichen, es geht immer um das schwächste Teil.

Real verpflichtete in der Abwehr und im defensiven Mittelfeld eine Reihe von Spielern, die auch später ihren Mangel an Spitzenklasse bestätigten, wie den Argentinier Walter Samuel, den Dänen Thomas Gravesen, den Brasilianer Cicinho oder den Uruguayer Pablo García. Sie und eine Reihe von Kollegen waren die untauglichen Dichtungsringe, die letztlich dafür sorgten, dass die Mission der Galaktischen im Sommer 2007 zu Ende ging, als David Beckham von Madrid nach Los Angeles wechselte. Ronaldo war schon ein halbes Jahr vorher gegangen, und Zidane hatte nach der WM 2006 seine Karriere beendet. Das Zidane-Clustering-Theorem zeigt, dass eine Fußballmannschaft sich mit fußballerischen Billigteilen in höchste Gefahr begibt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Pablo García sei Spanier. Das ist falsch. Richtig ist, dass García Uruguayer ist. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. Viel Rauch um Nichts
Leser222 23.09.2009
Fussballspiele gewinnt man in der Abwehr, und dass ein Brett an der dünnsten Stelle bricht, ist ebenfalls eine Binse. Vielen Dank dass Sie diesen Luftballon für uns aufgeblasen haben, Herr Biermann.
2. na und?
laika 23.09.2009
Was sagt uns das? Wenn man tolle Spieler kauft, die besser sind als andere, hat man tolle Spieler, die besser sind als andere. aber: Wenn man dazu eine Strickliesel ins Tor stellt, wird es schwerer zu gewinnen. ach nee.
3. Ja mei
Svenner80 23.09.2009
Der Kaiser würde zu diesem Artikel wohl sagen: Ja, ist denn heut' schon 1. April?
4. Ziemlich aufgeblasener Artikel
dannyomat 23.09.2009
Vorne gewinnt man Spiele, hinten die Saison. Eine uralte Fußballweisheit, neben der ein Klose-Axiom, die O-Ring-Theorie oder das Zidane-Clustering-Theorem einfach nur lächerlich erscheinen... Dies ist im übrigen beispielsweise durch den Fakt unterlegt, dass über die letzten Jahrzehnte tendenziell immer weniger Tore im Fußball fallen...
5. Meinung aus Madrid
carlos.b 23.09.2009
Meiner Meinung nach, abgesehen von komplizierten Theorien, der Hauptgrund des schnellen Endes der "Galaktischen" Ära liegt daran, dass die Stars schon ein gewisses Alter hatten, als sie bei Real Madrid angestiegen sind. Die hatten schon ihre beste Karrierezeiten hinter sich und haben nur auf Topniveau ein Paar Jahre durchgehalten. Zum Glück hat Florentino Pérez, in seinem zweiten Amtszeit, den Fehler nicht erneut begangen und jüngere Spieler engagiert. P.S. Pablo García war kein Spanier, sondern aus Uruguay
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