Fußballtrainer als Furien Tage des Zorns

Wenn Trainer zum verbalen Rundumschlag ausholen, dann sollten Journalisten ihre Mikrofone anschalten. Sonst verpassen sie womöglich knallharte Medienschelten, ausufernde "Mistkäsescheißdreck"-Reden oder schrille Demonstrationen. Das Magazin "11FREUNDE" erinnert sich an die besten Ausfälle.

Ungehaltener Schalke-Trainer Magath: Schimpfend vor der Kamera
AP

Ungehaltener Schalke-Trainer Magath: Schimpfend vor der Kamera


Man kennt Felix Magath als beherrschten Zeitgenossen. Selbst kurz nach gewonnenen Meisterschaften wirkt der Coach stets, als nähme er gerade im Salon eines englischen Landhauses ein gutes Tässchen Tee zu sich. Umso überraschender, dass Magath sich jüngst nach dem Revierderby gegen Borussia Dortmund vor laufender Sky-Kamera über eine vermeintlich parteiische Berichterstattung erregte, wild mit dem Mikrofon herumfuchtelte und schließlich grußlos aus dem Studio stürmte.

Zwar kehrte er dann doch noch kurz um, nachdem ihm Moderator Jan Henkel gouvernantenhaft hinterher gerufen hatte: "Ich würde Ihnen noch die Hand geben." Doch anschließend moserte Magath im Off lautstark weiter, was Henkel mit leicht panischem Unterton kommentierte: "Ich höre ihn draußen noch schimpfen." Was wiederum vermuten ließ, der Schalker Trainer werde gleich noch mal wiederkommen, um den Talktisch umzuschmeißen und die Studiodekoration zu zerlegen. Zu fein temperiertem Slapstick wurde die Szenerie vor allem durch den derweil nahezu regungslos wie "Chewbacca" (Blogger Frank Baade) dastehenden Dortmund-Coach Jürgen Klopp, der die Verwirrung um Magaths plötzlichen Abgang schließlich nutzte, um sich ebenfalls händeschüttelnd vom Acker zu machen.

Große Gefühle im kleinen Sky-Studio. Und der abermalige Beleg, dass Spieler, wenn sie nach dem Abpfiff im verschwitzten Trikot vor die Kameras gezerrt werden, zwar immer mal für eine vergurkte Metapher ("eine Invasion gelegt") oder ein missratenes Wortspiel gut sind. Große Unterhaltung auf der Langstrecke aber wird verlässlich nur von den Übungsleitern geliefert. Und das in allen Facetten: Knallharte Medienschelte wie bei Felix Magath, gnadenlose Abrechnungen mit dem Schiedsrichtergespann von Horst Ehrmantraut, Verschwörungstheorien wie bei Christoph Daum und Generalabrechnungen im Stile Werner Lorants ("Mich kotzt das alles so an").

Trapattonis legendärer Auftritt war der Anfang

Die Anfänge des Genres der Trainer-Comedy werden gemeinhin an jenem 10. März 1998 verortet, an dem Bayern-Coach Giovanni Trapattoni die Münchner Journaille zur Pressekonferenz lud, um dann in deutsch-italienischem Kauderwelsch und wild gestikulierend die eigene Mannschaft niederzumachen. Doch was wirkte wie die spontane Brandrede eines enttäuschten Grundausbilders, war in Wirklichkeit eine perfekt geplante Inszenierung.

Trapattoni hatte zuvor italienische Korrespondenten angespitzt, unbedingt vorbeizuschauen. Es werde etwas zu hören und zu sehen geben. So aber fehlte dem Vortrag jene unabdingbare Spontaneität und Improvisation, die aus medialen Inszenierungen große Unterhaltung werden lassen.

Stattdessen sind andere Pioniere zu würdigen. Sir Erich Ribbeck, der als Bundestrainer ja schon genug damit zu tun hatte, seinen Co-Trainer Uli Stielike in höchster Not zum Herrenausstatter zu schicken, fand auch noch die Zeit, den mitreisenden Journalistentross mit an Fichte und Schelling geschulten Weisheiten zu demütigen: "Ich kann es mir als Verantwortlicher für die Mannschaft nicht erlauben, die Dinge subjektiv zu sehen", hob Ribbeck zum Erstaunen der Medienvertreter und ohne erkennbares Amüsement an. "Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv sind. Wenn sie subjektiv sind, dann werde ich an meinen objektiven festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven, subjektiv geäußerten, Meinungen der Spieler mit in meine objektiven einfließen lassen."

Als Ehrmantrauts Stimme immer schriller wurde

Aber auch Horst Ehrmantraut muss gewürdigt werden, der als Trainer des 1. FC Saarbrücken nach dem Spiel bei 1860 München einen denkwürdigen, weil in allen Facetten desolaten Vortrag hielt. Der begann schon legendär: "Ich wollte ja ursprünglich aus Protest über die Leistung des Schiedsrichters gar nichts sagen", um dann aber so richtig loszuledern. Zwischendurch vergaß Ehrmantraut im Eifer des Gefechts sogar, dass er ins Mikrofon sprechen musste und demonstrierte die Fehlentscheidungen des Schiedsrichters mit dem Rücken zur Kamera. Seinen ganz eigenen Charme gewinnt der Auftritt durch die zunehmend schriller werdende Stimme des Coaches. Vermochte er zunächst noch durchaus mannhaft zu raunzen "da kriege ich die Vollkrise", klang Ehrmantraut am Ende stark nach nervlich ruinierter Eiskunstlauftrainerin kurz vor der Punktevergabe.

Auch Rudi Völler ist natürlich zu nennen. Seine ausufernde "Mistkäsescheißdreck"-Rede im dunklen Herbst von Reykjavik 2003 wurde unerwartet zur großen Wagneroper. Wut, Trauer, Enttäuschung, Zorn, aber auch Versöhnung und Zuneigung wechselten sich in rasanter Reihenfolge ab. Dass Völler der fällige Grimme- und Fernsehpreis bis heute vorenthalten blieb, ist ein "Skandal" (Horst Ehrmantraut). Auch weil Völler in ARD-Moderator Waldi Hartmann einen kongenialen Duettpartner fand, der nicht pampig wurde, sondern auch sprachliche Redundanzen zuließ ("So ein Käse! So ein Käse! So ein Käse!") und selbst persönliche Attacken mit Hinweisen auf die skandinavische Prohibition abwehrte ("In Island gibt es kein Weizenbier!").

Dass zwischendurch der ebenfalls bockige Alt-Analyst Günter Netzer zugeschaltet wurde, trug ebenso zur perfekten Inszenierung bei wie der Umstand, dass sich zumindest Hartmann und Völler am Ende wieder so warmherzig versöhnten, dass Romy Schneider und Burkhard Driest ihre helle Freude gehabt hätten. Auch weil das Publikum sich in der medialen Nachbereitung nahezu vollständig auf des Bundestrainers Seite schlug, geriet die Völlersche Rede zur Blaupause für nachfolgende Trainergenerationen. Fortan wussten die Übungsleiter, dass sie vor den Kameras auch hanebüchene Behauptungen aufstellen und kuriose Attacken reiten durften, ohne dafür ernsthaften Ärger zu bekommen.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil der Geschichte: Warum Bundesliga-Trainer manchmal zu Geheimdienstexperten werden, wie Bayern-Coach Louis van Gaal auf ungeliebte Fragen reagiert und warum "sich den Arsch ablachen" schon biologisch ein schiefes Bild ergibt.

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Madiba, 19.04.2010
1. Hotte
Den Artikel muss ich erstmal noch Paroli laufen lassen.
leconnecteur 19.04.2010
2. Terrier
Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.