Job in Berlin Neururers kurze Affäre mit der alten Dame

Peter Neururer hat sehr viele Clubs in Deutschland trainiert. Häufig wurde er gefeuert. So schnell wie 1991 bei Hertha BSC Berlin ging es aber nirgendwo. Ein Buchauszug.

Von Thomas Lötz

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Anfang 1991, nach dem Ende seiner Zeit auf Schalke, ist Neururer zunächst einmal überrascht, dass er kein einziges Angebot aus Deutschland erhält. Neururer hält sich in dieser Phase für einen der Shootingstars im nationalen Trainergeschäft, gemeinsam mit dem inzwischen von Köln zum VfB Stuttgart gewechselten Christoph Daum.

Anfang März erhält Neururer einen Anruf von Reinhard Roder, dem Manager von Hertha BSC Berlin. Der ehemalige Bundesliga-Profi ist nach erfolgreicher Tätigkeit im Jahr zuvor aus Uerdingen an die Spree gekommen. Neururer kennt Roder, die beiden haben in einer Freizeitmannschaft ein paar Mal miteinander gekickt. Roder lädt Neururer zu einem sofortigen Gespräch nach Berlin ein.

Gestartet ist Hertha in die Saison mit Werner Fuchs auf der Bank, im November hat dann Pál Csernai übernommen. In den vier Monaten seiner Amtszeit hat Csernai Hertha nicht vom letzten Tabellenplatz wegführen können. 14 Spieltage bleiben noch, den Abwärtstrend zu stoppen und umzudrehen.

Dass Neururers Schaffensperiode bei Hertha noch kürzer als die seines Vorgängers sein wird, ahnt er zunächst nicht. Neururer ist blind für alle Warnzeichen. Nach einer Serie von zwölf Spielen ohne Sieg, zwei Unentschieden und 16:43 Toren wird Neururer drei Tage nach der Auswärtsniederlage bei Bayern München entlassen. Seine Amtszeit bei der Hertha beträgt 65 Tage.

Hertha BSC ist zu jenem Zeitpunkt, da der Verein mit Neururer verhandelt, ein absoluter Katastrophenclub. Dass der Tabellenplatz Rückschlüsse auf den Zustand des Vereins zulässt, will der Coach damals nicht sehen. Auch als er nach der Landung zum Termin mit Roder am Flughafen bereits von Hertha-Fans willkommen geheißen wird, ehe er überhaupt in Verhandlungen mit dem Club getreten ist, fragt sich der Trainer nicht, woher die Anhänger denn so schnell erfahren haben, dass und vor allem wann er in Berlin ankommt.

"Wenn einer das schaffen kann, dann Sie"

Neururer will endlich in die Erste Liga, entsprechend kann es ihm bei den Verhandlungen gar nicht schnell genug gehen. Ob er glaube, dass er mit der aktuellen Mannschaft den Klassenerhalt noch schaffen könne, fragt ihn Roder. "Ja, klar", sagt Neururer, "kein Problem." Nach den erfolgreich abgeschlossenen Verhandlungen bleibt Neururer gleich in Berlin. Er hat noch nicht unterschrieben und will sich in einem quasi letzten Check am kommenden Morgen ein Bild von seiner neuen Mannschaft machen.

Nach einem mannschaftsinternen Testspiel benennt Neururer Manager Roder jene Spieler, auf die er ab sofort nicht mehr setzen wird. In mindestens einem Fall ist Roder vollkommen entgeistert. "Das geht nicht, den habe ich doch erst für 370.000 Mark von Hajduk Split geholt", sagt Roder über seinen kroatischen Neuzugang Dragutin Celic. In den Augen Neururers ist Celic ein netter Kerl, der allerdings einen recht entscheidenden Makel besitzt: Er kann nicht Fußball spielen.

Nach diesem nachhaltigen Eindruck hat Neururer einen kurzen Moment der Einsicht. Er will den ihm angebotenen Vertrag nicht unterschreiben. Verletzte Leistungsträger, sinnlose Neuverpflichtungen, der Tabellenstand - das wird nichts. Er ruft seine Frau Antje an und sagt ihr, dass er wieder nach Hause kommt. Auch Roder teilt er seine Einschätzung mit, da kommt Theo Gries ins Spiel.

Gries und Neururer kennen sich noch aus gemeinsamen Zeiten in Aachen, wo Starspieler Gries verkauft werden musste, weil die Alemannia klamm war. Gries weiß also um die Qualitäten des Trainers, trommelt die Mannschaft noch am Abend zusammen und bittet Neururer zu bleiben. "Wenn einer das schaffen kann, dann Sie." Neururer lässt sich beschwatzen. Er schiebt die Zweifel zur Seite und denkt nur: Hertha, Traditionsverein, Hauptstadt, erste Liga - vor Schalke. Er unterschreibt.

Neururers Tipp-Kick-Spruch verärgert die Hertha-Führung

Im ersten Spiel, zu Hause gegen Lautern, gibt es eine am Ende unglückliche 0:2-Niederlage. Aber es ist wohl jene Niederlage, mit der der Abstieg besiegelt wird, auch wenn Hertha noch 14 Spiele zu absolvieren hat. Sieben Punkte beträgt der Rückstand. Hinzu kommt der Zustand der Mannschaft, die keine ist. Und Trainingsbedingungen, die keine sind. Zumindest nicht für einen Profifußballverein.

An überraschenden Ideen mangelt es Hertha-Manager Roder hingegen nicht. Im Angesicht des Abstiegs bietet er Neururer eine Vertragsverlängerung an. Der Trainer soll in der Zweiten Liga eine neue Mannschaft aufbauen, mit der dann der sofortige Wiederaufstieg angepeilt werden kann.

Doch nach all den Dingen, die Neururer in der vergleichsweise kurzen Zeit in Berlin erlebt hat, erteilt er dessen Offerte eine Absage. Er hat bereits Gespräche mit den Verantwortlichen beim 1. FC Saarbrücken geführt, man ist sich für die kommende Spielzeit handelseinig geworden. Die Berliner sind von dieser Entscheidung nicht gerade begeistert.

Am viertletzten Spieltag der Saison 1990/1991 muss Hertha beim FC Bayern ran, der sich als Tabellenzweiter ein Titelrennen mit dem Überraschungsteam aus Kaiserslautern liefert. Hertha verliert 3:7. Es folgt eine Pressekonferenz. Neururer hat die Faxen dicke, er hat keine Ahnung, was er den Medienmenschen nach dieser deklassierenden Niederlage erzählen soll, geschweige denn hat er überhaupt Lust dazu, irgendetwas von sich geben. Also flüchtet er sich in ein Blabla.

Nach der kurzen Erklärung des Gästetrainers fragt Bayern-Pressechef Markus Hörwick: "Hat jemand noch Fragen an Herrn Neururer?" Es meldet sich Dieter Kürten, "Mister Sportstudio" höchstpersönlich. "Herr Neururer, können Sie sich daran erinnern, jemals so hoch verloren zu haben?" - "Ja, klar", antwortet Neururer, "das war 1966 gegen meinen Bruder im Tipp-Kick."

Guter Spruch, der Trainer hat die Lacher auf seiner Seite. Kurz darauf erhält Neururer mit der Post ein Schreiben von Hertha BSC zugestellt. In diesem wird ihm mitgeteilt, dass er mit Bezugnahme auf sein Tipp-Kick-Statement in der Pressekonferenz wegen Verunglimpfung des Vereins fristlos gekündigt sei.

"Hertha war wirklich ein Erlebnis", sagt Neururer heute. Damals trifft es ihn hart. Denn während er raus ist aus dem Geschäft in Deutschlands höchster Spielklasse, hat sein alter Verein Schalke 04 die Rückkehr ins Oberhaus geschafft.

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