Fußballtrainer Stielike: Stahlarbeiter im Orient

Er war Bundestrainer, DFB-Nachwuchstrainer, dann war Uli Stielike weg. Nach Stationen an der Elfenbeinküste und in der Schweiz arbeitet der Coach nun in Katar. Dort gibt es viel Geld und wenig Erfahrung, Aufbauarbeit ist nötig. Christoph Biermann hat Stielike in Doha besucht.

Zum ersten Spiel von Uli Stielike sind 400 Zuschauer ins Grand Hamad Stadion von Doha gekommen, wo Platz für 15.000 wäre. Selbst die Sessel für den Vorstand des Arabi Sports Club auf der Ehrentribüne sind leer. Niemand nimmt dort Platz, um seinen Tee auf den kleinen Tischchen abzustellen oder sich zum Schnäuzen aus der Box mit den Papiertüchern zu bedienen. Vielleicht liegt es am Tabellenstand. Dem Club mit dem Falken im Vereinswappen geht es sportlich nicht gut, er ist Achter von zehn Clubs in der ersten Liga Katars. Der brasilianische Trainer musste gehen, jetzt soll es Uli Stielike richten. "Steel-like", schrieb eine lokale Sportzeitung, wie aus Stahl soll der Deutsche sich an die Arbeit machen.

Trainer Stielike: Buntes Durcheinander in der Mannschaft
Thomas Hegenbart

Trainer Stielike: Buntes Durcheinander in der Mannschaft

Stielike war im November beim schweizerischen Erstligisten FC Sion entlassen worden, als "der Präsident das Traineramt quasi übernommen hatte", wie er sagt. Clubchef Christian Constantin hatte nach einer 0:3-Niederlage in Basel entschieden, sich selbst auf die Bank zu setzen. Ein paar Tage später bekam Stielike das Angebot vom Golf. Der ehemalige deutsche Nationalspieler kannte das Land von einem Aufenthalt mit der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste und einigen Trainingslagern mit Junioren, als er noch beim Deutschen Fußball-Bund arbeitete. Ziemlich umweglos nahm er das Angebot an, "vielleicht auch aus Frust". Gemildert wird der durch ein Honorar von vermutlich rund anderthalb Millionen Euro im Jahr, steuerfrei versteht sich.

Stielike trägt ein blaues Jackett, als er sich zum ersten Mal auf die Trainerbank seines neuen Clubs setzt, auch an diesem Winterabend sind immerhin noch 12 Grad. Der Rasen ist phantastisch und das Flutlicht taghell. Oben auf der VIP-Tribüne gibt es für zehn Euro kleine Häppchen und frischen Mangosaft, Alkohol ist selbstverständlich tabu. Einige Zuschauer bleiben im Clubgebäude und schauen sich das Spiel im Fernsehen an. Das Dutzend mitgereister Fans von Wakrah trommelt unaufhörlich. Sie kommen aus einem anderen Stadtteil von Doha, wie fast alle zehn Clubs der Qatars Stars League aus der Hauptstadt kommen.

Arabi - das Schalke Katars

Drei Clubs dieser ersten Liga des Landes warten noch auf ihr eigenes Stadion. Das bekommen sie erst, wenn sie dreimal unter den ersten Drei der Liga gelandet sind. Hauptgewinn ist ein Stadion, das gerade entsteht. Es wird tief in die Erde eingelassen und Laptop-Stadion heißen, weil eine Tribüne so aufragen soll wie ein hochgeklappter Bildschirm. "Es gibt keine Stadt auf der Welt, wo es im Verhältnis zur Zahl der Bewohner so viele hochklassige Sportstätten gibt", sagt Stielike.

Wenn die Einheimischen sie bloß mal besuchen würden! Auf der Tribüne räsoniert der Liga-Direktor für Audience Marketing aus Deutschland darüber, wie man den Zuschauerschnitt auf 5000 pro Spiel heben könnte. Wenn man ihm zuhört und sich im Stadion umschaut, gewinnt man den Eindruck, dass er einen ziemlich traurigen Job hat. Dabei gilt Stielikes Club Arabi sogar als eine Art Schalke Katars, als populärster Verein der kleinen Leute. Er gehört zu den großen Drei des Landes, wobei Größe relativ ist. Katar ist halb so groß wie Hessen und hat nur anderthalb Millionen Bewohner. Größe ist aber auch eine Frage der Wahrnehmung, weshalb sich Katar am Tag vor Stielikes Debüt als Ausrichter für die Fußballweltmeisterschaft 2018 oder 2022 beworben hat. Man wird vorher aber noch über das Wetter reden müssen, denn im Sommer sind hier subtropische 45 Grad.

"Ich wusste, was auf mich zukommt"

Gut an einer WM in Katar wäre allerdings, dass dann auch noch die Zuschauer von außerhalb kämen. Bis jetzt sind das nur die meisten Spieler, fast alle Trainer, die Manager der Liga und selbst die Schiedsrichter. Weil Katar nur vier mit der notwendigen Lizenz hat, es aber sechs sein müssen, reisen zu jedem Spieltag Schiedsrichter aus Europa an. Sie bekommen einen Flug in der Business-Class, ein tolles Hotel und 2000 Euro. Auf diesem schönen Ausflug übersieht der Referee aus Ungarn aber, dass ein Stürmer von Warakh im Abseits steht, und plötzlich liegt Stielike bei seinem Debüt hinten.

70 Minuten sind da schon in gemütlichem Tempo gespielt. Nach dem Schlusspfiff wird Stielike sagen, dass seine Mannschaft "taktische Mängel" gezeigt habe. Das ist eine freundliche Untertreibung für das bunte Durcheinander bei seiner Mannschaft. Dann schießt sein Mittelfeldregisseur aus 20 Meter ungefähr halb so weit übers Tor, und die Niederlage ist amtlich. Stielike hat erst eine Woche vorher angefangen, es ist noch viel zu tun. "Ich wusste, was auf mich zukommt", sagt er, als wolle er sich selbst davon überzeugen. So bleibt auf der Habenseite des Abends nur, dass es nach dem Spiel zumindest keinen Stau gibt.

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