Fußballzauber Auch Ferguson verzweifelt am Barça-Code

Das Champions-League-Finale war mehr als der Sieg einer Mannschaft und die Niederlage der anderen. Es war der Triumph eines Spielsystems, das der FC Barcelona kreiert und perfektioniert hat. Geometrische Methoden der Spielanalyse zeigen das Geheimnis dieses perfekten Fußballs.

Aus London berichtet Cordt Schnibben


Nach jedem großen Fußballspiel steigt in den Katakomben des Stadions die dritte Halbzeit, in der Mixed Zone müssen die Spieler beider Mannschaften an TV-Kameras, Fotografen und Printjournalisten vorbei zu ihren Bussen. Samstagnacht war die Mixed Zone des Wembley-Stadions so lang wie wohl noch nie, und was da geboten wurde, hätte eine Live-Übertragung verdient gehabt. Verlierer sind immer niedergeschlagen, Gewinner immer gut gelaunt; die Spieler von Manchester United allerdings flüchteten entgeistert durch den endlosen Gitterweg der Abfahrt entgegen, sie sahen in ihren grauen, taillierten Designeranzügen so leer, zerschlagen und traumatisiert aus, als wüssten sie nicht mehr, was sie zukünftig auf dem Spielfeld zu suchen haben, wie sie spielen sollen, um Barcelona zu schlagen.

Die meisten zogen wie Wayne Rooney kopfschüttelnd an den Hunderten Journalisten vorbei, nur Torwart Edwin van der Sar blieb oft stehen, es war sein letztes Spiel, und er wollte nicht wortlos gehen; mit kraftlosem Gesicht, spitz wie eine hungrige Maus, versuchte er zu erklären, was über seine Mannschaft hinweggerollt war in den 90 Minuten.

Barcelonas Xavi, Iniesta und Villa schlenderten in Trainingshose und T-Shirt an den unterwürfig Fragenden vorbei, verteilten bescheidene Sätze und umarmten so manchen katalanischen Sportreporter. Aus Lautsprechern waren die Trainer beider Mannschaften zu hören, auf Bildschirmen waren ihre Gesichter zu sehen, immer wieder, wie in Endlosschleife kommentierten sie, was die Zuschauer und sie gesehen hatten. Ferguson war ehrlich genug, die Diskrepanz zwischen dem Spiel seiner Mannschaft und dem Spiel Barcelonas einzuräumen, sein Gesicht sagte noch mehr als alle traurigen und lobenden Sätze. Vor dem Spiel hatte er prophezeit, gegen jeden Gegner und jeden Spieler gebe es ein Mittel, nun gestand er ein, sie nicht gefunden zu haben, und er klang so, als könne man sie wohl nie finden gegen dieses Barcelona, "das beste Team, das uns je gegenüberstand."

Was seine Mannschaft und Barcelona unterscheidet, war schon am Vortag des Spiels zu sehen, im Abschlusstraining der beiden Teams, normalerweise nur ein Termin, um TV-Sendern und Fotografen ein paar Bilder zur Einstimmung auf das Match zu liefern und die Spieler am Rasen schnüffeln zu lassen. Ferguson ließ seine 24 Spieler auf der Hälfte des Wembley-Rasens gegeneinander spielen, quer, zwei Tore hatten seine Assistenten an die Seitenlinien gestellt. Es war ein schnelles Spiel, mit allem, was jedes gute Spiel zu bieten hat.

Barcelona spielte danach ohne Tore, auf noch engerem Raum, nur auf der Hälfte der Hälfte stritten 22 Spieler um den Ball, sie liefen, sie kreuzten, sie tanzten umeinander, jagten sich den Ball ab. Acht trugen graue Shirts, acht trugen gelbe Shirts, und drei hatten sich blaue übergestreift, sie wechselten immer in die Mannschaft mit Ballbesitz, ein rasend schnelles Hin und Her, kreuz und quer, lang und kurz, mit keinem anderen Ziel, als den Ball über den Rasen zu bewegen, zu behaupten, zu erkämpfen, ein Ballett zwischen Mensch und Ball, kreativ, packend, torlos.

So lassen Barcelonas Spieler den Ball auch in den 90 Minuten gegen Manchester laufen, sich allerdings manchmal daran erinnernd, dass sie den Ball en passant auch mal ins Tor lenken müssen, um das Spiel und den Titel zu gewinnen und die Siegprämie zu kriegen. Dem haben Fergusons Spieler wenig entgegenzusetzen, die ersten zehn Minuten wollen sie Barcelona niederrennen, dann aber ist von einem Matchplan Fergusons nichts mehr zu sehen, sein Team ist weit davon entfernt, eine Idee davon zu haben, wie man Barcelona schlagen kann, seine Spieler wirken so ratlos wie Ferguson später auf der Pressekonferenz.

insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
rondon 29.05.2011
1. demos
im zuge des finales sind ja auch die proteste wieder ganz schön angestiegen. http://le-bohemien.net/2011/05/18/spaniens-jugend-auf-der-strasse bietet übrigens eine gute zusammenfassung.
Andree Barthel 29.05.2011
2. *
Vermutlich wird die Natur den Barca Code knacken – Xavi, der, so der Autor, einen Kilometer mehr als seine Mitspieler laufen soll, ist bereits 31 – kaum anzunehmen, dass er noch länger als zwei Jahre in der Lage sein wird, auf dem außergewöhnlichen Niveau, das er zur Zeit hat, weiterzuspielen. Und Barca muss erst einmal jemanden finden, der ihn ersetzen kann. Es wäre aber jammerschade, wenn deren Spielweise verschwinden würde. Ich glaube, erst der Weggang einer der Stars wird zeigen, ob bei Barca die Fußballkultur, wie sie jetzt praktiziert wird, wirklich fest verankert ist.
Andreas Rolfes 29.05.2011
3. Fast wie Barca
Schöne und sehr ausführliche Analyse. Kompliment
WhereIsMyMoney 29.05.2011
4. ...
Zitat von sysopDas Champions-League-Finale war mehr als der Sieg einer Mannschaft und die Niederlage der anderen. Es war der Triumph eines Spielsystems, das der FC Barcelona kreiert und perfektioniert hat. Geometrische Methoden der Spielanalyse zeigen das Geheimnis dieses perfekten Fußballs. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,765568,00.html
3.Teil:"....und foulen nicht - wie sonst gegen Barcelona - so wild, dass einer von ihnen in die Kabine muss." (zum Pokal-Endspiel) Real hat schon gefoult, der Schiri war nur zu blind um es zu sehen. Im Übrigen ist die Aussage, dass Mourinho dem Barca-Code am nächsten kam, falsch. Mit den Spielern die Real hat, hätte eine offensivere Spielweise mehr Erfolg gebracht. Auch dann hätten sie vermutlich die Spiele verloren, doch sie hätten viel Anerkennung bekommen und wir hätten tolle Fussballspiele gesehen. Aber Mourinho hatte es geschafft, dass ich nach dem vierten Spiel nur noch froh war, dass diese Mannschaften nicht wieder gegeneinander spielen mussten.
kokomo 29.05.2011
5. ...
Wow, super Read! Wahrscheinlich der beste Artikel, den es je im Zuge einer Spielnachbereitung zu lesen gab.
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