Ganz hinten Deutschlands seltsame Ballfänger

Dass Torhüter eine außergewöhnliche Spezies sind, ist eine alte Fußball-Weisheit, die die deutschen Schlussleute dieser Tage beeindruckend bestätigen. Seit Wochen dominieren die Torleute die Schlagzeilen – weil sie ausrasten, über den Durst trinken oder nur noch auf der Reservebank hocken.

Von Till Schwertfeger


Klaus Thomforde: "Tier im Tor"
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Klaus Thomforde: "Tier im Tor"

Hamburg - Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts rückte ein allenfalls mittelprächtiger Bundesliga-Torhüter ins Rampenlicht, weil er sich nach jeder Parade gerierte, als habe er gerade seinem Team durch einen gehaltenen Elfmeter den Weltmeistertitel gesichert. Klaus Thomforde hieß der Keeper, der im Strafraum des FC St. Pauli wie der Rächer der Enterbten die Fäuste ballte und kämpferische Grimassen zog. Sein Spitzname: das Tier im Tor.

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Fußballkeeper: Tiere oder Tore

Seit dieser Zeit schon werden Oliver Kahn in den Bundesliga-Stadien Bananen hinterher geworfen. Nationalmannschaftskollege Thomas Brdaric flötete in einem auf CD veröffentlichtem Popsong: "Katze Kahn, ich danke dir, dass du mich wachgeschüttelt hast. Ja, ich hatte Angst vor dir. Dabei bist du doch nur ein liebenswertes Tier." Auch in Dubai, wo sich der FC Bayern auf die Rückrunde vorbereitet, fühlte Kahn sich jetzt offenbar wie in einem Käfig.

"Ich bin nach fünf Tagen Trainingslager eben sehr aggressiv. Da geht's auf dem Platz schon einmal zu Sache", erklärte der Torwart der deutschen Nationalmannschaft, nachdem er seinen Trainingspartner Bernd Dreher ausgiebig beschimpft hatte. Ein Schuss, der vom Pfosten an Kahns Kopf sprang, hatte Dreher so sehr amüsiert, dass Kahn in Rage geriet. Auch Drehers Vorgesetzter fand den Zusammenstoß von Ball und Kopf ganz lustig. "Natürlich haben wir gelacht, dass der Oliver den Ball auf den Kopf bekommen hat", erklärte Bayerns Torwarttrainer Sepp Maier.

Maiers Humor ist berühmt-berüchtigt. "Da kann sich Jens Lehmann aufhängen - Kahn ist der Bessere", beurteilte der Weltmeister von 1974 das Duell um den Stammplatz in der Nationalmannschaft mit gnadenloser Entschiedenheit. Der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann fand die Hauptpointe im DFB-Torhüter-Streit überhaupt nicht witzig, und Maier war im Herbst des vergangenen Jahres die längste Zeit Bundestorwarttrainer gewesen.

Bayern-Keeper Kahn: Bananen im Stadion
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Bayern-Keeper Kahn: Bananen im Stadion

Kaum aber war der Fürsprecher seines Rivalen Kahn in der Nationalelf vom Platz gescheucht, fand sich Lehmann im Verein auf der Auswechselbank wieder. Arsenal-Coach Arsène Wenger sortierte den Deutschen aus, der jedoch in London ausharren will. Und das obwohl Klinsmann bereits erklärt hat, für die WM 2006 nur auf einen Torwart zu setzen, der Stammkeeper ist. Lehmann macht es noch schlimmer: Er wirft Wenger jetzt vor, ihn provozieren zu wollen, damit er den Verein verlässt. Einige Interessenten an Lehmann haben sich bereits gemeldet.

Der VfB Stuttgart zum Beispiel, obwohl er mit Timo Hildebrand einen Nationaltorwart zwischen den Pfosten hat, der zehn Jahre jünger als Kahn und Lehmann ist. Doch Trainer Matthias Sammer ist genervt, dass Deutschlands derzeit dritter Keeper seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag noch nicht verlängert hat. Deshalb setzte er Hildebrand ein Ultimatum (Rückrundenauftakt) und tischte der Öffentlichkeit die Personalie Lehmann auf. Hildebrand verbrachte seinen Winterurlaub pikanterweise im selben Hotel wie Bayern-Trainer Felix Magath, der ihn beim VfB Stuttgart groß raus gebracht hatte. "Bayern München ist kein Thema für mich. Es gibt keinen Vorvertrag, keine Kontakte, niemand verhandelt oder wird verhandeln. Und wer etwas anderes behauptet, der lügt, will Unruhe stiften oder was weiß ich noch alles", sah sich der 25-Jährige zu einer persönlichen Stellungnahme bemüßigt.

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Kahn-Ausraster: Den Gegner im Griff

Auch Borussia Mönchengladbach hat Lehmann auf dem Zettel. Der Club vom Niederrhein ist wie kein anderer Bundesligist im Winterschlussverkauf aktiv, um irgendwie doch noch der Abstiegsregion zu entkommen. Torwart Darius Kampa verlor seinen Stammplatz schon zum Ende Hinrunde an einen Kollegen namens Michael Melka. Seinen mit Alkohol getränkten Frust erbrach er jetzt in einer Hotellobby in Marbella, wo die Borussia ihr Winterlager aufgeschlagen hat. Dass Kampa, der polnische Wurzeln hat, offenbar noch nie etwas vom Trinkleitspruch "Bier auf Wein - das lass sein!" gehört hat, wurde ihm zum Verhängnis. Immerhin war er noch so klar, sich Peter Neururer anzudienen. "Du bist überhaupt der beste Trainer. Aber einen besoffenen Torwart kannst du wohl auch nicht gebrauchen?", soll Kampa dem Coach des VfL Bochum zugelallt haben, der sich derzeit ebenfalls in Marbella aufhält.

Neururer dürfte die Erinnerung an den letzten Spieltag vor der Winterpause noch immer quälen. Gegen den Hamburger SV humpelte der an der Achillessehne verletzte Torwart van Duijnhoven, 37, durch den Strafraum, weil sein Ersatz Christian Vander nach einem Meniskuseinriss auch nicht fit war. Bochum verlor mit 1:2, bleibt auf einem Abstiegsplatz, und van Duijhoven ist noch immer nicht einsatzfähig. Hätte Kampa sein Angebot nur etwas überzeugender formuliert.

So verpflichtete der VfL heute lieber Peter Skov-Jensen vom FC Midtjylland. Der 33-jährige Jensen gilt als Nummer zwei Dänemarks und soll auch sauber feiern können.



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