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31. August 2013, 13:00 Uhr

Polizei-Einsätze in der Fußball-Bundesliga

Unfehlbar in Uniform

Ein Gastbeitrag von Gerd Dembowski

Der umstrittene Polizeieinsatz im Schalker Fanblock lenkt die Debatte um Gewalt im Fußball auf die Beamten - auf fragwürdige Solidarisierungseffekte und ein unüberlegtes Verhalten in Stress-Situationen. Eine öffentlich kommunizierte Fehlerkultur fehlt der Polizei völlig.

Beinahe in jedem Jahr richtet sich eine breite Aufmerksamkeit auf Gewalt in Fankulturen. Trotz geringer Fallzahlen sind sachliche Reaktionen Mangelware. Es folgen die üblichen Forderungen nach schärferen Ordnungsmaßnahmen und mehr Polizei. Ultras werden verteufelt, sie sind dankbare Gegner. Aus moralischer Panik erwächst ein kaum haltbarer, öffentlicher Handlungsdruck.

Nun lenkt sich der Blick erstmals nicht auf vermeintlich abweichende Fans, sondern auf die Polizei. Anlässe dafür gab es zuletzt mehrere. Die öffentliche Debatte entfacht sich am polizeilichen Verhalten vor dem Spiel zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Braunschweig, vor dem Spiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und Eintracht Frankfurt, anlässlich einer Choreografie beim Spiel zwischen Fortuna Düsseldorf und dem VfL Bochum - und vor allem während der Partie zur Champions-League-Qualifikation zwischen Schalke 04 gegen Paok Saloniki.

Auf Schalke stürmten Polizisten mit gezückten Schlagstöcken und Pfefferspray in den Fan-Block der Gastgeber, um eine erlaubte mazedonische Fahne zu beschlagnahmen. Ein Polizist wirkte sichtlich überfordert: "Es hätte Tote geben können." Auf die Frage, warum diese offizielle Fahne den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen sollte, antwortete Stefanie Dahremöller, Sprecherin der Gelsenkirchener Polizei: "Dazu kann ich Ihnen jetzt ehrlich nichts sagen." Die mazedonische Botschaft reagierte verärgert über die Verunglimpfung der Nationalfahne ihres Landes durch deutsche Polizisten.

Erfolglos Polizeikontingente erhöht

Rainer Wendt, der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG), meldete sich gegen kritische Stimmen von Schalker Vereinsoffiziellen zu Wort: "Sie haben gar keine Ahnung und sollten öffentlich erst mal den Mund halten." Wieder einmal wundern sich Menschen in den Onlineforen, wie Hardliner Wendt sich und seine Mitglieder regelmäßig lächerlich machen kann, ohne je intern Konsequenzen zu erfahren. Und hätten Ultras sich so verhalten, wie die Polizei beim Saloniki-Spiel, wären vermutlich Rufe nach erhöhten Strafen und Selbstreinigung laut geworden.

Wann immer Gewalt in der Geschichte des Fußballs auftauchte, wurden Polizeikontingente erhöht - erfolglos. Nimmt man die jährlichen Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (Zis) ernst, erhöhte sich die Gewalt sogar. Zahlen, die allerdings in vielerlei Hinsicht einer qualitativen wissenschaftlichen Überprüfung kaum standhalten.

Obwohl alternative Einsatzstrategien möglich sind, agiert die Polizei wie ein gerade aufgetautes Mammut, das durch die kommerzialisierten Zeiten des Fußballs stolpert. Beobachten kann man einen althergebracht männlichen Habitus, fragwürdige Solidarisierungseffekte und ein unzeitgemäßes Verhaltensrepertoire in Stresssituationen. Weit entfernt ist man von einer eigenen, öffentlich kommunizierten Fehlerkultur. Stattdessen uniforme Unfehlbarkeit.

Jede Gewalttat, jede verletzte Person im Fußball ist eine verletzte Person zu viel. Deshalb sind nicht nur Verurteilungen von Gewalttaten durch Zuschauer wichtig, sondern auch konstruktive Fragen zur einer weiteren Modernisierung von Polizeistrategien.

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