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Polizei-Einsätze in der Fußball-Bundesliga: Unfehlbar in Uniform

Ein Gastbeitrag von Gerd Dembowski

Der umstrittene Polizeieinsatz im Schalker Fanblock lenkt die Debatte um Gewalt im Fußball auf die Beamten - auf fragwürdige Solidarisierungseffekte und ein unüberlegtes Verhalten in Stress-Situationen. Eine öffentlich kommunizierte Fehlerkultur fehlt der Polizei völlig.

Polizei-Einsatz im Schalker Stadion (Archiv): Kaum haltbarer Handlungsdruck Zur Großansicht
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Polizei-Einsatz im Schalker Stadion (Archiv): Kaum haltbarer Handlungsdruck

Beinahe in jedem Jahr richtet sich eine breite Aufmerksamkeit auf Gewalt in Fankulturen. Trotz geringer Fallzahlen sind sachliche Reaktionen Mangelware. Es folgen die üblichen Forderungen nach schärferen Ordnungsmaßnahmen und mehr Polizei. Ultras werden verteufelt, sie sind dankbare Gegner. Aus moralischer Panik erwächst ein kaum haltbarer, öffentlicher Handlungsdruck.

Nun lenkt sich der Blick erstmals nicht auf vermeintlich abweichende Fans, sondern auf die Polizei. Anlässe dafür gab es zuletzt mehrere. Die öffentliche Debatte entfacht sich am polizeilichen Verhalten vor dem Spiel zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Braunschweig, vor dem Spiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und Eintracht Frankfurt, anlässlich einer Choreografie beim Spiel zwischen Fortuna Düsseldorf und dem VfL Bochum - und vor allem während der Partie zur Champions-League-Qualifikation zwischen Schalke 04 gegen Paok Saloniki.

Auf Schalke stürmten Polizisten mit gezückten Schlagstöcken und Pfefferspray in den Fan-Block der Gastgeber, um eine erlaubte mazedonische Fahne zu beschlagnahmen. Ein Polizist wirkte sichtlich überfordert: "Es hätte Tote geben können." Auf die Frage, warum diese offizielle Fahne den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen sollte, antwortete Stefanie Dahremöller, Sprecherin der Gelsenkirchener Polizei: "Dazu kann ich Ihnen jetzt ehrlich nichts sagen." Die mazedonische Botschaft reagierte verärgert über die Verunglimpfung der Nationalfahne ihres Landes durch deutsche Polizisten.

Erfolglos Polizeikontingente erhöht

Rainer Wendt, der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG), meldete sich gegen kritische Stimmen von Schalker Vereinsoffiziellen zu Wort: "Sie haben gar keine Ahnung und sollten öffentlich erst mal den Mund halten." Wieder einmal wundern sich Menschen in den Onlineforen, wie Hardliner Wendt sich und seine Mitglieder regelmäßig lächerlich machen kann, ohne je intern Konsequenzen zu erfahren. Und hätten Ultras sich so verhalten, wie die Polizei beim Saloniki-Spiel, wären vermutlich Rufe nach erhöhten Strafen und Selbstreinigung laut geworden.

Wann immer Gewalt in der Geschichte des Fußballs auftauchte, wurden Polizeikontingente erhöht - erfolglos. Nimmt man die jährlichen Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (Zis) ernst, erhöhte sich die Gewalt sogar. Zahlen, die allerdings in vielerlei Hinsicht einer qualitativen wissenschaftlichen Überprüfung kaum standhalten.

Obwohl alternative Einsatzstrategien möglich sind, agiert die Polizei wie ein gerade aufgetautes Mammut, das durch die kommerzialisierten Zeiten des Fußballs stolpert. Beobachten kann man einen althergebracht männlichen Habitus, fragwürdige Solidarisierungseffekte und ein unzeitgemäßes Verhaltensrepertoire in Stresssituationen. Weit entfernt ist man von einer eigenen, öffentlich kommunizierten Fehlerkultur. Stattdessen uniforme Unfehlbarkeit.

Jede Gewalttat, jede verletzte Person im Fußball ist eine verletzte Person zu viel. Deshalb sind nicht nur Verurteilungen von Gewalttaten durch Zuschauer wichtig, sondern auch konstruktive Fragen zur einer weiteren Modernisierung von Polizeistrategien.

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insgesamt 108 Beiträge
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1. .
john_doe77 31.08.2013
Zitat von sysopDPADer umstrittene Polizeieinsatz im Schalker Fanblock lenkt die Debatte um Gewalt im Fußball auf die Beamten - auf fragwürdige Solidarisierungseffekte und ein unüberlegtes Verhalten in Stress-Situationen. Eine öffentlich kommunizierte Fehlerkultur fehlt der Polizei völlig. http://www.spiegel.de/sport/fussball/gastbeitrag-zu-den-polizei-einsaetzen-in-der-fussball-bundesliga-a-919511.html
Sehr guter Kommentar. Gerade die Rechtfertigung der Polizei "Es hätte Tote und Verletzte geben können" ist lächerlich wenn anschließend eine vollbesetzte Fankurve gestürmt wird und durch massiven Einsatz von Pffeferspray auch leicht ein Panik im Block hätte entstehen können.
2. Beschämend
specialsymbol 31.08.2013
Kommt so etwas bei Fußballspielen vor gibt es empörte Kommentare in den Medien und von Experten den Ruf nach Aufklärung. Passiert so etwas bei genehmigten Demonstrationen wird es unter den Tisch gekehrt. Das sagt einiges über unsere Demokratie aus. Wie heißt es so schön: panem et circenses..
3. Verurteilungd er Polizisten notwendig
Malshandir 31.08.2013
In der Situation ist es dringend erforderlich, die Verantwortlichen (Polizisten) vor Ort in einem Schnellverfahren zu Haftstrafen abzuurteilen. Das Besondere ist, hier wurde aus dem griechischen Block zum Mord aufgerufen. Es handelte sich um eine erlaubte Fahne. Ein Einsatz gegen den griechischen Block waere daher angemessen. Hier haben die Polizisten unter massivster Gewaltanwendung gegen Unschuldige Eigentum durch Einsatz von Waffen entwendet. So etwas nennt man schweren Raub. Hinzukommt noch ein Bandenmaessiges Zusammenrotten. Ich denke, es ist an der Zeit hier durch die Justiz hart gegen die Polizei durchzugreifen. Wenn ich in s Stadion gehe fuehle ich mich viel mehr bedroht von der Polizei als von irgendeinem auch gegnerischem Fan.
4. Jede verletzte Person ist eine zuviel!
twinketoe 31.08.2013
Beim Schalkespiel hat die Polizei ziemlich überreagiert. Es war nichts davon zu sehen, dass die Fans des Gegners auf diese Fahne reagiert hätten. Die Fahne hatte keine rechtswidrigen Inhalte. Wieder einmal ist die Polizei gegen Menschen völlig ungezielt mit Pfefferspray vorgegangen. Dort waren auch Familien im Block die auf Grund der Enge nirgends hin ausweichen konnten. Muss es erst zu schwersten Verletzungen oder gar Todesfällen kommen bevor mit Pfefferspray sorgsamer umgegangen wird? Das Zeug ist nicht so harmlos wie der Lebensmittelname vermuten lässt.
5. Mißverständnis
mischnik 31.08.2013
Polizisten sind nicht für die Durchsetzung von Recht und Gesetz zuständig. Das machen Anwälte und Richter. Die Polizei ist für Ruhe und Ordnung zuständig. Der Rechtsstaat kommt erst danach. Das merkt man bei den Gerichtsverhandlungen. Da schaut sich der Richter um: Ist Ruhe und Ordnung hergestellt, also keine Presse oder Demonstranten da? Dann werden die Polizisten frei gesprochen, weil sie ihre Aufgabe erfüllt haben. Ihre mangelnde Kenntnis des Rechtsstaates kann man nicht bestrafen, da sie keine Juristen sind. Wobei 97 Prozent der Klagen gegen Polizisten nicht einmal den Gerichtssaal erreichen und von der Staatsanwaltschaft nieder geschlagen werden. Oder wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt es ausdrückte: Gut das mich keiner nach der Verfassung gefragt hat.
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Zur Person
Gerd Dembowski, Jahrgang 1972, ist seit 18 Jahren mit Projekten forschend und veröffentlichend in verschiedenen Fanszenen unterwegs. Er war 2007 und 2008 in der DFB-Task-Force gegen Diskriminierung. Vor kurzem erschien sein neuester Essay im Sammelband "Ultras im Abseits? Portrait einer verwegenen Jugendkultur". Als Soziologe arbeitet er in der Kompetenzgruppe Fankulturen (Kofas) an der Universität Hannover.


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