Gaudino-Interview "Ich wurde zum Zuhälter abgestempelt"

Maurizio Gaudino war einer der schillerndsten Bundesligaprofis. Nun startet der 37-Jährige bei seinem Heimatclub Waldhof Mannheim als Manager seine zweite Karriere. Im Interview spricht Gaudino über Goldkettchen, dicke Schlitten, betrunkene Briten und den letzten Tango mit Kati Witt.


Stuttgarter Erfolgsduo: Gaudino (r.) und Walter mit der Meisterschale 1992
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Stuttgarter Erfolgsduo: Gaudino (r.) und Walter mit der Meisterschale 1992

Maurizio Gaudino, Sie sind zu Ihren Wurzeln zurückgekehrt. Als Sportdirektor arbeiten Sie für Waldhof Mannheim, dort wo einst Ihre Profikarriere begann. Aus reiner Nostalgie?

Maurizio Gaudino:

Nein. Eigentlich hatte ich aus einer Schnapsidee, die mit meinem Freund Hans Hein entstanden ist, vorgehabt, bei ihm ein Jahr Oberliga in Waldmichelbach zu spielen. Nur für mein Ego, da ich in der Türkei nach einer Rückenverletzung von einem Tag auf den anderen mit dem Profifußball aufhören musste. Ich war mental am Boden und wollte einfach aufhören, wenn ich mich dazu entscheide. Dann kam die Insolvenz des Waldhof und ich wurde von den Verantwortlichen angesprochen. Da meine Hilfe hier wirklich benötigt wurde, war es keine schwere, sondern eine Herzensentscheidung.

Einst galten Sie ja als großes Talent, als hoffnungsfroher Absolvent der Waldhof-Schule.

Gaudino: Der Waldhof war für seine Jugendarbeit bekannt, und berühmt dafür, diese Fußballschule bis nach oben durchzuführen. Aus meinem Jahrgang waren es Jürgen Kohler und ich. Unser Trainer Klaus Schlappner hat sein Training durchgezogen. Es war sehr von Kraft- und Ausdauereinheiten geprägt: Da muss man einfach mitziehen, sonst fällt man durch.

Im Alter von 20 Jahren sind Sie dann zum VfB Stuttgart gewechselt. Für Sie ein großer Schritt?

Gaudino: Das erste Jahr war ganz schlimm. Ich bin nach fast jedem Training nach Mannheim gefahren, obwohl ich in Stuttgart eine Wohnung hatte. Ich war einfach nicht in der Lage, Kontakt zu den Menschen herzustellen. Vielleicht lag es ja auch an mir. Ich wollte nach einem Jahr schon wieder weg. Ich hatte damals schon einen Vertrag mit Verona im Safe liegen.

Es gab damals viel Wirbel um Ihr Auftreten und Aussehen.

Gaudino: In Stuttgart kam das natürlich nicht so gut an, der Gaudino mit langen Haaren, Ohrring, Goldkettchen und dann auch noch Ferrari-Fahrer. Da wurde ich zum Zuhälter abgestempelt, aber ich war meiner Zeit einfach voraus. Heute rennen die Spieler mit sechs Ohrringen rum, haben an jedem Finger einen Ring, sind von oben bis unten tätowiert und haben Piercings, und kein Hahn kräht danach. Die Goldkette trage ich übrigens immer noch, den Rest habe ich abgelegt, auch den Ferrari.

Es gibt Geschichten, Sie seien nachts auf die Autobahn gefahren, um Rekorde auf der Strecke Stuttgart-München aufzustellen.

Türkei-Profi Gaudino: "Ich war mental am Boden"
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Türkei-Profi Gaudino: "Ich war mental am Boden"

Gaudino: Nun ja, wenn ich zum Beispiel nach München zu Dr. Müller-Wohlfahrt musste, bin ich nachts gefahren, da die Autobahnen zu dieser Zeit schön frei sind. Dann habe ich natürlich versucht, die Zeit der letzten Fahrt zu unterbieten.

Sie sind dann nach Frankfurt gegangen und wurden gleich Mitglied einer Mannschaft, die angeblich den "Fußball 2000" spielte. Die beste Mannschaft in der Sie je dabei waren?

Gaudino: Ja. Es war einfach ein schönes Gefühl, in diese Mannschaft integriert zu sein. Mit Bein, Yeboah und Okocha, der auch oft noch von der Bank kam. Wir haben einen schnellen, sauberen und technisch starken Ball gespielt, der fast direkt oder über zwei Kontakte nach vorne ging. Wir hatten einfach Spaß gehabt, den Ball so schnell in unseren Reihen zirkulieren zu lassen, dass der Gegner fast gar nicht an die Kugel kommt. Einfach traumhaft.

Es schien eigentlich alles für eine ganz große Karriere gerichtet, da wurden Sie unter Jupp Heynckes plötzlich bei der Eintracht suspendiert. Die wahren Gründe für den Krach blieben lange im Dunkeln.

Gaudino: Der Heynckes hat mich benutzt oder benutzen wollen. Warum weiß ich nicht, ich habe diesem Menschen nie etwas getan. Er hat stets behauptet, ich sei eine Stütze für die Mannschaft. Aber ich war immer nur eine Stütze für die Bank. Der letzte Krach fing am Freitag nach dem Abschlusstraining an. Das Training lief nicht so, wie Heynckes sich das vorgestellt hat. Wir haben fünf gegen zwei gespielt und Torsten Legat in einem Eck drei Beinschüsse gegeben. Das war natürlich spaßig. Den Trainer hat das sehr geärgert und er hat Yeboah, Okocha und mich zum Waldlauf verdonnert. Da haben wir dann richtig Tempo gemacht, wir wussten schließlich, worauf der Trainer hinaus will.

Nach dem Waldlauf sollten Sie aber zum Kader stoßen?

Waldhof-Coach Schlappner: "Sein Training war sehr von Kraft- und Ausdauereinheiten geprägt"
DPA

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Gaudino: Ja, wir sollten ins Hotel fahren. Aber Yeboah hat sich geweigert und gesagt: "Trainer, du untergräbst meine Autorität als Spielführer." Okocha hat sich dann krankschreiben lassen und ich stand da: Was sollte ich jetzt machen? Ins Hotel fahren und meinen zwei Kollegen in den Rücken fallen, oder mit dem Trainer reden? Heynckes hat dann gemeint, ich solle zu Hause bleiben. Dort angekommen, fragte meine Frau, was denn los sei, unzählige Journalisten hätten angerufen und gemeint, ich würde die Arbeit verweigern. Das musste Heynckes gestreut haben.

Ohnehin kam es für Sie arg. Sie wurden wegen angeblicher Autoschiebereien aus einer Fernsehsendung heraus verhaftet.

Gaudino: Ein Witz, es bestand ja nie Fluchtgefahr. Meine Frau war hochschwanger und ich war bei Eintracht Frankfurt angestellt. Wohin sollte ich flüchten? Die holten mich mit acht Beamten aus der Late Night Show ab, in der ich noch mit Kati Witt auf Inlinern Tango getanzt habe. Die halbe Nacht haben sie mich dabehalten, weil ich keine Aussage gemacht hatte. Ich wusste ja überhaupt nicht, was los ist.

Und dann?

Auswahlkicker Gaudino: Fünf A-Länderspiele für den DFB
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Gaudino: Am nächsten Tag haben sie mich von München nach Mannheim kutschiert, um mich weich zu kochen. Im engen Audi 100 saß ich zwischen zwei Beamten, die versucht haben, auf psychologischen Beistand zu machen.

Dann sind Sie für ein halbes Jahr zu Manchester City geflüchtet. Trotzdem eine wertvolle Erfahrung?

Gaudino: Auf jeden Fall. Dort sind die Spieler viel lockerer als in Deutschland und trotzdem disziplinierter. Bei einem Trainingslager mitten in der Saison in Portugal gab es abends Ausgang. Ich kannte das nicht und war um Mitternacht im Bett. Die anderen kamen betrunken zwischen fünf und sechs Uhr morgens zurück ins Hotel, weckten mich aber, damit ich nicht zu spät zum Training komme. Und es setzt eine Standpauke, wenn man nach einem Foul zu theatralisch fällt. Das fand ich richtig stark.

Beim SV Waldhof sind Sie nun nur noch Standby-Spieler und Sportlicher Leiter. Wie sieht denn jetzt Ihr Alltag aus?

Gaudino: Der Terminkalender ist voll. Ich bin oft 14 Stunden am Tag für den Verein unterwegs und abends tot, obwohl ich mich frage, was ich denn den ganzen Tag gemacht habe. Im Moment werbe ich vor allem Sponsoren ein und leiste Überzeugungsarbeit. Und wenn man überzeugen will, muss man dafür auch etwas tun. Ich möchte am Ende nicht als großer Schwätzer dastehen.

Ein Job mit viel Eigenverantwortung also?

Amateurfußballer Gaudino: Standby-Profi in Mannheim
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Amateurfußballer Gaudino: Standby-Profi in Mannheim

Gaudino: Ja, als Fußballer muss man sich um gar nichts kümmern. Man schaut auf den Trainingsplan und kümmert sich nur um den Fußball.

Wo soll es nun hingehen, mit dem SV Waldhof und Ihnen?

Gaudino: In ein paar Wochen werde ich mich mit dem Präsidium zusammensetzen und mein Konzept vorstellen. Dann wissen wir auch, ob wir in der Regionalliga oder Oberliga spielen. Dann wird man sehen, ob ich mich nur noch als Sportlicher Leiter betätige. Geplant ist es, aber ich brauche einfach die Perspektive, dass der Waldhof wieder nach oben kommt. Für mich kommt kein längerfristiger Vertrag in Frage, in der Gewissheit, dass wir in drei oder vier Jahren immer noch Oberliga spielen. Es gibt aber nicht das Ziel, dass ich unbedingt einen Bundesligisten managen möchte. Die Aufgabe macht mir aber unglaublich Spaß, da man etwas bewegen kann. Bei den Fans herrscht Euphorie und ich spüre in der Region auch die Anerkennung für meine Arbeit: Das motiviert mich zusätzlich.

Sie fangen also nochmal an, beim SV Waldhof.

Gaudino: Ich hoffe, ich und der SV Waldhof entwickeln uns Schritt für Schritt nach oben. Und so wie ich praktisch aus der B-Jugend des Waldhof Profi wurde, ist das jetzt auch eine Art B-Jugend für mich. Und wer weiß, vielleicht werde ich einmal den Waldhof im Profibereich betreuen.


Die Fragen stellte Robert Mucha



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