Von Gereon Detmer und Jan Reschke
Hamburg - Lucien Favre ist ein zurückhaltender Mensch. Keiner, der sich in fremde Angelegenheiten einmischt oder als Lautsprecher auftritt. So gesehen, ist der Eidgenosse Favre ein Muster-Schweizer. Auch nach dem erfolgreichen Relegationsspiel in Bochum blieb sich der Trainer von Borussia Mönchengladbach treu.
Im Anschluss an den Erfolg gegen den VfL und dem gelungenen Klassenerhalt wurde er am Mittwochabend von ARD-Moderator Reinhold Beckmann und TV-Experte Mehmet Scholl euphorisch mit den Worten "Der Retter ist bei uns" begrüßt. Doch erst auf das erneute Lob von Beckmann ("Ich sage noch einmal: Anerkennung für das, was sie geleistet haben") brachte der 53-Jährige ein kaum vernehmbares "Danke, danke" heraus. Schüchtern stand er da, das Mikrofon fast auf Bauchhöhe. Als wolle er gar nicht, dass ihn jemand hört.
Als Beckmann im Laufe des Gesprächs darauf hinwies, dass die Fans im Stadion mithören könnten, ließ Favre die Möglichkeit, gemeinsam mit den Anhängern zu Jubeln verstreichen. Stattdessen analysierte er unbeirrt und mit leiser Stimme die vorherigen 90 Minuten. Man überlege sich einmal, was Jürgen Klopp in diesem Moment gemacht hätte. Leuchtende Augen und ein "Toll, toll" ließen immerhin auf innerlich gelebte Freude Favres schließen.
Er ist nun einmal kein Mann der großen Töne. Mit akribischer Arbeit und einem Gespür für taktische Feinheiten rettete der Nachfolger von Michael Frontzeck Borussia Mönchengladbach vor dem Abstieg, der am 22. Spieltag, nach dem Favre übernahm, kaum noch zu verhindern schien. Da stand der Club mit nur 16 Punkten auf dem letzten Tabellenplatz und hatte unglaubliche 56 Gegentore kassiert. Wie hat Favre die Wende geschafft?
Favre hat die Mannschaft behutsam verändert. Fast geräuschlos. Mit jedem Spiel näherte er sich seiner Idealformation. Dabei nahm er einige Wechsel vor, die für Aufregung hätten sorgen können. Taten sie aber nicht - weil sie sich als erfolgreich herausstellten.
Die erste wichtige Personalie war die Hereinnahme von Mittelfeldspieler Juan Arango. Der Venezolaner mit dem Hang zum Phlegma spielte unter Favre in jeder Partie von Beginn an, nachdem er unter Frontzeck zuletzt höchstens eingewechselt wurde. Am 25. Spieltag gegen Hoffenheim brachte Favre zum ersten Mal Toni Jantschke auf der rechten Außenverteidigerposition, und setzte dafür Gladbach-Urgestein Tobias Levels auf die Bank. Perfekt war sein Kuchen da aber noch nicht.
Umbauprozess im Derby gegen Köln abgeschlossen
Vor allem im Angriff tat sich Favre lange schwer. Er probierte es mit Karim Matmour, Igor de Camargo, setzte Reus mal hinter die Spitze, mal als zweite daneben. Es dauerte bis zum 29. Spieltag, ehe Favre dort die richtige Mischung gefunden hatte: Da lief Mike Hanke in der Partie gegen den 1. FC Köln neben Mohamadou Idrissou auf. So wie in fortan jedem Spiel mit Ausnahme des 31. Spieltags gegen Dortmund, als Hanke gesperrt war. Doch eine Zutat fehlte noch. Im Tor.
Bei seinem Amtsantritt hatte Favre befunden, dass Christopher Heimeroth nicht der richtige Mann für den Abstiegskampf sei. Für ihn kehrte zunächst Logan Bailly zurück. Doch nachdem der sich im Spiel gegen Kaiserslautern einen Ball selbst ins Tor geboxt und gegen München zwar solide, aber nicht überragend gehalten hatte, ging Favre volles Risiko.
Er brachte, ebenfalls im Spiel gegen Köln, den damals erst 18-Jährigen Marc-André ter Stegen. Und der überzeugte in jeder Partie und strahlte trotz seiner Jugend enorm viel Ruhe auf die Hintermannschaft der Borussia aus. Jetzt stimmte die Mischung.
"Lucien Favre hat fantastische Arbeit geleistet"
Seit der Köln-Partie veränderte Favre die Mannschaft nur noch, wenn er wegen Verletzungen oder Sperren dazu gezwungen war. Der Lohn: 13 Punkte aus den letzten sechs Bundesligaspielen, der Sprung auf den Relegationsplatz am vorletzten Spieltag und letztlich der Klassenerhalt.
Dabei trat Favre stets als Gegenentwurf zum ehemaligen Frankfurter Trainer Christoph Daum auf. Der war ebenfalls in der Rückrunde verpflichtet worden. Auch er sollte eine zutiefst verunsicherte Mannschaft in einer sportlich prekären Situation noch vor dem Abstieg retten.
Doch während Favre stets nüchtern und sachlich den Ernst der Lage betonte, kündigte Daum bereits an, die Eintracht "wieder an die nationale Spitze" führen zu wollen. Irgendwann, so Daum, wolle er dann auch "das internationale Geschäft" zurück nach Frankfurt bringen. Stattdessen ging es in die Zweite Liga.
Gladbachs Sportdirektor Max Eberl sagte nach dem Spiel in Bochum: "Lucien Favre hat fantastische Arbeit geleistet." Am treffendsten beschrieb aber der junge Torhüter Marc-André ter Stegen die Leistung Favres: "Er kam, sah und siegte."
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