Gehörloser Fußballer Christ Kicken in der Parallel-Welt

Titelkampf in Taipeh: Bei den Deaflympics gehen die deutschen Fußballer als Favoriten an den Start. Verteidiger Marc Christ genießt Stimmung und Medieninteresse bei den Olympischen Spielen der Gehörlosen - und träumt von ähnlichen Verhältnissen in Deutschland.

Klaus Bardenhagen

Aus Taipeh berichtet Klaus Bardenhagen


Discounter-Werbung auf dem Trikot, Gegner aus der Kreisklasse und eine Handvoll Zuschauer: Das ist der Fußballer-Alltag von Marc Christ in Deutschland. Bundesadler auf der Brust, Abwehrschlachten gegen Iran und Spanien, 20.000 jubelnde Asiaten bei der Eröffnungsfeier: Das erlebt er gerade in Taipeh.

In Taiwans Hauptstadt finden bis zum 15. September die Deaflympics, die Olympischen Spiele der Gehörlosen statt. Christ ist einer von 4000 Athleten aus mehr als 80 Ländern, die sich auf den Weg nach Asien gemacht haben. Mit knapp 160 Sportlern ist das deutsche Team dabei, darunter Leichtathleten, Hand-, Wasser- und Volleyballer, Schützen und Tennisspieler.

Deutschlands größte Goldhoffnung jedoch sind die Fußballer, immerhin amtierender Weltmeister. In der Nationalmannschaft herrschen kurze Dienstwege: Für das Interview im Mannschaftsquartier, dem Grand Hotel von Taipeh, gibt Bundestrainer Frank Zürn - im Hauptberuf Sportlehrer - den Gebärdendolmetscher, denn Abwehrstammspieler Christ könnte selbst mit Hörgerät nichts wahrnehmen. Wie seine Eltern ist der Essener von Geburt an taub, lernte Gebärdensprache und besuchte Gehörlosenschulen. Als Sechsjähriger trat er dennoch einem normalen Fußballverein bei - "Meinem Vater zuliebe", gibt Christ zu verstehen. "Ich fühlte mich da zunächst eher unwohl."

Heute spielt der Industriekaufmann für den SV Preußen Eiberg in der Kreisklasse. Vor jedem Spiel wird der Schiedsrichter auf den Gehörlosen hingewiesen, damit der keine gelbe Karte erhält, wenn er nach einem Pfiff weiterspielt. Das ist aber auch schon die einzige Sonderbehandlung. Die Rufe der Mitspieler, den Atem des Gegners im Nacken, das Klatschen des Leders gegen den Pfosten - das alles nimmt der 24-Jährige nicht wahr. Seine Leistung auf dem Platz bringt er trotzdem: "Ich mache mir da wenig Gedanken, es läuft einfach automatisch."

Parallel-Welt in der Gehörlosen-Mannschaft

Und dann gibt es noch eine sportliche Parallel-Welt, die Christ mit 16 entdeckte, als der Gehörlosen-Sportverein Essen ein Nachwuchsprogramm startete. Es ist eine Welt, in der Schwerhörige im Wettkampf ihr Hörgerät ablegen müssen, damit für alle die gleichen Bedingungen herrschen. Mit eigenen Verbänden und Ligen, Funktionären, Welt- und Europameisterschaften und allen vier Jahren als Höhepunkt den Deaflympics. Auch mit diesem Verein steht Christ Woche für Woche auf dem Platz - spielt aber um die deutsche Meisterschaft mit. Kurz vor der Abreise nach Taiwan verlor er mit Essen das Endspiel gegen Düsseldorf.

Zur Gehörlosen-Nationalmannschaft stieß er 2008 - und wurde prompt Weltmeister. Bundestrainer Zürn hatte gerade vom Libero auf die Viererkette umgestellt und suchte junge Spieler, die in das neue System passten. Christ fuhr mit zur WM ins griechische Patras. "Wir hatten nichts erwartet", erinnert sich Zürn. "Uns ging es vor allem darum, Turniererfahrung zu sammeln." Am Ende stand Christ im Finale mit auf dem Platz, als Deutschland die Türkei im Elfmeterschießen bezwang. Die Ernüchterung folgte nach der Rückkehr in die Heimat, erinnert er sich an Erlebnisse von Mannschaftskameraden: "Man kommt als Weltmeister zurück und der Chef fragt, wie denn der Urlaub war. Keiner kriegt was mit, das ist schon frustrierend."

Nationalmannschaft auf Landesliga-Niveau

Dass man Athleten wie Marc Christ ihre Behinderung nicht ansieht, ist wohl ein Grund für das geringe Interesse der deutschen Medien - vor allem des Fernsehens - an den Deaflympics. Dabei gehören sie ebenso zur olympischen Familie wie die Paralympics für Körperbehinderte. Gehörlose können nur selten die Leistung hörender Spitzensportler erreichen. Seine Fußball-Nationalmannschaft etwa spiele auf gutem Landesliga-Niveau, also siebtklassig, sagt Bundestrainer Zürn.

In Taipeh erlebt Christ gerade, dass es auch anders geht. Von der Eröffnungsfeier mit Tausenden Tänzern, Trommlern und Artisten über die Werbung überall in der Stadt bis zu taiwanischen Fernsehkameras bei jedem Wettkampf erinnert der Aufwand eher an "richtige" Olympische Spiele. Taiwans Präsident Ma Ying-jeou sprach die Eröffnungsworte. "So etwas gab es im Gehörlosen-Sport noch nie", sind sich Bundestrainer Zürn und alle, die schon seit vielen Jahren zu den Deaflympics fahren, einig.

Guter Start ins Turnier für das deutsche Team

Bei freiem Eintritt haben etwa 300 Zuschauer die Vorrundenspiele der Deutschen verfolgt. "Das motiviert schon beim Einlaufen", sagt Christ. Bei der WM in Griechenland waren es nur ein paar Dutzend gewesen. Während des Spiels blendet er die Umgebung dann aber völlig aus. Viele Zuschauer winken mit den Händen, statt zu klatschen, und der Schiedsrichter schwenkt bei jedem Pfiff eine Fahne. Im ersten Spiel machten Christ & Co. es spannend und besiegten Mitfavorit Iran 2:1 durch Tore in der 89. und 94. Minute. Ein 0:0 gegen Spanien reichte dann zum Weiterkommen, weil der dritte Gruppengegner Nigeria aus Finanznot in letzter Minute sein Team zurückgezogen hatte.

Einer der Top-Favoriten ist Russland, die in der Vorrunde Südafrika 15:0 besiegt haben. "Die waren angeblich drei Monate im Trainingslager, davon können wir nur träumen", sagt Christ. Zwei Wochen sind das Maximum für den Deutschen Gehörlosen-Sportverband, der alles unabhängig vom DFB organisiert - und sich etwas Aufmerksamkeit der großen Fußball-Familie wünscht. "Der DFB könnte ruhig mal bei unseren Länderspielen vorbeischauen", sagt DGS-Sportdirektorin Sabine Grajewski. "Alleine das würde schon den Gehörlosen-Fußball in der Öffentlichkeit bekannter machen."



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