"Geisterspiel" in Aachen Zwei Würstchenverkäufer und der Ehrenpräsident

Erstmal in der Geschichte des deutschen Fußballs wird ein Zweitliga-Spiel ohne Zuschauer stattfinden. Dennoch bewegt die heutige Wiederholung zwischen Alemannia Aachen und dem 1. FC Nürnberg ein Großaufgebot an Sicherheitskräften. Einziger Fan ist DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun.


Skandalspiel zwischen Aachen und Nürnberg im November 2003: "Punkte am grünen Tisch wollten wir auf keinen Fall"
DPA

Skandalspiel zwischen Aachen und Nürnberg im November 2003: "Punkte am grünen Tisch wollten wir auf keinen Fall"

Aachen - Sollte es im Wiederholungsspiel zwischen Fußball-Zweitligisten Alemannia Aachen und dem 1. FC Nürnberg am Montagabend einen Sieger geben, wird sich der Jubel in Grenzen halten. Daran gibt es keinen Zweifel. Lediglich 40 abgezählte Personen pro Verein (inklusive Spieler), die Schiedsrichter, ausgewählte Medienvertreter (50 Reporter, 16 Fotographen plus TV-Kommentatoren und Kameraleute), Sicherheits- und Sanitätsdienst, Stadionsprecher, Techniker, zwei Würstchenverkäufer und Toilettenpersonal sind zugelassen - aber kein Fan. Einzige Ausnahme: DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun, 78 und in Aachen wohnhaft, wird wie üblich auf einem Bänkchen neben dem Spielertunnel Platz nehmen dürfen.

Grund für die überschaubare Zuschauerliste ist der erfolgreich eingereichte Protest der Nürnberger gegen das so genannte "Skandalspiel" beider Teams im vergangenen November, in dem Club-Trainer Wolfgang Wolf durch ein Wurfgeschoss am Kopf getroffen wurde und seine Mannschaft in den letzten 19 Minuten nicht mehr betreuen konnte. Den damaligen 1:0-Sieg der Aachener am Tivoli hatten damals knapp 16.000 Zuschauer gesehen.

Ordnungspersonal verdoppelt


Obwohl es diesmal keinen Besucheransturm geben wird, ist das Ordnungspersonal stärker denn je vertreten. 500 Mann, doppelt soviel wie bei einem normalen Heimspiel, sollen die Austragung garantieren. Der Mannschaftsbus der Nürnberger wird bis nach Aachen eskortiert, auch die Trainingszeiten der Franken und der Aufenthaltsort wurden geheim gehalten. "Wir können uns es nicht leisten, dass noch einmal etwas passiert", begründete Aachens Geschäftsführer Bernd Maas das Großaufgebot.

Auch die Polizei ist für das Wiederholungsspiel gerüstet. Obwohl das Stadion dem gewöhnlichen Zuschauer nicht zugänglich sein wird, haben sich zwei Fan-Busse aus Nürnberg nach Informationen der Polizei angekündigt und für Aufregung gesorgt. "Wenn alles ruhig bleibt, haben wir Leute zu viel. Für Krawalle sind wir gut gerüstet", sagte Polizeisprecher Paul Kemen am Montag. Tankstellen in der Nähe des Stadions wollen nach einer freiwilligen Vereinbarung während des Spiels keinen Alkohol ausschenken. Mehrere hundert Aachener Fans werden im Kinosaal einer Nachbarstadt erwartet, wo das Spiel auf Großleinwand übertragen wird.

Aachen Trainer Jörg Berger ist von dem Geisterspiel wenig angetan. "Wir sind die Ersten in Deutschland, die so bestraft werden. An uns wird ein Exempel statuiert", schimpfte er. Einer seiner Spieler sieht dem ersten Punktspiel trotz der Aufregung eher gelassen entgegen. "Was heißt hier Geisterspiel", scherzte Aachens Routinier Ivica Grlic, "so eine kleine Kulisse ist für mich nichts Besonderes. Ich habe zuvor unter anderem bei Fortuna Köln gespielt, da waren nie viel mehr Zuschauer."



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