Geliebte Fußballclubs Hafenstraße, Athen - auf Wiedersehen!

Eigentlich kann man in Hamburg nicht gleichzeitig Fan des HSV und Sympathisant des FC St. Pauli sein. Doch in manchen Momenten schlägt das Herz kurz für beide Clubs. Besonders, wenn man die Rosinen rauspickt: hier einen Europapokalsieg, da ein bisschen Hafenstraße. Am Ende siegt aber immer die Treue.

Von Martin Sonnleitner


Montag, den 5. September 1977, gab es das Schlüsselerlebnis. Der FC St. Pauli hatte am Samstag zuvor den großen Stadtrivalen Hamburger SV, dessen Fan ich seit drei Jahren war, im Volksparkstadion des HSV mit 2:0 besiegt. Torschütze "Schlangen-Franz" Gerber (er sammelte Reptilien) grinste auf den Jubelfotos, und ich war genervt und beeindruckt zugleich. Dieser subversive Touch, der vom Kiezclub damals bereits auszugehen schien, kam einer Verlockung gleich. Schon als Zehnjähriger übte das Aufbäumen des Underdogs gegen das Establishment einen Reiz auf mich aus. Doch der Mythos der Braun-Weißen sollte ja erst Mitte der Achtziger im Schatten der besetzten Häuser der Hamburger Hafenstraße zur vollen Entfaltung kommen.

HSVer Fischer gegen St. Paulianer Pröpper: Che Guevara statt Keegan-Poster
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HSVer Fischer gegen St. Paulianer Pröpper: Che Guevara statt Keegan-Poster

Da blieb also noch Zeit, die legendären Jahre der Rothosen aus Hamburg-Stellingen auszukosten. Was für eine tolle Jugend, mit drei Meisterschaften und zwei Europapokal-Titeln - darunter der Gewinn des Landesmeistercups in Athen - in nur sechs Jahren zwischen 1977 und 1983. Dann begann der Stern des HSV zu sinken. Auch mein unschuldiger Glaube an das Gute erfuhr mit der rannahenden Adoleszenz erste Brüche. Die HSV-Kutte wurde durch eine abgewetzte Wildlederjacke ersetzt und das Keegan-Poster durch Che Guevara.

19-jährig folgte der Sprung vom Vorort in die große Stadt. Immer seltener wurden die Besuche im Volksparkstadion, immer häufiger die Demonstrationen gegen Faschismus, Atomkraft und Häuserspekulanten. Es war die heiße Phase auf den Straßen der Hansestadt, die linke Szene mobilisierte ihre Kräfte. Mittlerweile hatten die ersten Punks der besetzten Häuser mit Totenkopfflaggen das damalige Wilhelm-Koch-Stadion für sich entdeckt. Schon in der Saison 1985/86 machte sich, wenn der damalige Drittligist St. Pauli spielte, ein spannendes Knistern in den einschlägigen Vierteln ums Stadion breit. Nach einem Sieg bebte der Kiez dann, und die positive Bewegung nahm ihren Lauf: kraftvoll, anarchisch und unabhängig.

Punkikone statt Vorstadtschlägern

Als die Euphorie um St. Pauli immer gewaltiger wurde und der FC 1988 sogar in die Bundesliga aufstieg, verließen gerade politisch eher linksalternative HSV-Anhänger scharenweise die Rothosen. Dieses Prinzip alleine ging mir komplett gegen den Strich. In der Tat musste auch ich eingestehen, dass der Generationswechsel von Kaltz/Hrubesch/Magath zu Eck/Furtok/Spörl für das Fanherz nicht einfach hinzunehmen war, doch überzulaufen kam einfach nicht in Frage.

Während die Nachfolger meiner Kindheits- und Jugendhelden in einem kargen Stellinger Rund vor trostloser Kulisse kickten, tummelte auch ich mich ein ums andere Mal am Millerntor. Wie cool war es, damals noch während des Spiels komplett ums Geläuf gehen zu können. Statt Vorstadtschlägern oder gar einer Reichskriegsflagge in der HSV-Westkurve, bekam man wilde Kerle wie Doc Mabuse zu sehen, eine Hamburger Punkikone. Auch ich litt in dieser Zeit unter der rechten Unterwanderung der Fans auf den Stehrängen des HSV. Aber konvertieren? Nein!

Alte Stereotype lösten sich allmählich auf, doch einige Bekloppte beim HSV sorgten für die Zementierung gängiger Vorurteile. Während die St.-Pauli-Fans die Anti-Rassismus-Bewegung in den deutschen Stadien verbreiteten, hetzten HSV-Fans im berüchtigten Block E gegen Farbige und überdeckten, dass durch den mittlerweile gegründeten Supporters Club ein toleranter Geist eingezogen war und die Fankultur in moderne Strukturen überführt wurde. Ende der Neunziger schienen die Fronten zumindest aus Sicht der politisch aufgeklärten St. Pauli-Anhänger geklärt. Hier die frechen, frivolen und freigeistigen Kiezgänger, dort die tumben HSV-Fans. Hierbei galt das Dogma, einfach alle HSV-Fans als Idioten abzustempeln.

Glaubensbekenntnis
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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Heute habe ich auch als Quoten-HSVer auf Linksaußen bei der westhamburgischen Freizeit-Fußballmannschaft Hottentottenham schlechte Karten. Während ich mich stets freue, wenn an einem Wochenende beide Hamburger Teams als Sieger vom Platz gehen, rechneten mir meine Teamkollegen - allesamt braun-weiß - letzte Saison dreist das Szenario vor, dass ihr Verein aufsteigen könnte und den Rothosen dann in Liga zwei begegnen würde.

Als Grenzgänger zwischen den Welten, werde ich auch heute noch von meinen zahlreichen Freunden rund ums Millerntor gehänselt. Nur weil ich den Mumm habe, mich subkulturell als einer der ihren zu zeigen und trotzdem HSV-Fan zu bleiben. Zugegeben: ein wenig wirr und paradox, aber auch mutig und individuell. Attribute also, die sich die St. Paulianer gerne ans Revers heften. Übrigens: Die meisten besagter Mobber waren alle einmal große Fans der Rothosen. Insgeheim, das spüre ich, bewundern sie meine Hartnäckigkeit.

Überhaupt scheinen sich die Fronten im Laufe der Jahre aufgeweicht zu haben. Selbst St. Pauli-Teamchef Holger Stanislawski sagte mir neulich in einem Interview: "Feindschaft zum HSV hegen wir nicht. Es ist normal, dass sich Fans zweier Vereine in einer Stadt nicht verstehen, es ist aber in den letzten Jahren ruhiger geworden." Im Gegenzug ist es dem HSV gelungen, sich unter der Federführung von Marketingprofis ein modernes Image zu verpassen. Natürlich ist auch das HSV-Umfeld im Kern demokratisch. Jüngst verbot der Verein gar das Tragen von rechtsradikaler Markenkleidung im Stadion – ein wenig spät zwar, aber immerhin.

Vielleicht gehe ich bei dem ganzen Freund/Feind-Blödsinn ja noch als Gewinner vom Platz. Der wahre Kult findet nämlich schon seit Jahren an der Adolf-Jäger-Kampfbahn, beim Oberligisten Altona 93 statt. Auch Doc Mabuse ist längst eingefleischter AFC-Fan. Als in der Saisonvorbereitung nun der Zweitligist FC St. Pauli gastierte, waren meine St.-Pauli-Kumpels ganz baff und lobten das anachronistische Flair und die ungezwungene Atmosphäre. Einer flüsterte gar leise, er könnte sich vorstellen zu konvertieren. Ich nicht!



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