Geliebter Ost-Club Energie Gottbus und seine Helden

Die Profis nennen sie hier noch Helden, und für jeden Gegner wird die Fahrt nach Cottbus zur Hölle. Der Club kam von ganz unten, wird es nie bis nach ganz oben schaffen, aber Energie muss man einfach lieben. Nicht nur wegen der wortkargen Trainer. Und schon gar nicht aus Mitleid.

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Es gibt viele Menschen, die glauben an Gott, obwohl sie ihn noch nie persönlich getroffen haben. Ich glaube nicht an Gott, und womöglich wird sich das auch nicht mal dann ändern, wenn er vorbeischauen sollte. Ich bin eher der naturwissenschaftliche Typ, es muss verdammt viel passieren, damit ich an Gott glaube. Ich würde erst ein Interview mit ihm führen und ihn danach an einen Lügendetektor anschließen. Dann könnte er mich vielleicht überzeugen. Bis dahin glaube ich an Energie Cottbus.

Obwohl ich noch nie in Cottbus war.

Cottbus-Trainer Sander: Fachmann der knappen Worte
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Cottbus-Trainer Sander: Fachmann der knappen Worte

Meine Liebe zu Energie begann 1997, genauer gesagt am 14. Juni. Cottbus, Noch-Regionalligist, aber schon in die Zweite Liga aufgestiegen, spielte im DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart. Ich saß im Olympiastadion unter den Berliner Wolken, weil ich aus dritter Hand eine Karte geschenkt (!) bekommen hatte. Keiner wollte Cottbus sehen, die Vorbesitzer der Tickets sagten Sachen über Energie, die man hier nie drucken würde, und der letzte Inhaber kam irgendwann auf mich. "Du bist doch aus dem Osten", sagte er und glotzte mich an wie einer, der früher immer Aldi-Schokolade in die West-Pakete packte. Wahrscheinlich erwartete er auch noch, dass ich Danke sagte.

Arbeiterklasse gegen magisches Dreieck

Es war kein großes Spiel, die Rollen zu klar verteilt. Hoßmang, Benken, Zöphel, Kronhardt gegen Balakow, Elber, Bobic, Arbeiterklasse gegen magisches Dreieck, 0:2 am Ende. Aber da unten auf dem Platz standen Typen, die für etwas standen, und wenn es nur das Sich-zerreißen-und-scheitern war. Ich mochte von da an vor allem Jens Melzig, den kantigen Manndecker, der immer so aussah, als würde er seine Gegenspieler nach dem Spiel noch foltern.

Glaubensbekenntnis
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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Seit dem Pokalfinale hat mich Cottbus nicht mehr losgelassen, obwohl es kurz mal danach aussah, als müsste ich dem Club meine Liebe entziehen. 2005 wurde Eduard Geyer freigestellt, "Ede", der Energie in die Bundesliga geführt hatte und dort drei Jahre lang hielt. Der als knarzig gegenüber den Medien galt und dabei doch immer nur über Fußball reden wollte. Was konnte Geyer dafür, dass ihm meist nur dumme Fragen gestellt wurden? Nürnbergs Hans Meyer kontert heute mit einem Witz, auch wenn das Problem das gleiche ist. Geyer war nur nicht witzig.

Zum Glück gibt es jetzt Petrik Sander. Der sagt dem Reporter ins Gesicht, dass er lieber über Fußball reden möchte, und wenn er dann gefragt wird, warum Cottbus denn nun verloren habe, sagt Sander Sachen wie: "Beim 0:1 stimmte die Zuordnung nicht" oder "wir haben in der ersten Halbzeit nicht genug Druck entwickelt". Energie ist entgegen aller düsteren Prognosen nicht abgeschlagen Letzter der Liga - auch dank Sander, der ein Fachmann des Fußballs und der knappen Worte ist und deshalb mittlerweile Kult in der Lausitz. Wie sein Vorgänger Geyer.

"Arbeitsnachweis unserer Helden"

Das alles verwundert nicht, hier standen die Trainer schon immer vor der schweren Aufgabe, mit durchschnittlichem Spielermaterial Überdurchschnittliches leisten zu müssen. Aber das passt irgendwie zur Lausitz (vulgo: zum Osten), schon in der DDR hat man auch mit kubanischen Orangen (grün mit Kernen) hervorragende Obstsalate gemacht, wenn man ein guter Koch war. Und wo sonst gibt es auf der vereinseigenen Internetseite einen Link "Arbeitsnachweis unserer Helden"? Das klingt ein bisschen nach dem legendären DDR-Akkordarbeiter Adolf Hennecke, nach Maloche und Planübererfüllung. Aber es klingt authentisch.

Cottbus ist immer bodenständig geblieben, weitgehend skandalfrei und beständig. Ob Vasile Miriuta, Tomislav Piplica oder Vlad Munteanu, Timo Rost und Sergiu Radu - hier sehen die Spieler schon immer so aus wie sie heißen, aber sie spielen meist viel, viel besser. Diese Art von Understatement finde ich sonst nirgendwo. Und am 14. Juni 2007 werde ich feiern, auch wenn ich immer noch nicht im legendären Stadion der Freundschaft war. Meine Liebe zu Energie Cottbus ist dann genau zehn Jahre alt, auf den Klassenerhalt werde ich eine Flasche Rotkäppchen köpfen, dem Fußballgott zu Ehren. Den gibt es nämlich ganz bestimmt. Glaube ich.



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