Geliebtes RWE: Hoffnung an der Hafenstraße

Glücksmomente gab es für Robin Mishra wenige. Dreißig Jahre verfolgt er nun den Weg Rot-Weiss Essens. Erinnert sich an legendäre Spieler und Pokaltreffer gegen Jens Lehmann. Doch immer wieder musste er auch tragische Augenblicke durchleben - meist kurz vor Abpfiff.

Wenn Sepp Herberger nur Recht gehabt hätte. Vielleicht wären wir längst wieder Meister geworden wie damals 1955, beim 4:3 gegen Kaiserslautern. Aber der Alte lag daneben, gründlich daneben. Ein Spiel dauert eben nicht 90 Minuten; meist geht es noch ein paar Minuten länger. "Es geschah in der Nachspielzeit" müsste ein Spielfilm über Rot-Weiss Essen heißen, der für viele Fortsetzungen taugen würde. Immer wieder diese allerletzten Minuten, die sich so unbarmherzig in die Länge ziehen.

Dass ich nicht mehr in Essen wohne, lässt mich das Schicksal nur umso grausamer empfinden. In Berlin ereilen mich gleich zwei Tore des SC Paderborn in der Nachspielzeit per Videotext. Der Eckball für Eintracht Frankfurt, der zum 4:4 führt, erwischt mich hinterrücks am Internet-Liveticker in Chicago. Den K.o.-Schlag in der vergangenen Saison stecke ich hingegen auf der Osttribüne an der Hafenstraße ein. Fühlt sich auch nicht besser an. Kurz nachdem der Stadionsprecher die Nachspielzeit angesagt hat, schießt Wacker Burghausen, bereits abgestiegen, aus 35 Metern aufs Tor. Der Ball ist drin, die Punkte sind weg. Einen Spieltag später und im Jahr seines 100-jährigen Vereinsjubiläums rutscht RWE wieder einmal aus der zweiten Liga.

Vor 30 Jahren endete für Rot-Weiss Essen die vorerst letzte Bundesligasaison. Meine Liebe zu RWE beginnt erst kurz danach. Schon damals liegen Helmut Rahns Heldentaten weit zurück; lange ist es her, dass Brieftauben wie 1953 die Kunde vom Essener Sieg über Alemannia Aachen durch das Ruhrgebiet tragen. Mein Nachbar Herr Römer aus meinem Heimatstadtteil Borbeck nimmt mich zum ersten Mal mit an die Hafenstraße, wo RWE zu Hause ist.

Vordergründig betrachtet, beginnen Jahrzehnte des grauen Mittelmaßes. Als Fan gehöre ich zu einer Lost Generation. Dunkle Partien gegen Union Solingen oder Bayer Uerdingen prägen meine ersten Fan-Jahre. Das Georg Melches-Stadion, benannt nach einem der RWE-Gründer, verfällt. Anfang der Neunziger wird die legendäre Westkurve abgerissen (diese wurde bis heute nicht wieder aufgebaut). Vorteil des Stadiontorsos: Die drei verbliebenen Tribünen passen zu den Bestandteilen des Vereinsnamens: "Rot" brüllt es von der Nord-, "Weiss" von der Ost- und "Essen" von der Haupttribüne.

Im Laufe der Jahre wechseln die Namen der Trainer und Spieler, die Malaise bleibt: Große Talente muss man ablösefrei ziehen lassen (jüngst erst die beiden deutschen U21-Nationalspieler Baris Özbek und Serkan Calik zu Galatasaray Istanbul), dafür gibt es zu oft teure Kicker, die für viel Geld wenig Leistung bringen (zuletzt Alexander Löbe, inzwischen bei Paderborn). Dennoch gibt es immer wieder Durchhalteparolen vom Vorstand, denen allerdings kein Fan mehr glaubt. Nun ist wieder ein Stadionneubau versprochen, bis 2011, zur Fußball-WM der Frauen.

Was soll's. Die Wahrheit liegt auf dem Platz, würde Otto Rehhagel sagen, der Anfang der sechziger Jahre bei RWE kickte. Zur Wahrheit dazu gehören unvergessliche Kicker wie Manni Burgsmüller, Horst Hrubesch (mit 41 Treffern in der Saison 1977/1978 noch immer Zweitliga-Rekordhalter), Frank Mill (40 Treffer, 1980/1981). Und Willi "Ente" Lippens natürlich, watschelnder Flankengott. Sein Fallrückzieher beim Hallenturnier in der Grugahalle bleibt mir unvergessen.

Spielermund tut Wahrheit kund. "Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu", prägte RWE-Stürmer Jürgen "Kobra" Wegmann das inoffizielle Vereinsmotto. Nach seinem Engagement bei den Münchner Bayern zog er wieder ins Ruhrgebiet, wo er inzwischen sein Vermögen durchgebracht hat. Und könnte man die Essener Zweitligaspielzeiten besser zusammenfassen, als mit einer weiteren Rehhagel-Weisheit? "Mal verliert man, und mal gewinnen die anderen." Seit 1993 ist Essen vier Mal von der dritten in die zweite Liga aufgestiegen – und musste jeweils im folgenden Jahr wieder runter.

Die Hoffnung aber lebt. "Lache nicht über RWE, weil sie einen Schritt zurück machen. Sie nehmen nur Anlauf", sagen die eigenen Fans. Liebevoll ironisch sind auch die Sprüche der Gegner, Gäste aus St. Pauli dichteten einmal: "Mit Essen spielt man nicht". Spielerisch hat RWE über die Jahrzehnte meist Magerkost geboten. Aber dennoch kann ich mich an kaum ein Heimspiel erinnern, bei dem nicht die Rasenstücke aufspritzten und die Fans jeden gewonnenen Zweikampf frenetisch bejubelten. Immer wieder habe ich deshalb den halbstündigen Fußweg angetreten, der von der Wohnung meiner Eltern zuerst durch ein Gewerbegebiet, dann durch eine Schrebergartensiedlung und schließlich an einem ausrangierten Bahngleis vorbei führt.

Glaubensbekenntnis
AP
Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Kostbare rot-weiße Glücksmomente entschädigen für lange graue Jahre. Das Tor zum 2:0 im Pokal gegen Schalke ist heute noch bei YouTube zu sehen. 1992, Essen ist damals Oberligist, nimmt Jörg Lipinski in der 90. Minute einem an die Mittellinie aufgerückten Keeper namens Jens Lehmann den Ball ab, läuft auf das leere Tor zu, hält inne und jubelt einige Sekunden vor der Linie, bevor er das Leder versenkt. Zwei Jahre später wird den Rot-Weissen mitten in der Zweitligasaison die Lizenz entzogen. Dennoch schießt sie mein Abikollege Jürgen Margref gegen TeBe Berlin ins Pokalfinale, wo sie Werder Bremen eine Halbzeit lang in die eigene Hälfte drängen. Endergebnis 1:3, na und? Beste Erinnerungen habe ich an die vielen siegreich bestrittenen Duelle von RWE mit Preußen Münster, dem noch bedauernswerteren Club aus meiner Studienstadt.

"Seit wir zwei uns gefunden, kenn ich nur frohe Stunden", singt etwas blauäugig Siw Malmkvist in "Adiole", der zu "Oh, RWE" umgedichtete Gänsehaut-Fan-Hymne. "Ohne Sinn wär' mein Leben, würde es dich nicht geben", heißt es weiter. Das kommt der Wahrheit schon näher.

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insgesamt 1791 Beiträge
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1. Schalke ist meine Weltanschauung
chefstratege 20.06.2007
Schalke 04, und zwar völlig unabhängig vom momentanen sportlichen Erfolg. Schalkes Ex-Präsident Günter "Oskar" Siebert sagte einmal zutreffend: "Das Herz von Schalke schlägt in der Brust seiner Anhänger". Ich darf mich dazu zählen, ich habe auf Schalke zeitweise mein Herz und gelegentlich auch Teile meines Verstandes verloren. Mit dem Verstand ist Schalke ohnehin nicht zu fassen. Nirgendwo sonst in Deutschland herrscht soch eine unbändige Fußballbegeisterung, solche eine fanatische Hingabe und solch besessene Vereinstreue. Es gibt keinen Verein, der auch über die lokalen Grenzen hinaus (ich selbst komme auch nicht auch Gelsenkirchen) so viel Gefühl vermittelt und so viele Emotionen hervorruft. Schalke, das ist eben mehr als "nur" ein Fußballverein, eine Art (Fußball-)Weltanschauung, auch für mich!
2.
Klo 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
SG Calvörde
3.
king.woita 20.06.2007
Einmal Löwe - Immer Löwe München ist Blau
4.
Umberto 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Stade Français, weil dort das beste Rugby in meiner "Nähe" gespielt wird.
5.
Carsten31 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Falsche Fragestellung. Ein Fan entscheidet sich nicht bewusst für einen Verein. Das ist dem Verlieben sehr ähnlich. Wer sagt schon "Ach, heute verliebe ich mich mal"? :o) Ausserdem kommt der Aspekt der frühkindlichen Prägung noch dazu. Vati/Onkel/Opa etc. schleppt den Kurzen mit ins Stadion und schon ist es geschehen! Momentan arbeite ich mich persönlich an dem Sohn eines Kumpels ab. Trikot hat er schon, jetzt wird ungeduldig gewartet, ihn das erstemal ins Stadion mitnehmne zu können. Der muss früh geimpft werden, damit er sich nicht in die falsche Mannschaft verliebt. Mit einer italienischen Mutter besteht zudem die Gefahr, sich für eine komplett falsche Liga zu erwärmen!!! :o)
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