Gennaro Ivan Gattuso "Der FC Bayern macht Angst"

Kaum ein Fußballer agiert mit einer solchen Intensität wie AC Mailands Gennaro Ivan Gattuso. Vor dem Viertelfinal-Hinspiel gegen Bayern München sprach der italienische Weltmeister mit SPIEGEL ONLINE über Kampfkraft, Schüchternheit und deutsches Fairplay.


Frage: Herr Gattuso, Sie treffen heute (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; die Red.) im Viertelfinale der Champions League auf Bayern München. Wen oder was fürchten Sie am meisten?

Gattuso: Bayern hat viele großartige Spieler, es ist eine der stärksten Mannschaften Europas. Das zeigt die Geschichte und auch, wie sie auf europäischer Ebene spielen. Ich denke, die Mannschaft als Ganzes macht Angst, unabhängig von einzelnen Spielernamen. Durch den Trainerwechsel und die Erfahrung von Ottmar Hitzfeld können sie uns in Schwierigkeiten bringen.

Weltstar Gattuso (l., im Länderspiel gegen Schottland): "Manchmal fehlt uns der Sportsgeist"
Getty Images

Weltstar Gattuso (l., im Länderspiel gegen Schottland): "Manchmal fehlt uns der Sportsgeist"

Frage: Oliver Kahn wird den Bayern fehlen. Der Torwart wurde von der Uefa gesperrt, weil er sich bei einer Dopingkontrolle ungebührlich benommen hat. Können Sie Kahns Verhalten verstehen?

Gattuso: Ich kenne die Geschichte nicht gut, aber Kahn ist eine sehr charismatische Persönlichkeit. Er will immer gewinnen, das gefällt mir sehr gut. Grundsätzlich verstehe ich Oliver Kahn und das, was passiert ist, weil ich eine ähnliche Erfahrung in Italien gemacht habe.

Frage: Was halten Sie von der Strafe für Kahn?

Gattuso: Sie scheint mir ungerecht, weil es nicht um etwas auf dem Spielfeld geht oder um das Reglement, sondern um etwas außerhalb des Spielfeldes.

Frage: Ihr Club erlebt derzeit eine eher flaue Spielzeit. Ihrem Stadtrivalen Inter Mailand ist der nationale Titel wohl nicht mehr zu nehmen. Was muss Milan tun, um wieder erfolgreich sein zu können?

Gattuso: Wenn ich es wüsste, würde ich es sagen. Die Spielzeit hat sehr negativ begonnen: viele Verletzungen, der Punktabzug als Strafe für den Manipulationsskandal, die Vorrunde der Champions League. Da wir uns nicht entsprechend vorbereitet haben, bezahlen wir all das jetzt. Es gibt noch ein Ziel: die Champions League. Das Viertelfinale gegen Bayern ist sehr wichtig für uns.

Frage: Wie bewerten Sie die laufende Saison in der Serie A?

Gattuso: Bei all den Strafen, den aberkannten Meistertiteln von Juventus, deren Zwangsabstieg hat der italienische Fußball viel verloren. Hoffen wir, dass wir das aufholen und dass wir die Sportlichkeit anderer Nationen annehmen. Wir sind zwar Weltmeister, aber wir scheinen keine Nation von Weltmeistern zu sein. Manchmal fehlt uns der Sportsgeist.

Frage: Wie meinen Sie das?

Gattuso: Als Deutschland bei der WM von uns geschlagen wurde, haben die Fans keinerlei Unruhen verursacht, wir und Deutschland haben applaudiert. Und ich denke, dass das eine Demonstration von Fairplay ist und auch von Sportsgeist, die mich beeindruckt hat. In Bezug darauf muss sich unser Sportsgeist noch verbessern, da sind wir in Italien etwas hintendran.

Frage: Die Zuschauerzahlen in Italien sind rückläufig. Warum gehen die Fans nicht mehr so häufig ins Stadion?

Gattuso: Unter Europas großen Fußballnationen haben wir die hässlichsten Stadien. Sie sind sehr alt und gehören den Kommunen, nicht den Vereinen. Hoffen wir, dass die EM 2012 in Italien stattfinden wird. Denn das hieße vermutlich, dass die Stadien erneuert werden würden.

Frage: Sie sind einer der bekanntesten Spieler der Serie A. Ihr Ruf ist allerdings nicht der beste. Können Sie verstehen, dass man sie für ein "Enfant Terrible" hält?

Gattuso: Wer mich nicht kennt, muss mich nach meiner Position auf dem Platz oder in der Mannschaft beurteilen. Ich spiele nicht, sondern bin jemand, der Emotionen mit äußerster Intensität lebt, ich lebe von Emotionen. Ich denke, dass Rino Gattuso ohne Emotionen nicht der wäre, der er ist. Außerhalb des Platzes bin ich manchmal ein schüchterner Mensch. Es fällt mir schwer, zu sagen, was ich fühle oder denke, was ich für jemanden empfinde.

Frage: Woher kommt Ihre Leidenschaft auf dem Platz?

Gattuso: Vielleicht aus dem Bewusstsein heraus, irgendetwas weniger zu haben als die anderen. Am Anfang meiner Karriere habe ich mich immer dazu gezwungen und damit motiviert, nie aufzugeben. Und das ist so geblieben. Meine größte Stärke ist sicherlich die Beharrlichkeit. Wenn ich einen Ball in Reichweite sehe und nicht hingehe, um ihn mir zu holen, dann ist es um mich geschehen. Wenn der Tag kommt, muss ich aufhören.

Frage: Wie bereiten Sie sich auf eine Partie vor? Haben Sie ein bestimmtes Ritual?

Gattuso: Ich kenne nur eine Art und Weise, um mich auf ein Spiel vorzubereiten: Konzentration, Konzentration, Konzentration. Gestern habe ich Alessandro del Pieros Buch gelesen, in dem er in einem Kapitel von mir spricht. Seiner Meinung nach war ich bei der WM der vielleicht intelligenteste Spieler der italienischen Mannschaft, weil ich, was stimmt, jeden Tag nur an Fußball denke.

Frage: Ist das nicht anstrengend?

Gattuso: Mein Kopf hat immer nur Fußball im Sinn, ich kenne es nicht anders. Aber bei der WM habe ich herausgefunden, dass man bei den großen Begegnungen nicht immer an diese denken darf. Sonst hat man ein Hirn, das nichts mehr aufnehmen kann, ist gestresst. Bei der WM ist es mir gelungen, die Dinge zu trennen. In den Momenten der Entspannung dachte ich an Entspannung, während der Arbeit dachte ich an die Arbeit. Und auch jetzt ist das eine Methode, mit der es mir bestens geht.

Die Fragen stellte Antje Luz

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