Delling-Abschied 2019 Sport-Tschau

Gerhard Delling hat eine neue Farbe in die Sportmoderation eingebracht: die Sportler ernst nehmen, den Sport nicht so sehr. Mit Sidekick Günter Netzer schuf er ein ganz besonderes Genre.

Gerhard Delling und Günter Netzer
DPA

Gerhard Delling und Günter Netzer

Von


Delling und Netzer, na klar. Das war eines der bleibenden Paare der Fernsehgeschichte wie Wum und Wendelin, Stöver und Brockmöller, Heinz Schenk und Lia Wöhr, Kuli und sein Butler, Harald Schmidt und Manuel Andrack. Der eine war ohne den anderen jahrelang nicht denkbar. Netzer hörte 2010 als TV-Experte und Sidekick auf, seitdem hatte man als Zuschauer eine Art Phantomschmerz, wenn man Delling im Fernsehen sah. Irgendwas fehlte.

Mit dann 60 Jahren wird Delling im April kommenden Jahres seinem alten Fernsehkumpel Netzer folgen und die ARD verlassen, wie er am Donnerstag ankündigte. "Sportschau" ohne Delling, ARD-Länderspiele ohne Delling. Eigentlich kaum vorstellbar. Aber das dachte man bei Heribert Fassbender, bei Ernst Huberty auch. Es gab auch eine "Sportschau" nach Hans-Joachim Rauschenbach und Eberhard Stanjek.

Dennoch wird man diesen Gerhard Delling vermissen. Weil er eine Art Trendsetter war, Sport, insbesondere Fußball, auf eine andere Weise zu moderieren. Wenn man ihn vor der Kamera sah und sieht, hat man von jeher das Gefühl: Dieser Mann nimmt die Sportler ernst, nicht aber unbedingt den Sport als großes Ganzes. In seinen Moderationen schwingt immer der Subtext mit: Leute, es ist doch nur Sport.

Ohne groß die Miene zu verziehen

Genau das war das Erfolgsrezept der Kombination Delling/Netzer. Da standen zwei an ihrem Stehtischchen, im Hintergrund brodelnde Stadionatmosphäre, die sich nicht über Fußball als Lebensmittelpunkt definieren. Die darüber reden können, notfalls stundenlang, ohne groß die Miene zu verziehen. Immer ein bisschen Spott in der Stimme, bestenfalls ein mildes Lächeln über diesen Aufregerbetrieb Fußball, aber sich davon bloß nicht anstecken lassen.

Dazu die kleinen Neckereien zwischen den beiden, das bewusste Siezen untereinander, die zuweilen demonstrative schlechte Laune, die Netzer verkörperte, sodass man sie mit den Muppets-Griesgramen Waldorf und Statler verglich, die an allem etwas zu meckern haben: Das alles hatte es im deutschen Sportfernsehen vorher nicht gegeben. Vor allem kultivierten sie es in einer Zeit, in der Sportberichterstattung im Fernsehen immer hysterischer, schreihälserischer, lauter wurde. Eine Insel der Unaufgeregtheit zwischen all den Marketendern des Fußballs.

Wahrscheinlich hat das den damaligen deutschen Teamchef Rudi Völler am meisten aufgeregt, als er 2003 zu seiner berühmten Wut-Suada in der ARD nach dem DFB-Länderspiel auf Island gegen die beiden ausholte. Dass Delling und Netzer nie das patriotische Fähnlein geschwungen haben, dass sie cool blieben, wenn rechts und links der Überschwang tobte, dass sie eher auf Fehler als auf Stärken hinwiesen. Völler schimpfte im ARD-Studio des Sport-Populisten Waldemar Hartmann "Scheißdreck" und "Käse", wohl wissend, dass das genau der Sprachduktus ist, den Delling und Netzer nie benutzen würden. Waldemar Hartmann bekam danach Werbeverträge für Weißbier, Netzer und Delling den Medienpreis für Sprachkultur. Besser kann man den Unterschied nicht beschreiben.

Nach zwölf Jahren kam die Müdigkeit

Nach zwölf Jahren Partnerschaft war das Duo müde, routiniert geworden, wie das nun einmal so ist im Beziehungsalltag. Die gegenseitigen Piesackereien hatten sich abgeschliffen, Fachkundiges hörte man von den beiden nur noch selten, die Flapsigkeit nahm überhand, am Ende merkte man, dass das Interesse der beiden an dem, worüber sie berichtet hatten, sich erschöpfte. Dann war es Zeit, auseinanderzugehen. Netzer alias Statler verabschiedete sich, Waldorf machte weiter, triezte sich noch ein bisschen mit Experten-Nachfolger Mehmet Scholl, aber es war nicht mehr dasselbe.

Delling hatte sich da längst zu einem Gesicht des Norddeutschen Rundfunks entwickelt, sein ganzes Leben hat er bis auf eine Station beim SWR mehr oder weniger im Norden verbracht, von Rendsburg über das Studium in Kiel bis hin zu seinen Jobs beim NDR. Immer wieder versuchte er, auch anderes zu machen als Sport. Die NDR-Talkshow moderierte er, auch eine eigene Personality-Show "Dellings Woche" war dabei, er half sogar bei den Tagesthemen als Moderator aus, sein Horizont ist immer weiter gewesen, aber den Absprung aus dem Sport hat er dann doch nie vollzogen.

Seine Biografie hat er vor sechs Jahren schon geschrieben. Gerhard Delling hat 2012 50 Jahre Bundesliga Revue passieren lassen, "und wie ich sie erlebte". Als die Liga 1963 startete, war er gerade mal vier Jahre jung und spielte auf der Straße im schleswig-holsteinischen Rendsburg HSV-Siege nach. Die Liga ist mittlerweile 56 Jahre alt, Delling 59. Seine Motivation, "die mich all die Jahre angetrieben hat", beschreibt er in dem Buch "Die Begeisterung für den Sport und die Menschen, die damit zu tun haben." Die Begeisterung hatte, hat er, aber er hat sich von ihr nicht übermannen lassen.

Normalerweise steht eine Biografie am Ende eines (Berufs-)Lebens. Delling hat noch ein paar Jahre verstreichen lassen. Ab Mai 2019 klafft eine Lücke in der ARD.



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cisko 19.10.2018
1. schön geschrieben
Vielen Dank für diesen sehr guten Kommentar. Treffender kann man das nicht ausdrücken. Ich war genau die Delling Zielgruppe. Sport ist okay, aber es ist und bleibt Sport, nicht mehr und nicht weniger und es geht nicht um Leben oder Tod dabei. Was wird Herr Delling tun?
hefe21 19.10.2018
2. Keine Delle bei Delling, nichts, nirgends
Eigentlich wollte man ja die angenehme Klarheit von Dellings Moderationen auf seine Nordischheit zurückführen, kommt bei dieser Zuschreibung aber im Falle der "Nachfolgerin" J. Wellmer ins Straucheln. Die kommt ja wohl auch aus dem (östlichen) Norden, nervt aber (will aber hier kein Neumannfass aufmachen) mit ihrer manirierten Stop- and Go - Sprechweise und zwingt mich bei der Sportschau zum Wegzappen der Moderationspausen. Ist irgendwie lästig.
Currie Wurst 19.10.2018
3. Alles Gute
Delling war und ist immer noch einer der besten: nichts Aufgesetztes, sondern immer mit ein bisschen Ironie, auch Selbstironie unterwegs. Sowohl mit als auch ohne Günther Netzer einer, dem man gerne zuhörte. Alles Gute für den verdienten Ruhestand, wie auch immer der dann aussehen mag.
diorder 19.10.2018
4. Weiter so
mit positiven Artikeln über die öffentlich-rechtlichen Sender. Dieses mit erregter Stimme hervorgepresste Hypen der Privaten ist vor allem beim Sport ja kaum noch auszuhalten.
alternativlos 19.10.2018
5. Oh nein...
...nicht auch er! Er war so ein braver, dynamischer und gut-aussehender Junge, dem der Fußball so viel zu verdanken hat. Weiterhin Alles Gute
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.