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Swansea-Torhüter Tremmel: "Wie ein Zombie"

Gerhard Tremmel: Stationen einer Torwart-Karriere Fotos
DPA

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Tremmel über den Jugendwahn in der Bundesliga und den Lebensstil der Waliser

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der Bundesliga für Unterhaching, Hannover 96, Hertha BSC und Energie Cottbus gespielt. Was ist der größte Unterschied zur Premier League?

Tremmel: Hier honorieren die Fans eher, was wir Spieler leisten. Wenn jemand einen schlechten Tag hat und trotzdem ackert, dann spüren die Zuschauer das. Dann kann mir auch ein Ball verspringen, ohne dass irgendjemand pfeift. In Deutschland gibt es viel schneller Buh-Rufe.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Tremmel: In England gibt es in der Gesellschaft keine so starke Mittelschicht wie in Deutschland. Das bedeutet, dass hier in den Stadien auch mehr Leute aus der Unterschicht sitzen. Die geben für ihre Verhältnisse viel Geld für das Ticket aus. Ein Fußballspiel ist für sie ein Highlight, sie verfolgen es genauer, gebannter. Sie brauchen kein Event, keine Fan-Choreografien und Feuerwerkskörper.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, dass in Deutschland nicht das Spiel im Mittelpunkt steht?

Tremmel: Ja. Die deutschen Medien schreiben beispielsweise lieber darüber, warum ein Spieler seinem Trainer bei der Auswechslung nicht die Hand gegeben hat. Und die Fans beschäftigen sich auch gerne mal mit Themen, die nichts mit dem Spiel zu tun haben - sie setzen sich dafür ein, dass Pyrotechnik im Stadion erlaubt wird.

SPIEGEL ONLINE: Die eingefleischten Fans, die Ultras, gehen in England doch gar nicht mehr ins Stadion, weil es dort keine Stehplätze mehr gibt.

Tremmel: Das stimmt nicht. Es gibt auch in der Premier League ganz harte Fans. Die sind nur nicht in einer bestimmten Kurve zu finden wie in Deutschland. Die sind über die Ränge verteilt. In England ist das Stadion der Fan, nicht eine Kurve. Deswegen bedanken wir uns nach dem Spiel auch bei allen Zuschauern und gehen nicht nur in eine bestimmte Ecke der Arena.

SPIEGEL ONLINE: Der Torwart gilt als Schwachstelle des englischen Fußballs. Haben deutsche Torhüter in der Premier League einen Bonus bei Fans und Trainern?

Tremmel: Nein. Ich sage Ihnen auch warum: Die Engländer denken nicht, dass wir Deutschen die besten Torhüter der Welt sind. Das denken nur wir selbst. Wenn du in der Bundesliga eine Nummer bist, fängst du hier bei null an. Kaum jemand interessiert sich hier für deutschen Fußball, die gucken höchstens noch die Spiele von Barcelona und Real Madrid.

SPIEGEL ONLINE: Warum erleben Sie erst jetzt, mit 34 Jahren, den Höhepunkt Ihrer Profilaufbahn?

Tremmel: Ich habe keine Bilderbuchkarriere hingelegt. Ich habe oft den schweren Weg gesucht, und das war im Nachhinein nicht immer klug. Auf der Position des Torhüters ist der Konkurrenzkampf riesig. Wenn da mal einer auf der Bank sitzt, dann bleibt er auch da. In Hannover, Berlin und Cottbus hatte ich starke Kollegen vor mir, die in den Clubs auch Identifikationsfiguren waren. Ich glaubte: Mit Leistung kannst du das wettmachen. Aber das ging nicht immer.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie in der Bundesliga ähnlich erfolgreich werden können wie jetzt in der Premier League?

Tremmel: Auf keinen Fall.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Tremmel: Weil bei deutschen Clubs inzwischen hauptsächlich junge Spieler gefragt sind. Während es früher hieß, Torhüter mit 30 Jahren seien im besten Alter, setzen die Vereine heute nur noch auf Keeper in den Zwanzigern. Das ist fast schon ein Wahn.

SPIEGEL ONLINE: Moderne Torhüter müssen nicht nur Bälle abwehren, sondern auch Passgeber und Spielgestalter sein. Die jungen Keeper haben eine bessere Ausbildung im spielerischen Bereich.

Tremmel: Ich behaupte jetzt mal, dass ich auch einen Ball genau auf den Kopf meines Mitspielers chippen kann. Der Punkt ist aber, dass das gar nicht so wichtig ist, weil ein solcher Pass höchstens ein oder zwei Mal im Spiel vom Torhüter verlangt wird. Sie können doch nicht eine gute Ausbildung gegen Erfahrung ausspielen. Es braucht auch Spieler in einem Team, die eine Partie gestalten, lenken und mitdenken können. Die Mischung muss stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Die Waliser gelten als trinkfestes Volk. Ist da etwas dran?

Tremmel: Definitiv. Hier gehört ein Feierabendbier im Pub oft zum guten Ton. Die Briten haben allerdings generell eine andere Einstellung zum Leben, eine positivere, wie ich finde. Die arbeiten hier zwar auch hart, aber nicht so robotermäßig wie in Deutschland. Du kannst hier einen schlechten Tag haben, kein Problem, aber deshalb verliert man hier nicht gleich seinen Humor oder seine Freundlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch manchmal mit Ihren Teamkameraden unterwegs?

Tremmel: Natürlich, wir waren erst vergangene Woche gemeinsam weg, nachdem wir Chelsea aus dem Ligapokal geschmissen haben. Alle waren dabei. Wenn die Jungs hier trinken, dann trinken sie richtig. Als ich noch in der Bundesliga gespielt habe, ging es vor allem darum, möglichst hart zu trainieren, manchmal zweimal am Tag. Vor dem Spiel sollte ich nicht zu wenig essen, aber auch nicht zu viel. Und natürlich immer fettarm. Alles wurde einem bis ins kleinste Detail vorgegeben. Das war furchtbar. Ich fühlte mich oft ausgelaugt, übertrainiert. Meine Frau sagte mir damals: Du siehst aus wie ein Zombie.

SPIEGEL ONLINE: Trainieren Sie jetzt weniger?

Tremmel: Auf jeden Fall kürzer, dafür intensiver und mit weniger Pausen. Es sind am Tag im Schnitt 70 Minuten, und ich fühle mich fitter denn je. Der Fußball ist hier in einigen Bereichen nicht so dogmatisch, wie ich es von meinen früheren Vereinen gewohnt war. Manche Regeln gelten hier einfach nicht.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Tremmel: Musik in der Kabine. Das war in meinen Bundesliga-Clubs streng verboten. Hier drehen die Jungs auf, dass fast die Boxen platzen. Auch vor dem Spiel. Black Music, volle Kanne. Es ist nicht meine Musik, aber ich sehe es positiv. Die Burschen halten mich jung. Durch sie weiß ich immer, was gerade angesagt ist.

Das Interview führte Lukas Eberle

  • 1. Teil: "Wie ein Zombie"
  • 2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Tremmel über den Jugendwahn in der Bundesliga und den Lebensstil der Waliser
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insgesamt 65 Beiträge
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1. Sympathischer Typ der Tremmel
waldbaer 31.01.2013
Zitat von sysopAFPDer walisische Kleinclub Swansea ist die Sensation im englischen Fußball - und im Tor steht ein Deutscher. Gerhard Tremmel spricht im Interview über Fans in der Umkleidekabine, überschätzte deutsche Jung-Keeper und warum er in der Bundesliga nicht erfolgreich werden konnte. http://www.spiegel.de/sport/fussball/gerhard-tremmel-swansea-torwart-ueber-bundesliga-und-premier-league-a-880553.html
Das fand ich schon als er noch in der Bundesliga gespielt hat. Gut das es diese Menschen mit Charakter und einer vernünftigen Einstellung immer noch gibt im Profifußball.
2. Die grossen Clubs?
Nonvaio01 31.01.2013
Zitat von sysopAFPDer walisische Kleinclub Swansea ist die Sensation im englischen Fußball - und im Tor steht ein Deutscher. Gerhard Tremmel spricht im Interview über Fans in der Umkleidekabine, überschätzte deutsche Jung-Keeper und warum er in der Bundesliga nicht erfolgreich werden konnte. http://www.spiegel.de/sport/fussball/gerhard-tremmel-swansea-torwart-ueber-bundesliga-und-premier-league-a-880553.html
FC Liverpool? sorry aber nur der Name gibt was her, der rest des teams ist wenn durchschnitt, ein Suarez macht es eben nicht. Die hoffen an die UEFA cup plaetze anzuschliessen mehr nicht.
3. Gefällt mir.
ganzsichernicht 31.01.2013
Nettes Interview. Weiter so!
4. siehe und staune
schlemo 31.01.2013
ein Fussballprofi der ganze Sätze spricht. Liegt vielleicht am Alter..... ;-))
5. Freut mich
wrdlmpfd 31.01.2013
wenn jemand sein Hobby zum Beruf machen konnte-und diesen auch noch in einem derart sympathisch anmutendem Umfeld. Eine typisch deutsche Eigenschaft bemächtigt sich grad meiner....;-)
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