Swansea-Torhüter Tremmel: "Wie ein Zombie"

Gerhard Tremmel: Stationen einer Torwart-Karriere Fotos
DPA

Der walisische Kleinclub Swansea ist die Sensation im britischen Fußball - und im Tor steht ein Deutscher. Gerhard Tremmel spricht im Interview über Fans in der Umkleidekabine, überschätzte deutsche Jung-Keeper und darüber, warum er in der Bundesliga nicht erfolgreich werden konnte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tremmel, Sie stehen mit Swansea City im Finale des englischen Ligapokals, Ihr Club ärgert in schöner Regelmäßigkeit die großen Clubs der Premier League. In dieser Saison haben Sie schon mit 3:1 beim FC Liverpool gewonnen. Und was lesen wir dann auf Twitter?

Tremmel: Na?

SPIEGEL ONLINE: Dass die Liverpool-Fans Swansea als ihren zweiten Lieblingsclub bezeichnen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Tremmel: Wir stehen für attraktives Kurzpassspiel. Aber vor allem liegt es wohl an unserem Image. Wir gelten als Underdog der Liga, bei dem es etwas anders abläuft als in anderen Clubs der Premier League.

SPIEGEL ONLINE: Ist Swansea denn so anders?

Tremmel: Oh ja. Das habe ich gleich bei meinem ersten Kontakt mit dem Club gemerkt. Im Sommer 2011 lief mein Vertrag bei Red Bull Salzburg aus. Ich hatte schon immer den Traum, in England zu spielen. Swansea kam damals zufällig für ein Trainingslager nach Österreich, also bin ich einfach hingefahren. Irgendwann stand ich mitten in der Pampa vor einer Sportschule. Ich dachte: Okay, du hast dich verfahren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Club aus der Premier League in einer popeligen Sportschule trainiert. Doch dann lief mir der Torwarttrainer über den Weg, und ich sprach ihn an.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihren Wechsel selbst eingefädelt?

Tremmel: Ja. Es gab keine langen Vertragsverhandlungen mit vielen Leuten. Bei Swansea ist alles simpel organisiert. Der Sportdirektor ist gleichzeitig Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender. Wir waren uns schnell einig.

SPIEGEL ONLINE: Swansea hat den kleinsten Etat der Liga. Während Manchester City seinen Spielern pro Saison rund 240 Millionen Euro überweist, kostet Ihr Team gerade mal 40 Millionen. Wie ist es, bei einem Verein zu spielen, der auf jeden Penny gucken muss?

Tremmel: Wir trainieren auf Plätzen in einem öffentlichen Sportzentrum, in das auch Studenten zum Klettern und Geschäftsleute zum Tennisspielen gehen. Wir haben dort keine eigenen Duschen, keine eigenen Umkleidekabinen. Beim Umziehen haben mich schon viele Fans angesprochen.

SPIEGEL: Was sagen die Leute denn?

Tremmel: Die klopfen mir auf die Schulter und sagen: "Super Spiel!", "Alles Gute fürs Wochenende!" oder "Wie geht's Ihrer Frau?". Unser Physiotherapie-Zimmer liegt direkt neben dem Tanzraum des Sportzentrums. Da liegst du auf der Massagebank, bekommst ein Tape und hörst von nebenan Tangomusik. Wir hatten lange Zeit auch keinen Raum für unsere Teambesprechungen. Der Club lässt zwar gerade ein neues Trainingszentrum für uns bauen, aber manchmal geht es bei Swansea zu wie bei einem Amateurclub.

SPIEGEL ONLINE: Stört Sie das nicht?

Tremmel: Erst dachte ich: Was machst du hier? Inzwischen habe ich gemerkt, dass das gut zu mir passt. Ich bin kein anspruchsvoller Fußballprofi, dem alles hinterhergetragen werden muss. Ich habe kein Problem damit, meine Trainingsklamotten im Winter morgens aus einem Container zu holen, und dann in eine fast gefrorene Hose zu schlüpfen. Außerdem ist diese Schlichtheit, die es bei Swansea gibt, mittlerweile zum Kult geworden. Das macht uns auch stark.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Tremmel: Es schweißt uns als Team zusammen. Ich habe noch nie eine derart enge Gemeinschaft in einem Fußballteam erlebt wie hier. Der Club ist sehr familiär, alle Mitarbeiter sind zuerst mal Fans, keine Angestellten. Und allen ist es dort sehr wichtig, dass wir Spieler die Nähe zu den Anhängern suchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das?

Tremmel: Kürzlich haben wir ein Bowlingturnier mit 150 Fans gespielt. Wenn du sowas machst, bekommst du das später auf dem Feld zurück. In unser Stadion passen zwar nur 20.000 Zuschauer, doch wenn die anfangen, ihre Rugbyhymnen zu singen, fliegt fast das Dach weg. Ich verspüre eine große Verpflichtung gegenüber den Fans und sie spüren eine uns gegenüber.

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insgesamt 65 Beiträge
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1. Sympathischer Typ der Tremmel
waldbaer 31.01.2013
Zitat von sysopDer walisische Kleinclub Swansea ist die Sensation im englischen Fußball - und im Tor steht ein Deutscher. Gerhard Tremmel spricht im Interview über Fans in der Umkleidekabine, überschätzte deutsche Jung-Keeper und warum er in der Bundesliga nicht erfolgreich werden konnte. Gerhard Tremmel: Swansea-Torwart über Bundesliga und Premier League - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/gerhard-tremmel-swansea-torwart-ueber-bundesliga-und-premier-league-a-880553.html)
Das fand ich schon als er noch in der Bundesliga gespielt hat. Gut das es diese Menschen mit Charakter und einer vernünftigen Einstellung immer noch gibt im Profifußball.
2. Die grossen Clubs?
Nonvaio01 31.01.2013
Zitat von sysopDer walisische Kleinclub Swansea ist die Sensation im englischen Fußball - und im Tor steht ein Deutscher. Gerhard Tremmel spricht im Interview über Fans in der Umkleidekabine, überschätzte deutsche Jung-Keeper und warum er in der Bundesliga nicht erfolgreich werden konnte. Gerhard Tremmel: Swansea-Torwart über Bundesliga und Premier League - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/gerhard-tremmel-swansea-torwart-ueber-bundesliga-und-premier-league-a-880553.html)
FC Liverpool? sorry aber nur der Name gibt was her, der rest des teams ist wenn durchschnitt, ein Suarez macht es eben nicht. Die hoffen an die UEFA cup plaetze anzuschliessen mehr nicht.
3. Gefällt mir.
ganzsichernicht 31.01.2013
Nettes Interview. Weiter so!
4. siehe und staune
schlemo 31.01.2013
ein Fussballprofi der ganze Sätze spricht. Liegt vielleicht am Alter..... ;-))
5. Freut mich
wrdlmpfd 31.01.2013
wenn jemand sein Hobby zum Beruf machen konnte-und diesen auch noch in einem derart sympathisch anmutendem Umfeld. Eine typisch deutsche Eigenschaft bemächtigt sich grad meiner....;-)
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