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Posse im Hamburger Fußball: Amateure in der Formalienfalle

Von Folke Havekost und Dirk Schneider

Fünftligist SC Condor steht im Finale des Hamburger Pokals - auch aufgrund einer kuriosen Elfmeterentscheidung. Verlierer Altona 93 legt Protest ein, der DFB-Pokal steht auf dem Spiel. Doch das Gericht schmettert den Einspruch ab: wegen eines kleinen Formfehlers.

Strittige Entscheidung im Amateurfußball (Symbolbild): Hamburger Sportgericht lehnt Einspruch ab Zur Großansicht
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Strittige Entscheidung im Amateurfußball (Symbolbild): Hamburger Sportgericht lehnt Einspruch ab

SPIEGEL ONLINE Fußball
Hamburgs Fußball steht in diesem Frühjahr unter keinem guten Stern. Während der HSV dem Abstieg entgegentaumelt und St. Paulis Trainer sich mit Kapitän und Fans anlegt, streiten sich Hamburgs Amateurfußballer vor dem Sportgericht - um über ein kurioses Elfmeterschießen zu verhandeln.

Wen interessiert ein niederklassiger Verbandsstreit, mag manch einer sich fragen. Doch im Hamburger Fall steht viel auf dem Spiel, sportlich wie finanziell: Es geht um rund 100.000 Euro und die Teilnahme am Höhepunkt der Amateursaison an Alster und Elbe, dem Finale des Oddset-Pokals. Dessen Gewinner darf am DFB-Pokal teilnehmen und damit diese beträchtliche Summe an Fernsehgeldern einstreichen.

Der Streit begann am Ostermontag, als sich die beiden Fünftligisten Altona 93 und SC Condor zum Halbfinale trafen. 1800 Zuschauer sahen keine hochklassige, aber eine umkämpfte Partie. Nach der Verlängerung stand es 1:1 und im Elfmeterschießen nach jeweils fünf Schützen 4:4.

Statt nun die Spieler sechs bis elf beider Mannschaften bis zur Entscheidung antreten zu lassen, ordnete Schiedsrichter Murat Yilmaz an, dass die fünf bisherigen Schützen erneut schießen sollten - ein klarer Regelverstoß durch den Spielleiter, der 2013 zu Hamburgs Schiedsrichter des Jahres gewählt worden war. Nach eigener Aussage hatte er sich darüber mit den Fußballern verständigt, doch was ihn zu dieser spontanen Regeländerung verleitet hatte, verriet er nicht.

Condor gewinnt 8:7

Yilmaz' außergewöhnliche Anweisung führte zu kuriosen Szenen in der Adolf-Jäger-Kampfbahn: Mike Theis, der Condors ersten Elfer verschossen und sich schon die Schuhe ausgezogen hatte, schritt ein zweites Mal zum Punkt und setzte den Ball wie einst Uli Hoeneß über das Tor. Weil aber direkt danach zwei Altonaer Spieler verschossen, gewann Condor schließlich 8:7.

Während die Sieger eine Jubeltraube bildeten, eilte der Vizepräsident des Hamburger Fußball-Verbands (HFV), Reinhard Kuhne, auf Yilmaz zu. "Das kannst du so nicht machen", rief der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter. Altona 93 legte Protest ein, und eine Woche lang suchten Betroffene und Experten eifrig nach Regeln und Durchführungsbestimmungen.

Als am 29. April vor dem Sportgericht verhandelt wurde, waren sich beide Vereine erstaunlich einig. Der Aussage von Yilmaz, Condors Theis habe sich zu einem erneuten Versuch "bereitgemacht", widersprachen die Kapitäne beider Mannschaften. "Wir wollten Kristoffer Laban als sechsten Schützen anmelden und sind dann mit Verwunderung weggegangen", schilderte Condor-Kapitän Alexander Krohn. "Der Schiedsrichter hat zu einem Mitspieler gesagt: 'Das machen wir so!'", ergänzte Altonas Spielführer Sebastian Clausen.

Altona zieht vor das Verbandsgericht

Das Urteil war für Altona 93 ein Schlag ins Gesicht: Das Sportgericht wies den Protest aus formalen Gründen ab, weil er von André Jütting unterzeichnet worden war. Jütting ist beim Traditionsclub Assistenztrainer, Fußballobmann und Jugendwart in Personalunion, gehört aber laut Gericht nicht zum vertretungsberechtigten Vorstand und leitet auch nicht die Fußballabteilung - was Voraussetzung für eine Protestführung ist.

Statt um Elfmeterreihenfolgen ging es nun um Vereinsstatuten und Formulierungen im BGB. Altonas Vereinsfunktionäre mussten erst innerhalb der eigenen Satzung nachschauen, ob Jütting als Jugendwart nicht nur automatisch im Vorstand vertreten, sondern auch Dritten wie dem HFV gegenüber vertretungsberechtigt sein könnte. Zur Überbrückung der Recherchezeit formulierten sie in einer Pressemitteilung feinstes Juristendeutsch: "Wir prüfen im Fenster der Einspruchsfrist unsere Optionen, um insbesondere den vermeintlichen Formalfehler zu widerlegen, denn der Regelverstoß ist unumstößlich."

Diesen Regelverstoß von Elfer-Interpret Yilmaz stellte auch das Sportgericht fest, sah aber nicht die erforderliche "hohe Wahrscheinlichkeit", dass Altona 93 deshalb verloren habe. "Eine Benachteiligung musste von Altona plausibel dargelegt werden, dies ist nicht erfolgt", sagte der Vorsitzende Christian Koops.

Schon kurz nach dem Urteil kündigte der Verein an, in Berufung zu gehen. Jüttings "Vertretungsberechtigung war und ist absolut konform der Bestimmungen und der Regelverstoß als eindeutiger Nachteil zu werten", sagte Pressesprecher Andy Sude. kommende Woche wird vor dem Verbandsgericht verhandelt - und der USC Paloma erfährt dann vielleicht, wer am 29. Mai sein Finalgegner sein wird.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Wenn das so stimmt,
Nonsens 01.05.2014
wird spätestens ein Verwaltungsgericht das Urteil kassieren. Klarer Regelverstoß. Ich seh auch das Dilemma nicht. Schnelles Urteil und das Spiel vor dem Endspiel noch wiederholen, fertig. Sonst könnte es zur Posse werden.
2. seltsamer Regelverstoß...
dasOJO 01.05.2014
... aber eine Benachteiligung eines der Vereine kann ich auch nicht erkennen. Die fünf Schützen hatten sich im ersten Durchgang ja als gleichermaßen treffsicher erwiesen, und anschließend mussten von beiden Teams (nicht nur von einer Mannschaft) dieselben Schützen noch einmal ran. Absolute Gleichbehandlung, würde ich sagen. Pech für Altona (und natürlich ärgerlich - wie immer, wenn man im Elfmeterschießen verliert), aber so eine Niederlage sollte man als Sportler dann auch sportlich nehmen können und nicht danach zum Anwalt laufen...
3. optional
powaaah 01.05.2014
Eine Benachteiligung kann man doch nur dann sehen, wenn man weiß, dass die folgenden Schützen denen der gegnerischen Mannschaft überlegen seien. Auch wenn die Entscheidung komisch ist, so hat sie meiner Meinung nach nicht dem Ergebnis geschadet.
4.
aprz 01.05.2014
Die Benachteiligung seh ich zwar auch nicht, wohl aber die nicht geringe Wahrscheinlichkeit dass der Ausgang mit anderen Schützen auch ein anderer gewesen wäre. Schätzt man die Schützen gleich stark ein wären es natürlich 50%. Es wird auf die genaue Formulierung der Regel ankommen und die Toleranz der Richter für Spitzfindigkeiten.
5. Verschwörungstheorie
BenBen 01.05.2014
Man könnte sich auch die Frage stellen, warum der Schiedsrichter diese völlig abwegige Entscheidung getroffen hat. Jeder Jugendspieler kennt die Regeln. Hatte er vielleicht ein Interesse, den Ausgang des Spiels zu beeinflussen und wußte unter den ersten Schützen Kollaborateure? Holzer 2.0 ich hör Dir trapsen...
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