Geschichte der Derbys Wenn Leidenschaft über Leichen geht

Auftragsmorde, Schmähgesänge, brennende Tiere: Derbys haben eine blutige Tradition. Das Magazin "11FREUNDE" hat sich auf Spurensuche begeben und den Ursprung der oft nicht mehr rein sportlichen Rivalitäten gefunden. Zugleich stießen sie auf eine entscheidende Frage: Wann ist ein Derby ein Derby?

Celtic-Legende Johnstone im Spiel gegen die Rangers: Bar jeglicher Rationalität
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Celtic-Legende Johnstone im Spiel gegen die Rangers: Bar jeglicher Rationalität

Von und Thorsten Schaar


Alex Ferguson war damals noch weit davon entfernt, ein Sir zu sein. Er wollte eigentlich nur auf die Stimme der Liebe hören. Doch die Wahl seines Herzens provozierte einen Sturm der Entrüstung und sorgte dafür, dass sich der Stürmer der Glasgow Rangers einen neuen Job suchen musste. Ferguson hatte es gewagt, eine Katholikin zur Frau zu nehmen, und bereits das war für die Rangers zu viel. Glasgows Fußball spielt sich schließlich seit jeher entlang einer rasiermesserscharfen Demarkationslinie ab: auf der einen Seite die Rangers, blau, protestantisch und für die etablierten Kräfte der schottischen Gesellschaft stehend; auf der anderen Seite Celtic, grün-weiß, katholisch und der Verein für die armen irischen Einwanderer. Manches davon stimmt heute nur noch so halb, aber darum geht es bei diesem Thema nun wirklich nicht.

Willkommen im Derbyland, wo der Fußball endgültig jenseits jeglicher Rationalität angekommen ist. Hier ist die Legendenbildung wichtiger als jede historische Wahrheit und die Rache ist süßer als irgendwo sonst. In dieser Gegend wimmelt es von Helden, Verrätern und Schurken, und der Schiedsrichter ist ohnehin der Schlimmste von allen. Das Phänomen des Derbys gehört zum Faszinierendsten, was der Fußball zu bieten hat. Und manchmal leider auch zum Ekligsten. Leichen pflastern seinen Weg.

Dabei hatte alles ganz klein angefangen, sogar nicht mal richtig mit Fußball. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts gibt es im kleinen Flecken Ashbourne in der englischen Grafschaft Derbyshire die Tradition des Shrovetide Matches, bei dem die Bewohner der Oberstadt gegen die der Unterstadt antreten. Ganze zwei Tage lang, an Faschingsdienstag und Aschermittwoch, versuchen dort mehrere hundert Teilnehmer, den Ball in einem der Tore unterzubringen. Diese liegen etwa fünf Kilometer voneinander entfernt entlang des Flüsschens Henmore, der die Kleinstadt in zwei Hälften teilt - wobei es sich nicht um Tore im engeren Sinne, sondern um zwei alte Mühlsteine handelt.

Im Eifer des Gefechts im Fluss ersoffen

Das Geschehen ist unübersichtlich, Rudelbildung par excellence, es wird getreten, gestoßen und gerungen, was das Zeug hält, und manch einer ist im Eifer des Gefechtes auch schon im Fluss ersoffen. Abgesehen von den Spielregeln bietet das Shrovetide Match all das, was auch die guten Derbys im Fußball auszeichnet: große Emotionen und eine starke lokale Rivalität. Nur der spielerische Charakter der Veranstaltung in Ashbourne, wo sich spätestens nach zwei Tagen die Wogen glätten und sich alle wieder lieb haben, der ist im Fußball manchmal verlorengegangen.

Das Derby, das als das älteste im Fußball gelten darf, ist gar nicht weit von Ashbourne zu Hause. 1866 war es, als in der mittelenglischen Stadt Nottingham erstmals die örtlichen Fußballclubs Forest und Notts County aufeinandertrafen. Die Keimzelle ihrer Rivalität ist eine geläufige bei Lokalduellen überall auf dem Planeten: Bürgerliche Oberschicht (Notts County) trifft auf proletarische Unterschicht (Forest), zumindest hat es in diesem Sinne mal angefangen.

Spätestens mit dem kometenhaften Aufstieg von Forest Ende der Siebziger, als der Provinzclub unter Trainer Brian Clough sogar zweimal den Europapokal der Landesmeister gewann, hatte sich diese Einordnung aber erledigt. Die Bedeutung des Nottingham-Derbys leidet darüber hinaus unter einem Umstand, der sich aus dem wankelmütigen Charakter der Kontrahenten ergibt: Es findet einfach zu selten statt, weil beide nicht oft in der selben Liga spielen. Heutzutage hat ohnehin jeder der Clubs seine eigenen Sorgen.

Wann ist ein Derby ein Derby?

Das Schicksal von Nottingham teilen auch andere englische Städte, denen das Derby als Höhepunkt des Fußballjahres irgendwie abhanden gekommen ist, weil sich die Protagonisten auseinanderentwickelt haben; so in Sheffield, Stoke-on-Trent oder Bristol. Wie überhaupt bei vielen der großen Clubs andere Konfrontationen den lokalen den Rang abgelaufen haben. So lässt Real Madrid das Derby-Getöse beim Spiel gegen Atletico eher pflichtschuldig über sich ergehen - was zählt ist der "Clasico" gegen den FC Barcelona. Und was bedeutet für Juventus heutzutage schon eine Partie gegen den runtergekommenen Rivalen Turin Calcio im Vergleich zu den Festtagen, an denen es gegen Internazionale oder Milan oder auch die Roma geht.

Überhaupt ist das Derby in seiner ursprünglichen Form in der Fußballmoderne zu einer gefährdeten Spezies geworden. Das liegt nicht nur daran, dass einstige Lieblingsfeinde nun sportlich danieder liegen, sondern auch an einem zunehmend inflationären Gebrauch des Begriffes. Wenn alles Derby ist, was ist dann noch das Besondere daran? Glaubt man dem Fernsehen und den Boulevardmedien, dann ist Deutschland ein einig Derbyland, in dem es an jedem Wochenende zu Duellen kommt, die an Brisanz kaum noch zu überbieten sind. Dass die Partie Werder Bremen gegen den Hamburger SV als Nordderby bezeichnet wird, mag wegen der überragenden Bedeutung der Clubs für das norddeutsche Flachland noch angehen. Aber Hertha gegen Cottbus? Rostock gegen Union Berlin? Hoffenheim gegen Freiburg?

Ein gutes Beispiel für den Bedeutungsverlust eines einstmals elektrisierenden Derbys ist das Münchner zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860. Schon vor zehn Jahren, als beide Vereine noch in der ersten Bundesliga spielten, klagte der Bayernveteran Hans-Georg "Katsche" Schwarzenbeck in der "Süddeutschen Zeitung": "Früher, da haben die Leute schon Wochen vorher auf das Derby hingefiebert. Wer spielt? Wer nicht? Heute ist das fast schon ein normales Bundesligaspiel geworden." Die Erklärung dafür liefert Schwarzenbeck gleich mit: Ein Fußballspiel jagt heute das nächste, und in den Mannschaften stehen nur noch wenige lokal verwurzelte Spieler.

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Andreas Tombrink 21.02.2010
1.
Etliche Derbies BVB gegen Schalke...meist mit ungutem Ausgang für Schwatz Gelb.... Für mich waren die Highlights eher in den kleineren Derbies....: u.a. Rot Weiss Essen - MSV Duisburg... oder Schalke gegen Duisburg.... oder Bochum - dortmund in den 80ern.... Zwar nie so groß ins Gespräch gekommen...aber immer eine Bombenstimmung, richtige Derbyatmosphäre...und wenn das Spiel dann noch Freitagsabends war....dann war dat schon klasse....
wielkizbigniew 23.02.2010
2. Svw- Hsv
Als Hamburger kann es reell nur ein Derby geben. Gegen Bremen. Die Spiele gegen die Fischköppe waren in den letzten 30 Jahren immer spannend und meistens hatten sie den richtigen Gewinner, speziell 2009..... ;-) Und wenn man dann auch noch die EWIGE TABELLE anguckt, gibt es kein spannenderes Derby in Deutschland. Die Derbys gegen St.Pauli sind zwar ganz nett, aber leider sportlich eher zweitklassig, da St.Pauli auf Dauer qualitativ nicht mithalten kann. Daher leider nicht gleichberechtigt und nicht spannend genug.
kobold1704 23.02.2010
3.
Zitat von wielkizbigniewAls Hamburger kann es reell nur ein Derby geben. Gegen Bremen. Die Spiele gegen die Fischköppe waren in den letzten 30 Jahren immer spannend und meistens hatten sie den richtigen Gewinner, speziell 2009..... ;-) Und wenn man dann auch noch die EWIGE TABELLE anguckt, gibt es kein spannenderes Derby in Deutschland. Die Derbys gegen St.Pauli sind zwar ganz nett, aber leider sportlich eher zweitklassig, da St.Pauli auf Dauer qualitativ nicht mithalten kann. Daher leider nicht gleichberechtigt und nicht spannend genug.
Auch für mich ist das Nordderby immer wieder spannend. Daher eine kleine Korrektur: meistens hatte der SVW die Nase vorn (wenn man alle Spiele zugrundelegt) und natürlich waren die berühmten vier Spiele im letzten Jahr das Highlight !
Kanzla87 24.02.2010
4.
In Deutschland gibt es nur ein Derby-Highlight und das lautet BVB vs. Schalke. Freue mich auf Freitag...
Schwabenpower 24.02.2010
5.
Zitat von Kanzla87In Deutschland gibt es nur ein Derby-Highlight und das lautet BVB vs. Schalke. Freue mich auf Freitag...
Interessant ist aber auch Augsburg gegen die 60er. Und, wir wollen KSC-VfB nicht vergessen.
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