Fußball ist aber auch deshalb das afrikanische Spiel, weil Fußball wunderbar einfach ist. Man braucht dafür kein Geld und keine teuren Klamotten, nur ein paar Jungs mit freier Zeit. In Afrika lernt man schnell, dass selbst ein richtiger Ball nicht immer benötigt wird. Stoffreste, Plastiktüten, alte Zeitungen und ein Bindfaden oder Klebeband reichen. Es kann barfuß gedribbelt und gelupft werden, und in Sandalen aus Autoreifen darf geschossen werden. Wozu braucht ein Tormann Handschuhe? Und sein Kasten ist aus zwei Holzklötzen, einem Kleiderberg oder Pappkartons schnell gemacht und verfügt selten über die Maße 2,44 Meter Höhe mal 7,32 Meter Breite, wie es die Norm des Weltverbands Fifa will.
Ähnliches weiß Franz Beckenbauer ("Selbst in Afrika habe ich viele Länder bereist, im Süden, im Norden, na ja in der Mitte auch - Togo, Kamerun, Angola") zu berichten: "In Afrika ist der professionelle Fußball noch etwas unterentwickelt. Viele Talente strömen nach Europa, um Geld zu verdienen. Und da merken Sie: Dem professionellen Fußball, so wie wir ihn kennen, ist die Ursprünglichkeit verloren gegangen, das Unbefangene, das einfache Spiel. Ganz ehrlich: Mir tut das weh."
"Sind keine Gorillas, die an Bäumen hängen und Bananen fressen"
Darüber, ob die schlechten Plätze eher das fußballerische Vermögen fördern oder nicht, gibt es, nebenbei, verschiedene Ansichten. Während der französische Trainer Claude Le Roy meint, die katastrophalen Bedingungen erhöhten die technischen Fertigkeiten der afrikanischen Spieler, hat der ehemalige Nationalspieler Jens Todt, der für den HSV die Möglichkeiten sondierte, in Westafrika eine Fußballschule aufzubauen, beobachtet: "Dass viele Afrikaner nicht richtig schießen können, liegt daran, dass sie keine Netze haben. Wer den Ball mit voller Wucht schießt, muss hinterher rennen, um ihn wiederzuholen. Deshalb tragen afrikanische Fußballer am liebsten den Ball ins Tor." Was kein Wunder wäre.
Fakt ist: Richtig erfolgreich sind die Afrikaner selten. Zwar gewinnen sie regelmäßig Jugendmeisterschaften auf allen Ebenen, und Nigeria wurde 1996 Olympiasieger bei den Spielen in Atlanta und Kamerun vier Jahre später in Sydney. Aber was heißt das schon? Fußballolympiasieger wurden sogar die DDR, Belgien und Kanada. Darauf, dass ein Team aus Afrika endlich einmal Weltmeister wird - 1962 zum ersten Mal vom damaligen Coach der englischen Nationalmannschaft, Walter Winterbottom, noch fürs zwanzigste Jahrhundert prophezeit -, wartet der Rest der Welt immer noch vergeblich.
Dabei weiß mittlerweile jedes Kind in Europa, was Kameruns Francois Oman-Biyik, dieser "hochgewachsene, grazile Angreifer" (Sportjournalist Harry Valérien) 1990, nach der brillanten Weltmeisterschaft seines Teams in Italien, einklagte: "Es wird Zeit, dass die Leute begreifen, dass wir keine Gorillas sind, die an den Bäumen hängen und Bananen fressen." Damals schlugen die "Lions Indomptables" nacheinander Diego Maradonas Argentinier, Gheorghe Hagis Rumänen und Carlos Valderramas Kolumbianer, und an den in jenem Spiel eher durchschnittlichen Engländern (Peter Shilton, Paul Gascoine, Gary Lineker) scheiterten sie im Viertelfinale nur in der Verlängerung und am eigenen Unvermögen 2:3.
Interkulturelle Missverständnisse
Seitdem werden afrikanische Teams regelmäßig als Geheimfavoriten für Turniersiege gehandelt, haben Jay-Jay Okocha und Anthony Yeboah die Bundesliga verzaubert, ist George Weah zu Europas Fußballer des Jahres gekrönt worden, haben Samuel Eto'o den FC Barcelona und Didier Drogba den Chelsea FC und Nwankwo Kanu Ajax Amsterdam in die Weltspitze geballert.
Aber weiter als bis ins Viertelfinale einer Weltmeisterschaft kam keine afrikanische Nationalmannschaft mehr, und interkulturelle Missverständnisse prägen trotz all des afrikanischen Traumfußballs immer noch die Begegnung mit dem schwarzen Mann.
Zumindest auf dem Platz.
Von Schalkes Nationalstürmer Gerald Asamoah, geboren in Ghana, seit dem zwölften Lebensjahr in Hannover aufgewachsen, ist jedenfalls folgender Schiedsrichterspruch überliefert: "Nummer 13, du nicht Schwalbe machen, sonst du fliegen vom Platz." Deutschland eben manchmal ganz schön ballaballa.
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