Geschichten aus Afrika: "Fußball ist der Grund dafür, dass wir Füße haben"

Eine Fußball-WM findet 2010 erstmals in Afrika statt - der Ball aber wird auf dem Kontinent wirklich überall gespielt: Während der Gefechtspausen in Mogadischu, in den Flüchtlingslagern Sudans, in den Slums Nairobis. Thilo Thielke hat sich für sein Buch "Traumfußball" auf Entdeckungsreise begeben.

Fotostrecke

13  Bilder
Fußball in Afrika: Spaß am Spiel
Fußball ist in Afrika überall: Das durfte auch der neue ungarische Coach der ugandischen Nationalmannschaft erleben. Kaum war Csaba László im Lande - das neue Haus noch nicht bezugsfertig und die Familie deshalb für zwei Monate im noblen Sheraton Kampala einquartiert - als er auf der Hotelterrasse entspannte und glaubte, er höre nicht richtig. Es war ein Mittwochabend, da erscholl von überallher Jubel - "Goooooooooal, wie in einem richtigen Stadion". Der Trainer dachte, schön, da findet wohl in der Nähe gerade ein Spiel statt. Da ertönte es aus einer anderen Richtung: Goooooooooal", und plötzlich "Goooooooooal" von Norden und "Gooooooal" von Süden, aus allen Himmelsrichtungen.

Csaba László wunderte sich: "Müssen die hier viele Stadien haben, müssen die viele Spiele austragen, müssen die viele Fans haben." Aber ach, es kam heraus, die Premier League spielte. Und wenn an der Anfield Road oder an der Stamford Bridge gekickt und gerusht wird, dann sitzt halb Kampala versammelt in irgendeiner Kaschemme vor der Glotze, vor sich ein Bell Bier und am Leib ein Hemd in rot oder blau oder rotweißgestreift, und feuert Vereine im fernen Albion an - in der Heimat der einstigen Kolonialherren wohlgemerkt. Rule Britannia also immer noch, auch mehr als vierzig Jahre nach der Unabhängigkeit - was für eine Ironie der Geschichte. Welch ungewöhnliche Fußballbegeisterung.

Der Reisende, der sich Deutschland zum ersten Mal nähert, nimmt vermutlich gepflegte Hecken, vollgeschmierte Häuserfassaden und wohlsortierte Schaufensterauslagen im Neonlicht wahr. Er sieht Menschen in Mänteln, die an roten Ampeln warten, und Autos, die nicht hupen, und Mauern aus gelben, grünen und schwarzen Mülltonnen. Mit Fußball aber kommt er ausgerechnet im Lande des dreimaligen Welt- wie Europameisters nur in Berührung, wenn er ein Stadion (neudeutsch: Arena), einen eingezäunten Bolzplatz oder einen eingetragenen Verein (e.V.) betritt - oder meinetwegen in einer Fernsehkneipe landet, in der das gemeinschaftliche Fußballgucken jetzt lustigerweise "Public Viewing" (englisch so viel wie: Tag der offenen Tür oder Leichenbeschau) genannt wird.

Wie anders ist das in Afrika. Fußball ist in Afrika wirklich überall.

Oft genug musste ich mich in den vergangenen Jahren in öden Flüchtlingslagern im Tschad oder Sudan herumdrücken und tröstete mich mit dem Anblick lachender Kinder aus Darfur, die hinter einem Fußball durch die Dornwüste stürmten, oder Jungs aus dem Tschad, die mit einer tennisballgroßen Kugel Fußball spielten. Auf der Rückfahrt aus dem Kongo stoppten mein Fahrer Callixte und ich gerne irgendwo auf einem der tausend Hügel zwischen dem ruandischen Kigali und der Kriegsstadt Bukavu und spielten mit dem halben Dorf auf roter Erde, und als Ball diente ein kunstvoll zusammengeknoteter Haufen Plastiktüten, die es in Afrika wirklich im Überfluss zu geben scheint.

Plastikbälle aus Ruinen

In Mogadischu (Somalia) bestaunte ich den Überlebenswillen jugendlicher Desperados, die ihre Plastikbälle aus den von Maschinengewehrgarben perforierten Ruinen kramten, sobald der Gefechtslärm erlosch, und jede Feuerpause zum Match nutzten; manchmal sogar zwischen verfeindeten Klans. Im kongolesischen Goma, jener Stadt, die so oft schon zum düsteren Mahnmal des afrikanischen Verfalls geworden war, gönnte ich mir eine Auszeit am Rande eines pechschwarzen Lavafelds, auf dem gespielt wurde, als finde der Kick auf dem sattesten Grün der Erde statt - der letzte Ausbruch des Nyiragongo lag da erst wenige Wochen zurück. Und in Kenias Hauptstadt Nairobi sah ich Jugendteams die Lederkugel durch Wellblechhüttenslums dreschen, die vor kurzem noch in Flammen gestanden hatten; ein einzigartiges Sozialprojekt machte es möglich.

"Wir wachen morgens auf und atmen Fußball", behauptet Kongos Ex-Stürmer Pierre Kalala (im Gespräch mit dem Filmemacher Hereward Pelling)."Fußball ist der Grund dafür, dass wir Füße haben", sagt Kalala. "Fußball ist ein Teil von uns. Wir spielen hinter den Häusern, auf der Straße, auf jedem kleinen Fleckchen, das wir finden können. Daraus schaffen wir uns unseren Fußballplatz", sagt der ehemalige ghanaische Nationalspieler Abidé Pelé. Wie wahr.

Wenn die vierstrahligen Maschinen der Uno an einem Samstag Nachmittag zum Landeanflug auf Abidjan, die Wirtschaftsmetropole der vom Bürgerkrieg verheerten Elfenbeinküste, ansetzen, "dann passieren sie im Sinkflug grob geschätzt 2000, 3000 zeitgleich laufende Fußballspiele", schätzte SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner in einer wunderbaren Geschichte über den "Krieg der Elefanten" - die Fußballhelden von der Elfenbeinküste.

Wir alle haben das Bild eines verlorenen Kontinents vor Augen: heimgesucht von Dürren und Hungersnöten, geschändet von umhervagabundierenden Mordgesellen, verseucht von Aids. Ein hoffnungsloser Patient. Nur noch Flüchtlingsströme mäandern durch diese apokalyptische Landschaft, die von geisteskranken Tyrannen regiert wird. "Herz der Finsternis" nannte der polnisch-englische Schriftsteller Joseph Conrad diese Welt, "den dunklen Kontinent" der Journalist und Entdecker Henry Morton Stanley. Grauenhafte Bilder von lebenden Skeletten und Stammeshooligans mit Panzerfäusten und Macheten haben sich in den vergangenen Jahren in unsere Netzhaut eingebrannt, und es ist schwer, diese Klischees wieder loszuwerden.

Aber wer nur diesen Teil der Wahrheit zur Kenntnis nimmt, kann Afrika nicht verstehen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - WM-Jahr 2010 - was bringt das Turnier für Südafrika?
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. World cupin Süd-Afrika
Ein nördlicher Beobachter 27.12.2009
Was für ein eifriges Talk hier... Warum so?? Interessieren sich die Deutschen nicht für Fussball ? Ich glaube, Süd-Afrika steht einige Wochen im Blickpunkt der Öffentlichkeit, aber sonst nichts. So ist es, leider.
2. Nachdem der erste...
Toradac 28.12.2009
Zitat von sysopErstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das Turnier nachhaltig auswirken? Oder ist die WM nur eine Momentaufnahme? Was verbinden sie mit dem Kontinent?
...Post gestern aus welchen Gründen auch immer mal wieder nicht durchgegangen ist, der zweite Versuch: Was ist das für ein leeres und inhaltsloses Thema? Dabei kann man doch nur "rumschwallen". Hattet Ihr über Weihnachten Langeweile?
3.
Brieli 28.12.2009
Zitat von sysopErstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das Turnier nachhaltig auswirken? Oder ist die WM nur eine Momentaufnahme? Was verbinden sie mit dem Kontinent?
Löwen, Sand und Hitze
4.
malbec freund 28.12.2009
Zitat von BrieliLöwen, Sand und Hitze
Sysop, ich bitte Sie schließen Sie das Thema JETZT. Danke.
5. Bitte?
ohmscher 13.05.2010
Zitat von sysopErstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das Turnier nachhaltig auswirken? Oder ist die WM nur eine Momentaufnahme? Was verbinden sie mit dem Kontinent?
Bei diesen seltsamen Fragen ohne sichtbaren Zusammenhang kann ich die rege Beteiligung hier verstehen. Ja, Wissenschaftler haben mal herausgefunden, dass 2,78 Jahre nach einer Fußball-WM im Gastgeberland mit 56,22% Wahrscheinlichkeit ein Wirtschaftsaufschwung wie in Griechenland nach der Olympiade 2000 stattfindet, aber das hilft mir beim Verständnis der Fragen auch nicht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Fußball-WM 2010
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -19-
Gefunden in
Thilo Thielke
"Traumfußball - Geschichten aus Afrika"
Verlag Die Werkstatt, 2009, 224 Seiten, Hardcover, mit vielen Farbfotos, Euro 24.90

www.werkstatt-verlag.de

Fotostrecke
Deutsche Trainer in Afrika: Entwicklungshilfe von Schäfer, Vogts und Co.
Südafrikas WM-Städte

Verschieben Sie die Karte, um alle Artikel zu entdecken.

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...