Gewalt gegen Schiedsrichter "Komm gesund wieder"

Die Angst des Schiedsrichters vor dem Wochenende: Immer häufiger werden Referees Opfer tätlicher Angriffe, die Gewaltbereitschaft auf den Plätzen wächst. Die Verbände gaukeln dagegen die heile Welt des Amateurfußballs vor. Eine Innensicht.

Schiedsrichter Kahle: Schlag gegen den Kehlkopf
NDR

Schiedsrichter Kahle: Schlag gegen den Kehlkopf

Von Dirk Leibfried


SPIEGEL ONLINE Fußball
Es ist Sonntag, 13 Uhr. Die Verabschiedung im Hausflur fällt routiniert aus. "Sei nicht zu streng mit den Spielern!", höre ich noch. Und: "Komm gesund wieder!" Es ist eine Floskel - und doch sagt sie viel aus über das Leben eines Schiedsrichters in der Kreisklasse. Dort, wo der Sandplatz bis tief in den Herbst hinein staubt, die Seitenlinien nicht selten einem Slalom-Parcours gleichen und ein aufgerissenes Knie gerne mal mit Eisspray behandelt wird.

Doch diese Fußballromantik gibt es nicht mehr, in den unteren Klassen herrscht längst das Faustrecht.

So geht das nun schon seit fast 15 Jahren. Ich hatte Glück - und kam tatsächlich immer gesund wieder. Mir war von Anfang an klar, dass der Sportplatz für Schiedsrichter keine Wellness-Oase ist. Und trotzdem ist es ein schönes Hobby. Trotz aller Anfeindungen, Pöbeleien, Beleidigungen und Tritten gegen die Kabinentür überwiegen die positiven Erlebnisse. Doch was würde ich tun, wenn mich wirklich mal ein Spieler, Trainer oder Zuschauer angriffe? Die Pfeife wegwerfen, aufgeben? Ich weiß es nicht.

Thomas Kahle hat sich trotz einer lebensbedrohlichen Attacke fürs Weitermachen entschieden. Der 48-jährige Schiedsrichter aus Braunschweig ist einer der Protagonisten in der ARD-Dokumentation "Kreisklasse - Wenn der Schiedsrichter zum Freiwild wird" (hier finden Sie den Beitrag in voller Länge in der ARD-Mediathek). Seine Stimme zittert, den Kampf mit den Tränen gibt er irgendwann auf: "Der Spieler hat mich dann niedergeschlagen, da war erst einmal das Licht aus. Er war Kampfsportler und hat mir einen gezielten Schlag gegen den Kehlkopf gegeben. Die Ärzte haben gesagt: 'Ein halber Zentimeter, und du wärst tot gewesen.'" Auslöser für den Gewaltausbruch war ein Platzverweis.

600 Vorfälle jedes Jahr

Bei einem Altherrenspiel in Berlin wurde im November 2011 Schiedsrichter Gerald Bothe von einem Spieler niedergestreckt. Der Unparteiische ging bewusstlos zu Boden und verschluckte seine Zunge. Lebensgefahr. Ein Spieler der gegnerischen Mannschaft, ein ausgebildeter Rettungssanitäter, erkannte den Ernst der Lage und griff ein.

Es ist gerne von unrühmlichen Ausnahmen die Rede, von Einzelfällen. Etwa 600 dieser "Einzelfälle" gibt es jährlich in Deutschland.

Die Kriminologin Thaya Vester ist der zunehmenden Gewaltbereitschaft auf den Grund gegangen und befragte 2600 Schiedsrichter in Baden-Württemberg. Das Ergebnis: 40 Prozent wurden in ihrer Karriere bereits massiv bedroht, fast jeder Fünfte sogar körperlich angegriffen. Emotionen, so Vesters Analyse, bündeln sich in Einzelentscheidungen des Referees: "Dann wird es extrem gefährlich." Sie räumt mit einem gängigen Vorurteil auf und warnt vor Pauschalisierungen: "Migranten sind überproportional häufig Täter, aber sie sind auch überproportional häufig Opfer."

Wie bedrohlich ein kollektiver Gefühlsausbruch werden kann, erlebte vor wenigen Wochen auch Christian Bader als Schiedsrichterassistent eines Verbandspokalspiels im Bereich des Südwestdeutschen Fußballverbandes. Nach einer umstrittenen Entscheidung in der Nachspielzeit liefen mehrere Spieler wutentbrannt in seine Richtung. Der Ersatztorwart schubste den 24-Jährigen, dieser verlor sein Gleichgewicht und knallte mit dem Hinterkopf gegen die Werbebande.

"Dann schlage ich dich tot, du Hurensohn"

Zur im Krankenhaus diagnostizierten Schädelprellung gab es noch eine Morddrohung: "Ich finde dich, dann schlage ich dich tot, du Hurensohn!" In erster Instanz verhängte die Spruchkammer gegen den Spieler eine Sperre von vier Monaten. Die Strafe wurde nach Intervention des Schiedsrichter-Ausschusses in der Berufungsverhandlung erhöht. Auf sechs Monate.

"Auch früher kam es vor, dass sich der Schiedsrichter mal nach dem Spiel in seiner Kabine eingeschlossen hat", erinnert sich Markus Merk, dreifacher Weltschiedsrichter, an die Anfänge seiner Karriere. Doch auch er hat beobachtet, dass die Gewalt eine andere Qualität erreicht hat.

Die Sportgerichtsbarkeit ist nicht bekannt für drakonische Strafen. Meine Erfahrung ist diese: Während die Schiedsrichter für Beleidigungen und tätliche Angriffe höhere Strafen fordern, werden die meisten Urteile in Deutschland von Funktionären gesprochen, die bei der nächsten Wahl auf das Wohlwollen der Vereine angewiesen sind. Ein Systemfehler, der in den meisten Landesverbänden noch heute gilt.

DFB verschickt Ordner-Westen

Lutz Michael Fröhlich, Abteilungsleiter Schiedsrichter beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) sagt: "Jeder Vorfall ist schlimm und einer zu viel und sollte konsequent und ohne Nachsicht gegen die Übeltäter aufgearbeitet werden." Doch der DFB hat das Thema der zunehmenden Gewalt noch längst nicht verinnerlicht. Statt Gelder für die Betreuung junger Schiedsrichter durch erfahrene Kollegen zu finanzieren, Anti-Aggressions-Kurse bei auffällig gewordenen Vereinen anzubieten oder das Strafmaß für Beleidigungen und Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter anzuheben, hat der DFB im Rahmen der jüngsten Amateur-Kampagne allen Vereinen im Sommer vergangenen Jahres Ordner-Westen zugeschickt.

Markus Merk, als Vater eines 15-jährigen Jugendspielers mittlerweile selbst "engagiert an der Außenlinie", will die Verantwortung aber nicht nur an die Verbände abschieben: "Jeder in unserer Gesellschaft sollte mit Zivilcourage einschreiten, wenn es zu Fehlentwicklungen kommt." Konkret heißt das: Wer sich auf dem Fußballplatz danebenbenimmt, sollte von den anderen Zuschauern und dem Verein in die Schranken gewiesen werden. "Wir alle sind aufgefordert, mehr Verantwortung zu übernehmen."

Rund 20 Euro plus Fahrtkosten erhält ein Schiedsrichter für die Leitung eines Kreisklassen-Spiels. Nicht selten ist er dafür mehr als fünf Stunden unterwegs. Meistens sonntags, wenn auch die Familie ihr Recht einfordert.

Als Schiedsrichter, sagt man, muss man geboren sein. Doch dafür sein Leben riskieren?

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