Gewalt gegen Schiedsrichter Bespuckt, gejagt, getreten

Beleidigungen auf dem Fußballplatz sind für Amateurschiedsrichter Normalität. Doch häufig bleibt es nicht bei Pöbeleien wie "blinde Sau": Laut einer neuen Studie sind auch tätliche Angriffe mittlerweile Alltag.

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Gewalt gegen Schiedsrichter: Flaschenwurf auf Linienrichter in Jena
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Gewalt gegen Schiedsrichter: Flaschenwurf auf Linienrichter in Jena


Auch fünf Jahre nach dem brutalen Angriff erinnert sich der Schiedsrichter noch an alle Details. Er war Torrichter bei einem Hallenturnier, erzählt er, ein Spieler hatte die Rote Karte gesehen, als er auf ihn zukam: "Er ist nicht Richtung Bank gegangen, sondern in meine Richtung. Das kam mir schon spanisch vor, weil hinter mir die Wand war. Und dann ist er über die Bande gesprungen, hat sich so mit beiden Händen abgestoßen und mich mit den Füßen voraus am Kopf erwischt. Quasi niedergetreten."

Der brutale Tritt beim Hallenturnier ist eine von drei Schilderungen konkreter Gewalttaten in der Studie von Adrian Sigel. Der Psychologiestudent aus Frankfurt hat seine Masterarbeit über Schiedsrichter im Amateurbereich verfasst. Dafür befragte Sigel 915 Unparteiische aus allen Klassen unterhalb der Regionalliga. 13 davon traf er zu ausführlichen Interviews. Der Autor nennt weder Namen noch Orte, die Schiedsrichter kommen unter Pseudonymen zu Wort, nur so konnte Sigel ihr Vertrauen gewinnen. Doch auch wenn die Studie nicht repräsentativ ist - sie gibt einen erschütternden Einblick in den alltäglichen Wahnsinn auf den Fußballplätzen der Republik.

Sigel ist ein leidenschaftlicher Fußballfan. Er sagt, er habe herausfinden wollen, wie Schiedsrichter Anfeindungen und Aggressionen erleben: "In den Medien tauchen solche Angriffe immer wieder auf, wissenschaftlich ist das Thema dagegen bislang kaum erforscht. Ich habe mich gefragt, ob da medial etwas aufgebauscht wird oder ob es tatsächlich ein Problem gibt, das von der Wissenschaft nicht ausreichend wahrgenommen wird."

Die Antwort fiel eindeutig aus. Beleidigungen wie "Vollidiot", "Arschloch" oder "blinde Sau" zählen zu "unserem täglich' Brot", wie es ein Schiedsrichter sarkastisch ausdrückt. Aber auch Gewaltandrohungen und tätliche Angriffe sind keine Ausnahmen. "Das kommt viel zu häufig vor", sagt Sigel. 62 Prozent der Befragten geben in seiner Studie an, dass ihnen mindestens einmal Gewalt angedroht wurde.

Sie bekommen zum Beispiel Dinge zu hören wie: "Schiri, wir sehen uns nach dem Spiel"; "Nach dem Spiel brauchst du nicht ins Vereinsheim hochkommen, sonst scheppert es" oder: "Wir warten auf dich auf dem Parkplatz."

Tatsächlich Gewalt erlitten haben nach eigener Aussage mehr als ein Viertel der Befragten (27,5 Prozent). Die Schiedsrichter erzählen, wie sie über den Platz gejagt und angespuckt werden, wie Betrunkene versuchen, ihre Kabine zu stürmen und wie sie unter Polizeischutz zu ihrem Auto geleitet werden müssen.

Oft sind es Lappalien, die die rasende Wut bei Spielern oder Zuschauern auslösen. So wie in jenem Fall, den ein Schiedsrichter mit dem Pseudonym Witter schildert: Ein Spieler habe geglaubt, Witter habe die Partie zu früh abgepfiffen - zu Unrecht.

"Und deswegen ist der mir über den halben Platz hinterhergerannt, wollte mir eine verpassen und hat geschrien, dass ich die blindeste Sau bin. Er hat dann auch versucht, mich dreimal zu schlagen."

Der Angreifer habe ihn gepackt und am Arm herumgerissen, erzählt Witter. Unter dem Schutz von drei Ordnern habe er es in seine Kabine geschafft und sich dort eingeschlossen.

"Haust du jetzt einem 18-Jährigen ins Gesicht?"

Selbst die Berichte über ausgebliebene Eskalationen sind erschütternd. So erzählt ein Schiedsrichter, wie ihm jemand zwei Stunden nach einem Spiel an seinem Auto auflauerte.

"Da war ich 18, ich hatte zwei 17-jährige Assistenten dabei, und da bin ich halt einfach hin und habe gesagt: 'Was machst du jetzt? Haust du jetzt einem 18-Jährigen ins Gesicht?' Der hat sich geschämt, glaube ich."

Für Außenstehende unverständlich: Die Schiedsrichter in Sigels Studie, die tätlich angegriffen wurden, verzichteten jeweils auf eine Anzeige. So spielt etwa der Unparteiische, der beim Hallenturnier niedergetreten wurde, die Aktion heute herunter. Mit seinen Kollegen habe er überlegt, die Polizei zu rufen, "aber nachdem es mir eigentlich soweit ganz gut ging, bis auf die Beule, und ich auch gar nicht groß Trubel machen oder haben wollte, haben wir dann darauf verzichtet".

Warum ist das so? Die Schiedsrichter würden für sich oder im Austausch mit anderen Schiedsrichtern Strategien entwickeln, um mit den negativen Erfahrungen umzugehen, sagt Sigel. Der Verzicht auf eine Anzeige könne als Strategie des Umgangs mit Aggressionen verstanden werden: Die negativen Erlebnisse bleiben auf die Welt des Sports beschränkt. "Denn wenn man sie anzeigt, trägt man es ins private Umfeld", sagt Sigel: "Zur Polizei, vor Gericht. Das Thema wird richtig groß. Viele Schiedsrichter wollen das nicht."

Totschweigen möchten sie die Gewalt aber auch nicht. Im Gegenteil. Sigel sagt, er sei mit seiner Studie auf enorm große Resonanz gestoßen: "Das Bedürfnis, über die Probleme zu sprechen, war sehr groß. Viele Schiedsrichter vermissen die gesellschaftliche Anerkennung."

Der DFB erklärt auf Anfrage, Sigels Studie bislang nicht zu kennen. Dank eines Online-Meldesystems habe der DFB aber ebenfalls Daten. Demnach seien in der laufenden Saison 1622 Gewalthandlungen gemeldet worden. Das entspreche bei rund 660.000 Spielen einer Quote von 0,24 Prozent der Spiele, in denen es zu Gewalt gekommen sei.

Außerdem teilt der DFB mit, "an unterschiedlichen Maßnahmen zu arbeiten", um aktive Schiedsrichter und den Respekt ihnen gegenüber zu stärken. Konkreter wird der Verband nicht, verspricht aber immerhin, im kommenden Jahr "Näheres zu präsentieren".

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