Gewalt im Fußball Protokoll einer Horrorfahrt

Sie kamen aus dem Dunkeln, griffen mit Baseballschlägern, Stangen und Steinen an - nach zwei Minuten war alles vorbei: Hooligans haben einen Bahnwaggon mit Hannover-96-Fans überfallen. Ein SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter erlebte die Attacke mit. Die Chronik eines Gewaltexzesses.

Eingeschlagene Scheibe am Bahnhof in Weddel: Überfall auf Regionalbahn

Eingeschlagene Scheibe am Bahnhof in Weddel: Überfall auf Regionalbahn


Wie brutal geht es in Deutschlands niedrigen Fußballligen zu? Eine besonders brachiale Hooligan-Attacke auf einen Regionalzug mit Hannover-96-Fans löst jetzt Entsetzen aus. Die Anhänger waren am Samstagabend gerade auf dem Heimweg von einem Regionalligaspiel der U23-Mannschaft in Babelsberg, da wurden sie von 25 bis 30 mutmaßlichen Fans des Erzrivalen Eintracht Braunschweig überfallen.

Die Gewalttäter lauerten ihnen auf dem Vorortbahnhof Weddel auf - und griffen an, als der Zug mit 35 Bundespolizisten an Bord dort einfuhr. Fenster wurden mit Baseballschlägern, Steinen und Eisenstangen eingeschlagen, dann Rauchkörper ins Innere geworfen. Ein Waggon wurde so demoliert, dass er für die Fahrgäste gesperrt werden musste. Der Angriff dauerte nur zwei Minuten.

Ein SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter war zufällig an Bord des Zuges mit den Fußballfans - sein Protokoll der Horrorfahrt nach Hannover:

Weddel, Samstagabend, 20.50 Uhr. Die Regionalbahn 36232 fährt auf dem Weg von Magdeburg nach Braunschweig in den Bahnhof des Vorortes ein. Im letzten der drei Wagen sind etwa 90 Anhänger von Hannover 96 - mit ihnen fahren Dutzende Bundespolizisten aus Bayern und zwei fankundige Beamte aus Hannover.

Im Waggon der Fans sind nur wenige Polizisten. Sie haben sich an den Eingängen und Treppen postiert. Die anderen sitzen im nächsten Wagen. Die Stimmung unter den 96-Anhängern war gerade noch gelassen, jetzt aber merkt man Anspannung, denn die nächste Station ist der Hauptbahnhof Braunschweig - dort erwartet man einen Empfang durch Fans des Erzrivalen Eintracht Braunschweig. Der Konkurrenzclub hatte am Nachmittag ein Heimspiel in der Dritten Liga gegen den SV Sandhausen 6:0 gewonnen; die eigene Mannschaft hatte in Babelsberg 0:1 gespielt.

Der Zug steht noch nicht am Weddeler Bahnhof, da tauchen plötzlich 25 bis 30 Menschen aus der Dunkelheit auf. Sie schreien lauthals. Manche haben sich mit Sturmhauben in blau-gelb vermummt, den Vereinsfarben der Braunschweiger.

Sie greifen mit Holzlatten und Eisenstangen an. Steine fliegen gegen die Fenster, ein Rauchtopf in den Waggon. Die Fans aus Hannover versuchen, aus dem Zug zu kommen und zum Gegenangriff überzugehen. Sie treten von innen die Fensterscheiben ein.

Die Polizisten verlassen den Zug nicht. Später gehen Gerüchte um, Beamte hätten gesagt, dass sie nicht rausgehen wollen. Einer sucht tatsächlich Deckung, und auch die Polizisten aus Wagen zwei verlassen den Zug nicht - denn beide Türen sind defekt. Sie müssen sich erst durch die Mitreisenden in den dritten Wagen vorarbeiten, um überhaupt auf den Bahnsteig zu gelangen.

Als sie dort ankommen, sind die Angreifer schon verschwunden. Augenzeugen berichten, dass ihre Autos mit laufenden Motoren bereitstanden. Ein paar Steine fliegen den Hooligans hinterher. Dann ist alles vorbei. Die Aktion hat keine zwei Minuten gedauert - jetzt muss die Polizei vereinzelt Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzen, um die aufgebrachten Fans aus Hannover zu bändigen.

Die Bilanz: Niemand ist verletzt. Eine Jugendgruppe im ersten Wagen wirkt verstört. Eine Frau hat einen Weinkrampf. Der letzte Waggon des Zuges ist zerstört, Fenster sind zersplittert, durch die Abteile wabert farbiger Rauch. Die Scheibe eines Wartehäuschens ist kaputt. Der Graffiti-Schriftzug "Juden Hannoi" ist noch deutlich zu erkennen - Hannoi ist der Szene-Name für Hannover.

Die Fans werden auf die beiden intakten Waggons aufgeteilt, bevor es weitergeht. Mit einer knappen halben Stunde Verspätung trifft die Regionalbahn am Braunschweiger Hauptbahnhof ein. Er ist fast leer. Eine größere Anzahl Polizisten steht am Gleis bereit. Der Zug nach Hannover steht am gleichen Bahnsteig, um die Wege zu verkürzen. Es kommt nur noch zu zwei kleineren Zwischenfällen.

Dann verläuft die weitere Fahrt friedlich.


Die Polizei legt Wert darauf, dass sie am Bahnhof Weddel durchaus beherzt eingegriffen hat - "nur dem stringenten Einsatz der Polizei ist es zu verdanken, dass es keine Verletzten gab", sagt der Sprecher der Bundespolizeidirektion Hannover, Ralf Göttner, zu SPIEGEL ONLINE. "Wir haben kein Verständnis für so eine Aktion und sind sehr betroffen, wie rücksichtslos und heftig vorgegangen wurde."

Haben die Polizisten in dem Zug richtig reagiert? "Die Beamten hatten gleich drei Aufgaben zu bewältigen", sagt Göttner. "Sie mussten verhindern, dass die Angreifer in den Zug kamen. Außerdem mussten die Hannoveraner daran gehindert werden, den Zug zu verlassen, um ein direktes Aufeinandertreffen zu vermeiden. Darüber hinaus mussten Auswirkungen auf unbeteiligte Fahrgäste unterbunden werden."

Auch die Polizei vermutet, dass es sich bei den Angreifern um Anhänger von Eintracht Braunschweig handelt. Einige von ihnen waren in einem Auto mit Braunschweiger Kennzeichen geflüchtet, und auf der Strecke gab es schon mal einen Zusammenstoß zwischen beiden Fanlagern. Die Polizei ermittelt nun wegen Landfriedensbruch gegen Unbekannt.

Innenminister droht mit Spielabsagen

Gewalt in den unteren Ligen ist ein massives Problem im deutschen Fußball. Erst am Freitag war es zu schweren Ausschreitungen beim Derby in der Westfalenliga zwischen dem FC Gütersloh und dem SV Lippstadt gekommen. Rund 80 Hooligans griffen vor dem Stadion des FC Gütersloh mit Eisenstangen und Baseballschlägern einen Bus der Gäste an. In Leipzig wurden bei einem Überfall in dem Städtchen Brandis 20 Kilometer östlich von Leipzig drei Personen verletzt, einer davon schwer. Die Ermittlungen der Polizei laufen noch.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat am Wochenende nicht ausgeschlossen, dass Fußballspiele in der zweiten, dritten und vierten Liga abgesagt werden, falls das Problem nicht besser wird. "In Sachsen ist einmal ein Spiel abgesagt worden, um ein Exempel zu statuieren", sagte der CDU-Politiker der "Bild am Sonntag", "nicht wegen Personalmangel, sondern um gewalttätigen 'Fans' keine Bühne zu bieten. Das hat Wirkung gehabt." Es könne auf Dauer nicht sein, dass Fußballspiele in der zweiten, dritten oder vierten Liga nur unter Polizeischutz stattfinden können.

jar



Forum - Was tun gegen Gewalt im Fußball?
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Hercules Rockefeller, 25.10.2009
1. Vereine müssen zahlen
Meiner Meinung nach sollte die Polizei sich ihre Einsätze mit Mann und Maus bezahlen lassen-von den Vereinen! Ich verstehe gar nicht, weshalb der Steuerzahler für die Bespaßung von Hooligans und Unterschichtlern den Sicherheitsdienst sponsorn muss? Wenn ein Verein Millionen für Spieler ausgeben kann, dann müssen die paar tausend Euro für Polizeibeamte auch drin sein-zumal sich die Vereine die Kosten teilen können. Alternativ können die Spiele auch ohne Zuschauer durchgeführt werden, wenn es denn nicht anders geht. Vielleicht sollte man das als Regel einführen. Nach jedem Zwischenfall mit Körperverletzung muss das nächste Spiel der betreffenden Vereine ohne Zuschauer abgehalten werden. Bin mal gespannt, wie schnell die Vereine dann die Ticketpreise erhöhen werden, um das gewalttätige Prekariat draussen zu halten...
MaXimumOwn 25.10.2009
2.
Erstmal aufhören über die Polizei zu schimpfen und den Polizisten vor Ort irgendwelche Schuld zu geben. An jeden Wochenende finden tausende Fußballspiele statt - Bundesligen, Landes-, Kreis und Bezirksligen. Die Ressourcen der Polizei sind irgendwann auch mal erschöpft - immerhin verlangt man von der Polizei das sie auch ihre anderen Aufgaben wahrnehmen soll. "Offenbar hatte man auch beim ausrichtenden Verein schon vor Anpfiff geahnt, dass das Spiel gestört werden würde. Nach Angaben der RSL-Fans sei man per Stadionlautsprecher aufgefordert worden, eine Seite des Sportplatzes zu räumen, weil "die Dummen noch kommen"." Wieso hat man das Spiel dann nicht abgesagt und die Zuschauer und Verantwortlichen nach Hause geschickt ? Wieso legt man es auch noch darauf an ? Und wie oft wurde die Polizei eigentlich schon von Personen der linken Szene angegriffen ? ..... Anscheinend merkt hier niemand, dass unsere Polizei mehr oder wenigernur noch dazu dienen, dass frustrierte Jugendliche sich mal richtig austoben können und wenn unsere Polizisten mal nicht rechtzeitig da sind (obwohl man sie meistens nie dahaben wil - siehe 1. Mai Demos u.a.l) dann wird gleich mal nen Faß aufgemacht. Und was wäre passiert wenn die Polizei hart durchgegriffen hätte und die rechten Schläger reihenweise verprügelt / eingesperrt hätte ? Dann würden die rechten Schläger jeden einzelnen Polizisten verklagen. Also im Grunde können die Polizisten machen was sie wollen - sie sind immer die dummen und immer schuld. Ich würde sagen, dass beide Seiten diese Auseinandersetzung gewollt haben und man hier sicher nicht der Polizei irgendwelche Schuld zuschieben kann. Was kann man dagegen tun ? Als erstes sollten sich alle - bevor man mit dem Finger auf andere zeigt - an die eigene Nase fassen. Die Täter müssen selbstverständlich gefaßt und bestraft werden und die Vereine sich selber mal fragen, wieso man nicht vorher Spiele absagt wenn man weiß, dass es Ärger geben wird. Gruß
fröp 25.10.2009
3.
vereine wie der fsv brandis und roter stern leipzig sind notorisch pleite. die verdienen keine millionen, das sind amateurvereine. ich denke es ist im interesse des staates jede möglichkeit rechte gewalttäter zu stoppen bzw. festzunehmen wahrzunehmen, was nur möglich ist wenn man sich wenigstens um angemessenen schutz solcher bekanntermaßen riskanten spiele kümmert. denn wenn man denen raum zum terrorisieren von gruppen oder einzelpersonen lässt werden die ihn auch nutzen. Denn tatsächlich bedrohen diese rechten hools und neonazis die allgemeinheit (zumindest in leipzig) mehr als die zwar konstant heraufbeschworenen Islamisten.
Pacolito, 25.10.2009
4.
Bei einem durchschnittlichen Spiel der 1. Bundesliga mit 40.000 oder 50.000 Zuschauern kommt es doch zu wesentlich weniger Gewalttätigkeiten als beim jeweiligen Oktoberfest der örtlichen Dorffeuerwehr. Wieder einmal total sinnlos der Thread. Dass es in manchen unterklassigen Ligen in den neuen Bundesländern teilweise zu massiven Ausschreitungen kommt, hat weniger was mit dem Fußball an sich zu tun. Das ist ne Mischung aus dumpfer Aggression, Rechtsradikalismus, Perspektivlosigkeit etc., ertränkt in Alkohol. Sie können da alle Fußballclubs verbieten, gehen die eben zum Handball usw.
mooringman, 25.10.2009
5. Roter Stern
Das es Vereine mit dem Namen "Roter Stern" in Deutschland gibt,wurde mir erst neulich bewußt durch eine Pressemitteilung.In Lübeck gingen Neonazis aus dem Umfeld des VfB Lübeck bei einem unterklassigen Spiel auf Fans eines "Roter Stern" Vereines los und erzwangen einen Polizeieinsatz.Es wird Zeit ,das diese braunen Hools,es sind keine Fans, aus dem Umfeld der Fußballvereine verschwinden.In Lübeck zumindest sind die meisten Polizei und Vereins bekannt.
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