Gewalt im Fußball Viele Probleme, null Lösungen

Stadionausschlüsse, Spielabsagen, Alkoholverbote: Um die Gewalt im deutschen Fußball einzudämmen, präsentieren Politiker restriktive Ideen. Die Fans bleiben in der Debatte außen vor - und selbst einige Clubchefs haben Zweifel an der Wirksamkeit solcher Maßnahmen.

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VfB-Stuttgart-Fans (am 22. Oktober in Nürnberg): "Da wird sehr viel vermischt"
dapd

VfB-Stuttgart-Fans (am 22. Oktober in Nürnberg): "Da wird sehr viel vermischt"


Hamburg - Weniger Gewalt und mehr Sicherheit in Deutschlands Fußballstadien: Das waren die Schlagworte, als die Teilnehmer eines Runden Tisches im Bundesinnenministerium Anfang Mai 2010 einen Zehn-Punkte-Plan erarbeiteten und der Öffentlichkeit vorstellten. Auslöser für das Papier war unter anderem die zunehmende Zahl von Fan-Ausschreitungen in den Bundesliga-Arenen, etwa als Hertha-Anhänger den Innenraum des Berliner Olympiastadions stürmten.

Seither sind 18 Monate vergangen. Und die aktuelle öffentliche Diskussion suggeriert: Es hat sich nichts geändert, im Gegenteil - die Gewalt nimmt zu.

Ob Dortmund, Frankfurt oder Berlin: Es knallt derzeit häufig. Deshalb gibt es nun wieder einen Runden Tisch. Und wieder ist Fußball und Gewalt das Thema, über das Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) unter anderem mit Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), und Reinhard Rauball, Präsident des Ligaverbandes (DFL), am Montag in Berlin reden will. Bemerkenswert dabei: Fan-Vertreter sind unter den Teilnehmern so gut wie gar nicht vorhanden.

Im Bundesinnenministerium wird es neben der Überprüfung des Zehn-Punkte-Plans um die Vorfälle in der Bundesliga und im DFB-Pokal der vergangenen Wochen und Monate gehen. "Wir werden Antworten finden müssen. Denn diese Gewalteskalation ist so nicht mehr hinnehmbar", sagt Innenminister Friedrich. Doch statt Begriffe wie Dialog und Lösungen fallen vor allem zwei Worte: Verbot und Strafe.

Politikerin fordert lebenslänglich für Fans

Einen Vorgeschmack darauf, was die Politiker unter den von Friedrich geforderten "Antworten" verstehen, lieferte die Sportministerkonferenz am 3. November in Weimar. "Es gibt zu viel Gewalt speziell am Rand von Fußballspielen", hat Thüringens Sozialministerin Heike Taubert beobachtet. Bei welchen Spielen genau, sagte sie nicht. Die SPD-Politikerin, zugleich Vorsitzende der Sportministerkonferenz, nannte aber Lösungsansätze, die sie für richtig hält: "Mit Sanktionen wie lebenslangen Stadionverboten könnte gewalttätigen Fans begegnet werden. Ich persönlich bin auch für ein Alkoholverbot in Stadien."

In Weimar haben sich alle Sportminister bereits für ein Alkoholverbot im Nahverkehr rund um Fußballspiele ausgesprochen. Und seit der Konferenz vergeht kaum ein Tag, an dem sich nicht irgendjemand mit irgendwelchen populistischen Maßnahmen zu Wort meldet, wie man die Gewalt im Fußball in den Griff bekommen kann. Doch die Aussagen offenbaren, dass niemand eine praktikable und zugleich gemäßigte Lösung parat hat. So fordert Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) bessere Videoüberwachung, stärkere Polizeipräsenz und mehr Einlasskontrollen.

Schünemann sitzt für die CDU-geführten Bundesländer mit am Runden Tisch und sagt, wenn nötig, müsse die Polizei auch in den Fanblock gehen: "Gerade wenn Gewalt angewandt wird, darf man nicht zimperlich sein." Was er damit meint, zeigte die Partie Hannover gegen den FC Bayern, als Polizisten aufgrund von Vermutungen den 96-Fanblock stürmten. Schünemanns Parteikollege, Hessens Innenminister Boris Rhein, sagte dem "Focus": "Das Konzept der Selbstreinigung hat nicht funktioniert. Allein mit Fanprojekten und Fanbeauftragten lässt sich das Problem nicht mehr lösen."

Fanprojekte-Vertreter sieht Maßnahmen kritisch

Weitere reflexartig geäußerte Sanktionen sind Spielabbrüche bis hin zu Absagen von Partien. "Man müsste einfach mal sagen: Schluss, Ende, Aus", so Bernhard Witthaut, Chef der Gewerkschaft der Polizei: "Wir müssen darüber nachdenken, dass der DFB die Möglichkeit in Anspruch nimmt, Spiele ganz abzusagen, wenn es gesicherte Erkenntnisse über massive, gewalttätige Auseinandersetzungen gibt." Hendrik Große Lefert, ehemaliger Polizist und neuer Sicherheitsbeauftragter des DFB, fordert vor dem Hintergrund all dieser Vorschläge wenig konkret: "Es darf keine Tabus geben."

Michael Gabriel von der Koordinierungsstelle Fanprojekte, die Fanprojekte in ganz Deutschland berät und die ebenfalls am Runden Tisch teilnimmt, warnt allerdings vor undifferenzierten Maßnahmen und Sanktionen, "die wie eine Gießkanne alle treffen, auch Unschuldige. Dann würde man viel mehr Fans gegen sich haben und nicht die isolieren, die wir isolieren müssen." Abgesehen von Gabriel sitzt allerdings kein Vertreter der Anhänger mit am Tisch. Daher sagt Philipp Markhardt, Sprecher der Initiative Pro Fans: "Ein Runder Tisch, der keiner ist und an dem über anstatt mit Fans gesprochen wird, hat aus unserer Sicht keinen Wert. Nur im Dialog wird man Verbesserungen erreichen."

Ein zweites Problem der vielen Maßnahmen: Sie differenzieren kaum zwischen den einzelnen Vorfällen der jüngeren Vergangenheit. Mal ist es Gewalt im Vorfeld von Spielen, mal sind es Ausschreitungen im Stadion, mal geht es um Schmähgesänge, mal um das Abbrennen von Pyrotechnik. Eine Unterscheidung findet in der öffentlichen Debatte kaum statt. Unabhängig von den Ursachen wird alles dem Thema Gewalt zugeordnet.

Daher sind die Erwartungen der Clubs an den Runden Tisch gedämpft. "Es wird diskutiert, es werden Arbeitsausschüsse gebildet und irgendwelche Vorschläge gemacht. Das wird unser Problem nur begrenzt lösen", sagt Martin Kind, Präsident von Hannover 96. Der Club hat auch mit zündelnden Ultras zu kämpfen. Dennoch setzt Kind auch auf den Dialog mit den Fans. "Ich bin kein Freund von Strafe. Wir wollen keinen Krieg." Gleichwohl will er die Preise für die Nordkurve anheben, wo Hannovers Ultras stehen, um sich so die Strafgelder für das Abbrennen von Pyros wieder reinzuholen.

Wie es laufen kann zwischen Verein und Fans, die mitreden wollen, hat der FC Bayern im Fall Manuel Neuer vorgemacht. Daher plädiert Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge dafür, insbesondere mit den Ultras das Gespräch zu suchen und sagt: "Kommunikation ist besser als drakonische Strafe."

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insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
komajo 14.11.2011
1. Die eine Backe und die andere Backe
Gewalt dieser Form kann nur mit harten Strafen geahndet werden. Nachgiebigkeit wird als Schwäche ausgelegt.
MisterPR 14.11.2011
2. Auweia.
Zitat von sysopStadionausschlüsse, Spielabsagen, Alkoholverbote: Um die Gewalt im deutschen Fußball einzudämmen, präsentieren Politiker restriktive Ideen.*Die Fans bleiben in der Debatte außen vor - und selbst einige*Clubchefs haben Zweifel an der Wirksamkeit solcher Maßnahmen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,796755,00.html
? Es ist offensichtlich, dass es nicht funktioniert. Gewalt, Vandalismus, Graffiti von dümmlichen Fußball-Fans an jedem Brückpfosten, erhebliche Mengen Erbrochenes an öffentlichen Orten, wo es nicht unbedingt sein sollte, usw. Kann auch wirklich nur Deutschland sein, dass man ernsthaft DISKUTIERT, was zu tun ist. In jedem andern Land dieses Planeten wäre der Fall klar.
Boy_Kott, 14.11.2011
3. +++ Alles nur eine Frage der Kosten!
Zitat von sysopStadionausschlüsse, Spielabsagen, Alkoholverbote: Um die Gewalt im deutschen Fußball einzudämmen, präsentieren Politiker restriktive Ideen.*Die Fans bleiben in der Debatte außen vor - und selbst einige*Clubchefs haben Zweifel an der Wirksamkeit solcher Maßnahmen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,796755,00.html
Alles nur eine Frage der Kosten! Alles nur eine Frage des Geldes! Wenn die Vereine die Proleten unter ihren Fans fernhalten wollten, dann könnten sie das leicht, müssten aber zwangsweise auf Einnahmen verzichten. Wenn die Bundesländer wirklich die Randalierer unter den Fans aussortieren wollten, dann könnten sie das, müssten aber die entstehenden Kosten und Einsätze z.B. dem DFB oder den Vereinen aufbürden. Dann wäre ganz schnell "Ruhe im Stadion". Die geforderten "Differenzierungen" sind genau so dämlich, wie das Beispiel FCB und Manuel Neuer. Hier sind beide vor "Dumm und Blöd" in die Knie gegangen, nur des Geldes wegen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,775546,00.html Wie kann man nur bei so einem Blödsinn mitmachen (Verbot das Bayern-Wappen zu küssen usw.)?
schwester arno 14.11.2011
4. .
Zitat von MisterPR? Es ist offensichtlich, dass es nicht funktioniert. Gewalt, Vandalismus, Graffiti von dümmlichen Fußball-Fans an jedem Brückpfosten, erhebliche Mengen Erbrochenes an öffentlichen Orten, wo es nicht unbedingt sein sollte, usw. Kann auch wirklich nur Deutschland sein, dass man ernsthaft DISKUTIERT, was zu tun ist. In jedem andern Land dieses Planeten wäre der Fall klar.
Na ja, in der Schweiz findet genau die gleiche Diskussion statt und da ist die Situation eher noch schlimmer
lemidi 14.11.2011
5. Nachgiebigkeit = Schwäche? Ich bitte Sie...
Zitat von komajoGewalt dieser Form kann nur mit harten Strafen geahndet werden. Nachgiebigkeit wird als Schwäche ausgelegt.
Und was sollen das für Strafen sein? Und wie kann man sie wirklich auf die richtigen Leute einsetzen - ohne, dass jeder normale Fan bzw. der Verein für die schwarzen Schafe gleich mit büßen muss? Natürlich sollte man Wiederholungstäter oder diejenigen mit schweren Vergehen (ich denk da an die Bierbecher-Werfer in Richtung Linienrichter) hart bestrafen. Aber das tut man sicherlich schon. Oder bekommen diese "Fans" dann eine Dauerkarte für die nächste Saison gratis?
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