Gezielter Angriff am Bahnhof HSV-Hooligans überfallen St.-Pauli-Fans

Fußball-Hass in Hamburg: Anhänger des Hamburger SV haben in der Nacht zu Sonntag eine Gruppe von Fans des FC St. Pauli angegriffen - auch Torwart Pliquett wurde attackiert, drei Menschen wurden verletzt.

St.-Pauli-Fans (Archivfoto): Attackiert am Bahnhof
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St.-Pauli-Fans (Archivfoto): Attackiert am Bahnhof

Von und Clemens Gerlach


Hamburg - Etwa 15 Anhänger des Hamburger SV haben in der Nacht zu Sonntag eine Fangruppe des FC St. Pauli überfallen. Drei der Angreifer wurden vorübergehend festgenommen. Sie sind in der Datei "Gewalttäter Sport" der Polizei registriert. Bei ihnen fand die Polizei HSV-Dauerkarten, wie der Sprecher der Bundespolizei, Reiner Urban, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte. Inzwischen sind die Angreifer wieder auf freiem Fuß.

Weitere fünf Menschen wurden am Bahnhofsgelände aufgegriffen, ihnen konnte allerdings keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Vier von ihnen sind ebenfalls in der Datei "Gewalttäter Sport" registriert. Alle acht sind nach Informationen der "Bild"-Zeitung Mitglieder der HSV-Fanvereinigung "Supporters".

Nach ersten Ermittlungen geht die Polizei davon aus, dass der Angriff geplant war. "Die Täter sind durchaus organisiert vorgegangen", sagte Urban. Die Angreifer zeigten der Polizei zufolge "Hooligan-typisches Verhalten" und nahmen in Kauf, dass unbeteiligte Dritte und auch Kinder verletzt werden.

Angaben der Polizei zufolge attackierten die Angreifer gegen halb zwei Uhr morgens eine Gruppe von 20 St. Pauli-Fans, die nach der Rückfahrt vom Auswärtsspiel ihres Clubs in Freiburg am Bahnhof in Hamburg-Altona ausgestiegen waren. Unter den Angegriffenen waren St. Paulis Torwart Benedikt Pliquett und ein Kind, teilte die Polizei mit.

Am Ausgang des Bahnhofs zum Paul-Nevermann Platz wurde die Gruppe Angaben der Polizei zufolge lautstark und massiv mit Schlägen und Tritten attackiert. Auch am Boden liegende Personen wurden weiter getreten und geschlagen. "Eine Flasche verfehlte ganz knapp meinen Kopf. Ich rief die Polizei. Sie griff auch sofort ein", sagte Pliquett.

Aber selbst als die Bundespolizei eingriff, ließen die Angreifer nicht von ihren Opfern ab. Ein 16-Jähriger warf einen Zehn-Kilo-Absperrpfosten in Richtung der Beamten. Erst als weitere Bundespolizisten und sieben Streifenwagen der Landespolizei eintrafen, flüchteten die Angreifer aus dem Bahnhof. Drei verletzte St. Pauli-Fans mussten im Krankenhaus behandelt werden. Einem Fan wurde das Nasenbein gebrochen, das Hörgerät eines älteren Mannes zerstört. Polizeibeamte wurden nicht verletzt.

"Es wird immer ein paar Vollidioten geben"

"Wir verurteilen die Vorfälle, Gewalt ist nie zu rechtfertigen", sagte Ralf Bednarek auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Der Hamburger Rechtsanwalt ist Chef der HSV-Fanvereinigung "Supporters Club", die rund 63.000 Mitglieder hat. "Wir werden Gespräche führen, um herauszubekommen, ob es sich um Supporters handelt", so Bednarek, "sollte dies der Fall sein, dann muss auch von Vereinsseite aus gehandelt werden." Die Täter könnten ein Stadionverbot erhalten. Dieses wird von einem Club aufgrund seines Hausrechts ausgesprochen, gilt aber bundesweit für alle Partien einschließlich der Regionalligen.

HSV-Vorstand Oliver Scheel äußerte sich empört über den Angriff. "Ich bin frustriert und maßlos enttäuscht, dass es diesen Übergriff gegeben hat und dieser dem HSV zuzuordnen ist", sagte Scheel dem "Hamburger Abendblatt". Sobald der HSV alle Informationen erhalten habe, werde man mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wie Stadionverboten vorgehen. "Für mich ist dieser Vorfall auch ein deutliches Warnsignal, dass wir alles dafür tun müssen, dass rund um das Derby alles ruhig und sportlich zugeht", sagte Scheel.

St. Paulis Pressesprecher Christian Bönig macht sich ebenfalls Sorgen um die Sicherheit vor dem ersten Hamburger Stadt-Derby seit mehr als acht Jahren am 18. September am Millerntor. "Das war sicher ein organisierter Übergriff, den wir aufs Schärfste verurteilen", sagte er dem TV-Sender "Sport1". "Wir rufen unsere Fans auf, Ruhe zu bewahren und dies nicht zu vergelten. Wir werden vor dem Derby zu Ruhe und Besonnenheit aufrufen. Aber wir dürfen uns keinen Sand in die Augen streuen: Es wird immer ein paar Vollidioten geben."

Gegen die Angreifer wurden Strafanzeigen wegen Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte erstattet. Die Ermittlungen dauern an. Die Polizei muss nun die gesicherten Videoaufzeichnungen sichten.

Der Fanbeauftragte des HSV, Mike Lorenz, sagte dem "Abendblatt": "Wir werden versuchen, in den nächsten Tagen die Täter zu kontaktieren. Von unserer Seite müssen sie natürlich mit harten Konsequenzen rechnen." Gerade in Bezug auf das bevorstehende Derby sei dieser Vorfall sehr ärgerlich. HSV-Sprecher Jörn Wolf wollte sich auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu dem Vorfall äußern.

Die St.-Pauli-Fans waren mit dem ICE 292 aus Freiburg nach Hamburg zurückgefahren. Der größte Teil der St.-Pauli-Fans und der Mannschaft war bereits am Hamburger Hauptbahnhof und am Bahnhof Dammtor ausgestiegen. Pliquett war bis Altona weitergefahren, weil er in dem Stadtteil wohnt.

Mit Material von sid und dpa



insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
Emmi 22.08.2010
1. Frage an den HSV!
Wieso bekommen Leute, die in der Gewalttäterdatei sind, statt Stadionverbot ne Dauerkarte? Dafür muss man sich doch identifizieren? Erfolgt da kein Abgleich oder sind den Vereinen die Leute nicht bekannt?
moritzdog, 22.08.2010
2. Wenn
Zitat von sysopFußball-Hass in Hamburg: 15 Anhänger des Hamburger SV haben in der Nacht zu Sonntag eine Gruppe von Fans des FC St. Pauli angegriffen - auch Torwart Pliquett wurde attackiert, drei Personen wurden verletzt. Einige Angreifer sind polizeibekannt. Der Angriff war nach Ermittlungen der Polizei geplant. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,713158,00.html
ich das schon immer lese: Einige Täter sind "polizeibekannt".
Christian W., 22.08.2010
3. .
Zitat von EmmiWieso bekommen Leute, die in der Gewalttäterdatei sind, statt Stadionverbot ne Dauerkarte? Dafür muss man sich doch identifizieren? Erfolgt da kein Abgleich oder sind den Vereinen die Leute nicht bekannt?
Weil es genug Fälle gibt, in denen Leute, die in der Datei stehen, nichts gemacht haben. Was manchmal auch vor Gericht bewiesen wird. Trotzdem bleiben die Einträge bestehen. Zudem landet jeder in der Datei, der mal, ob berechtigt oder nicht, von Polizisten eingekesselt wurde + dessen Personalien aufgenommen wurde.
Herr Bayer 22.08.2010
4. Ja wenn
Zitat von moritzdogich das schon immer lese: Einige Täter sind "polizeibekannt".
Wenn ich dann auch noch lesen muss: "Inzwischen sind die Personen wieder auf freiem Fuß". Keine Wiederholungs- oder Verdunkelungsgefahr?
systemfeind 22.08.2010
5. hamburger Jungs
Zitat von sysopFußball-Hass in Hamburg: 15 Anhänger des Hamburger SV haben in der Nacht zu Sonntag eine Gruppe von Fans des FC St. Pauli angegriffen - auch Torwart Pliquett wurde attackiert, drei Personen wurden verletzt. Einige Angreifer sind polizeibekannt. Der Angriff war nach Ermittlungen der Polizei geplant. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,713158,00.html
Hamburg ist bekannt für seine Folklore und Volkstümlichkeit . Freue mich auf ähnlich aufgeregte Berichte wenn in Hamburg die Paulifans mit ihren Kumpels aus der Schanze Autos abfackeln und Polizeistationen angreifen . Den Ball immer schön flach halten .
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