Letztes Juventus-Spiel von Gianluigi Buffon Gigi Gaga Grandezza

Bei Juventus reifte Gianluigi Buffon zum Welttorhüter und Charakterfußballer - jetzt bestreitet er sein letztes Spiel für die Turiner. Eine Würdigung.

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Trophäen hat er natürlich auch gesammelt. Neun Meistertitel, die letzten sieben in Serie, fünf Italienpokale, ein Uefa-Pokal, 974 Minuten ohne Gegentor in der Serie A. Und dann: Weltmeister 2006, Rekordnationalspieler, Welttorhüter. Mit Ausnahme der Champions League hat Gianluigi Buffon alles gewonnen, was ein Fußballer gewinnen kann.

Er ist einer der besten Torhüter der Geschichte, auch als 40-Jähriger bestritt er mit Juventus noch eine glänzende Saison, wurde noch mal Meister und noch mal Pokalsieger. Jetzt hört er auf bei dem Klub, wo er vor 17 Jahren anheuerte und den er sechs Jahre lang als Kapitän führte. Der Saisonkehraus gegen Hellas Verona wird sein letzter Auftritt für Juve sein, wie es weitergeht, will Buffon in der nächsten Woche entscheiden.

Vielleicht hängt er noch ein Jahr zwischen den Pfosten dran, attraktive Angebote hat er genug, angeblich auch von Paris St. Germain. Der Lebemann Buffon und der asketische Tuchel, eine lustige Vorstellung. Fest steht: Wie bei Juve wird es nirgends mehr werden. Denn nur in Turin, am Hofe der Industriellenfamilie Agnelli, fand Buffon ideale Bedingungen, um vom jugendlichen Wirrkopf zum charismatischen Charakterdarsteller zu reifen - zu Gigi Gaga Grandezza.

Italiens Nummer eins
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Italiens Nummer eins

"Hier gibt's keine Extrawürste", so wurde der 23-Jährige empfangen, als er 2001 vom Provinzverein Parma zum nobelsten Klub Italiens wechselte. Da hatte Buffon, immerhin schon Nationaltorwart, den Wunsch geäußert, seine alte Trikotnummer 77 behalten zu dürfen: Von wegen, bitte einreihen hinter die Legenden Giampiero Combi und Dino Zoff! Er bekam die 1, wie alle Juve-Schlussmänner vor ihm, und er lernte, was es bedeutet, bei diesem Verein wirklich die Nummer eins zu sein.

Zuerst kommt der Klub, dann das Mannschaftskollektiv, dann erst kommen die Spieler. Zuerst kommt die Disziplin, dann das Können, erst danach ist Exzentrik erlaubt. Buffon lernte also, erst zu denken, dann zu reden und die Hände beim Sprechen still zu halten. Und siehe da: Aus Gianluigi Buffon, den alle immer nur Gigi nennen, wurde der zeitweise beste, sicher aber schillerndste Torwart der Welt. Eine Galionsfigur des italienischen Calcio, ach was, der italienischste Capitano von allen. Ein Individualist im Dienst der Mannschaft, ungeheuer diszipliniert, aber niemals glatt oder gar duckmäuserisch. Ein unglaublich starker Typ.

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Gianluigi Buffon: Titel, Tränen und ein paar Skandale

Andere, etwa der Spanier Iker Casillas, mochten noch erfolgreicher sein, doch als Kunstflieger im großen Lebensmelodram bleibt Buffon unerreicht. Die Brüche und Eskapaden in seiner Biografie sind mindestens so zahlreich wie die Trophäen. Was daran liegen mag, dass Gigi Buffon stets mehr suchte als die Perfektion zwischen zwei Torpfosten. Nämlich das pralle, bunte Leben.

Ein Leben, zu dem die Depression gehört wie das harte (wenn auch stets legale) Zocken, ein gefälschtes Abizeugnis wie die echten, hart erkämpften Siege und Auszeichnungen. Weder aus dem einen, noch aus dem anderen hat er je einen Hehl gemacht. Buffon hat seine Schwächen und Patzer nie verborgen, er wollte immer beweisen, dass man nicht nur auf dem Platz Talsohlen überwinden und Fehler auswetzen kann. Sein Leben ist ganz großer Sport.

Er stammt aus Carrara, einer Stadt an der Küste der Toskana, in deren Rücken sich die famosen Marmorberge türmen. Michelangelo arbeitete hier, schuf aus diesem Material den David, den Moses, die berühmtesten Statuen der Kunstgeschichte. Jahrhunderte später machten die Arbeiter aus den Marmorsteinbrüchen Carrara zur Wiege des italienischen Anarchismus. Erschöpfend harte Arbeit und radikale Freiheitsideen bewegten die Heimatstadt von Buffon, beides wurde durch Gigi auf das Eindrücklichste verkörpert.

Interview

Die Eltern waren erfolgreiche Leichtathleten, die beiden größeren Schwestern Volleyball-Spielerinnen: eine Sportlerfamilie. Dieses unkonventionelle Zuhause voller starker Frauen verließ Nesthäkchen Gigi schon mit 13 Jahren, um ins Fußballinternat des AC Parma zu ziehen, knapp 150 Kilometer entfernt und doch eine andere Welt. Vier Jahre später spielte er schon in der 1. Liga - aber wenn es sich mit der Profiarbeit vereinbaren ließ, stand er immer noch als Fan in der Kurve von Carrarese Calcio 1908, seinem alten Klub.

Gigi liebte ihn so sehr, dass er den Verein 2012 kaufte und so als erster Fußballprofi Profiklubbesitzer wurde. Vier Jahre später musste ein Zusammenschluss von Marmorfabrikanten Carrarese vor der Insolvenz retten, in die der unerfahrene Buffon den Klub hineingeritten hatte. So endete eine Leidenschaft, für die der junge Gigi einst alles gegeben hatte. Wenn er von Parma mit dem Zug zum Stadion von Carrara gondelte, so gesteht er in seiner Autobiografie Numero1, fuhr er meistens ohne Fahrkarte: "So oft, dass es in meiner Spielerstatistik auftauchen könnte. Gianluigi Buffon: soundsoviele Elfmeter pariert, soundsoviele Tore kassiert, soundsoviele Schwarzfahrten absolviert."

Buffon mit WM-Pokal 2006
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Buffon mit WM-Pokal 2006

Schwarzfahren! Damit war bei Juve natürlich sofort Schluss. Unter Trainern wie Marcello Lippi und Fabio Capello, die nicht zu Unrecht ihre Spitznamen "Sergeant" und "Feldmaresciallo" tragen, wurde Jung-Gigi zurecht geschliffen. Harte Arbeit, denn Buffon war wirklich einer der schrägsten Typen, die jemals bei der alten Signora angeheuert haben. Sein Vorbild war und blieb nicht die Juve-Legende Dino Zoff, sondern Thomas N'Kono, der Schlussmann von Kamerun. Buffon verehrt diesen Kollegen derart, dass er nicht nur zu N'Konos Abschiedsspiel fuhr, sondern sogar seinen ältesten Sohn nach ihm benannte: Louis Thomas Buffon.

Als Parma-Spieler hatte Buffon seinen guten Ruf mit einer Trikotnummer aufs Spiel gesetzt. Ursprünglich wollte Macho Gigi die doppelte Null: "Bedeutet zwei Eier, oder?" Bedeutet vor allem: Klo. Die Klubführung in Parma verweigerte ihm das, der junge Torwart sollte sich schließlich nicht zum Affen machen. "Dann nehme ich 88", beharrte Buffon: "Vier Eier." Blöd nur, dass in der rechtsradikalen Szene die zweifache 8 für HH steht: Heil Hitler. Das H ist der achte Buchstabe des Alphabets. Und so entfachte Buffon, als er sich mit der 88 ins Tor stellte, einen Sturm der Entrüstung. Er selbst fiel aus allen Wolken: "Wer ahnt denn, dass hinter dieser Zahl ein Tribut an Hitler steht?! Das wissen doch wirklich nur Nazis!"

Das Skandalgeheul um die falschen Kleider des jungen Buffon entlarvte die philisterhafte Heuchelei des Profibetriebs. Wer wirklich Faschist ist, der kann das in Italien zeigen, ohne größere Probleme zu bekommen. Der Ex-Profi Paolo Di Canio etwa moderiert ungeachtet eines großen Mussolini-Tattoos auf seinem rechten Arm eine Auslands-Fußballsendung beim Bezahlfernsehen Sky. Lega und Fünf Sterne, die beiden Parteien, die gerade um eine Regierungskoalition verhandeln, haben vor Kurzem im Parlament vereint gegen die Strafverfolgung von faschistischer Propaganda gestimmt.

Gigi Buffon hingegen hatte nie Neigungen nach rechts. Sonst hätten ihn die Agnelli, diese heimliche italienische Königsfamilie, auf keinen Fall als Capitano ihrer Mannschaft geduldet. Niemals hätte Andrea Agnelli einen Mann zum Taufpaten seiner jüngsten Tochter gebeten, der nicht in jeder Hinsicht salonfähig wäre.

Buffon: "Altruistisch, charismatisch, aufrichtig"
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Buffon: "Altruistisch, charismatisch, aufrichtig"

Bei der gemeinsamen Abschiedspressekonferenz am vergangenen Donnerstag kam der gewöhnlich stocknüchterne Agnelli ins Schwärmen über seinen Capitano: "Altruistisch, charismatisch, aufrichtig." Buffon musste schwer schlucken vor Rührung und gab zurück, er habe sich mit dem Präsidenten stets "vereint gefühlt im Kampf gegen die Heuchelei." Ein bemerkenswerter Moment, kreiert von einem Mann, der in der globalen Unterhaltungsindustrie Fußball unermüdlich darum gerungen hat, er selbst sein zu können. "Er ist mit uns durch Himmel und Hölle gegangen", dichtete Agnelli, mit der Hölle war das Jahr in der zweiten Liga gemeint, zu dem Juve 2006 wegen Schiedsrichtermanipulationen verdonnert wurde. Der frisch gekürte Weltmeister Buffon stieg damals selbstverständlich mit ab und behauptete später tapfer, er habe sich auf den Bolzplätzen von Rimini und Lecce wie Bolle amüsiert.

Ob im Triumph oder beim Fiasko, Buffon wirkt immer authentisch. Seine bitteren Tränen nach dem historischen Versagen bei der WM-Qualifikation für Russland 2018, als Italien in drei Stunden kein einziges Tor gegen Schweden zustande brachte und erstmals seit 60 Jahren zu Hause bleiben musste, waren die Tränen einer ganzen Nation. Buffons Abschiedsspiel für die Squadra Azzurra war zum Debakel seines Landes geworden, aus dem nur einer unversehrt hervorging: Der Kapitän selbst. Er habe zwei Monate gebraucht, um sich davon zu erholen, gestand Buffon jetzt. Und lehnte das Angebot einer Abschiedsvorstellung am 4. Juni gegen die Niederlande dankend ab. Er habe gern gespielt, als es noch um etwas ging.

So gern, dass dann doch die Nerven mit ihm durchgingen, beim letzten Champions-League-Spiel für seine Juve. Im Viertelfinalrückspiel gegen Real Madrid hatten die Italiener im Estadio Bernabeu den 0:3-Rückstand aus dem Hinspiel wettgemacht, als der Schiedsrichter kurz vor Ende der regulären Spielzeit Real einen Foulelfmeter gewährte - und Buffon wegen seines Protestgeheuls vom Platz stellte. Es war dessen erste Rote Karte in einem Champions-League-Spiel. Juve verlor 1:3, und Buffon knöpfte sich in einer furiosen Wutrede den Referee vor. Der habe offenbar einen "Mülleimer dort, wo andere Leute ein Herz haben", und hätte besser daran getan, "mit einer Tüte Chips auf der Tribüne zu sitzen", anstatt ein Spitzenspiel zu pfeifen.

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Dafür entschuldigte sich Buffon jetzt öffentlich. Um gleich Spekulationen zu befeuern: Kommt die Abbitte vielleicht passend, um die Uefa gnädig zu stimmen, die ihn mit einer langen Sperre belangen könnte? Die aber würde den Torhüter nur dann treffen, wenn er wirklich noch weiter spielte. Und zwar in der Champions League - in einer Mannschaft, die eventuell auf Juve trifft. Gigi Buffon beim Elfmeterschießen gegen Paulo Dybala, Gonzalo Higuain, Sami Khedira. Der Capitano gegen Madama Juventus. Eigentlich kann man sich das doch gar nicht vorstellen.

insgesamt 4 Beiträge
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tor...tor...tor 19.05.2018
1. Habe gewann 1:3 in Madrid
... auch wenn es sich wie eine katastrophale Niederlage anfühlte, was den Autor wohl dazu brachte, den furiose Sieg über Real gar nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen.
siryanow 19.05.2018
2. Gigi
Ciao Gigi , tante belle cose e grazie per tutto.
Affenhauptmann 19.05.2018
3. Einfach ein guter Typ
Gigi Buffon ist einfach ein guter Typ. Solche wie ihn werden wir unter Nivea-Jogi nie in der deutschen National!mannschaft sehen. Schade. Ich hoffe, dass er noch ein Jahr in Europa dranhängt.
DocKnow 19.05.2018
4. Danke!
Ein sehr schöner Artikel. Der alte Buffon. Ein großartiger Fussballer. Ein Typ den es selten gibt in diesem Sport.
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