Buffons wütender Champions-League-Abschied "Fahr zur Hölle"

Er ist eine lebende Legende des italienischen Fußballs. Der wohl letzte Auftritt in der Champions League endete für Gianluigi Buffon jedoch unrühmlich. Gegen Real sah Juves Torwart Rot - und teilte danach heftig aus.

Gianluigi Buffon
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Gianluigi Buffon


Die Karriere von Gianluigi Buffon dauert nun bereits 23 Jahre an, der Torhüter hat in diesem Zeitraum sämtliche Höhen und Tiefen durchgemacht, die der Fußball zu bieten hat. Vom WM-Triumph mit Italien 2006 bis hin zum Abstieg mit Juventus aus der Serie A im selben Jahr.

Buffon, 40, hat alles erlebt. Mit einer Ausnahme. Der Champions-League-Titel, der fehlt ihm. Und seit Mittwochabend steht fest: Er wird wohl auch nicht mehr kommen.

3:1 gewann Juventus zwar im Viertelfinal-Rückspiel bei Real Madrid. Das reichte aber nicht zum Weiterkommen, das Hinspiel hatte Real 3:0 gewonnen. Für Buffon, der seinen im Sommer auslaufenden Vertrag offenbar nicht verlängern wird, ist damit die Chance auf den Titel futsch. Das galt auch für seine Gelassenheit.

Minute 90+3 in Madrid, Real startet seinen vielleicht letzten Versuch, die drohende Verlängerung gegen Juve abzuwenden. Toni Kroos flankt in den Strafraum, Cristiano Ronaldo köpft den Ball in Richtung Mitspieler Lucas Vázquez, auch Juves Medhi Benatia geht zum Ball. Es kommt zum Kontakt, ein leichter nur, kaum genug, um einen Athleten zu stürzen. Doch Vázquez fällt. Dann pfeift Schiedsrichter Michael Oliver, zeigt auf den Elfmeterpunkt, und Buffon verliert die Fassung.

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Er stürmt Richtung Oliver, das halbe Juve-Team tut es ihm gleich, doch Buffon steht im Mittelpunkt, er baut sich vor dem Referee auf, die Gesichter ganz dicht beieinander, er wütet, Oliver greift in die Hosentasche, zückt Rot und beendet so die Europacup-Karriere des Gigi Buffon.

Dass der Torhüter sich somit selbst der Chance bestahl, den Strafstoß von Cristiano Ronaldo abzuwehren, ist fast zynisch. Buffons Ersatzmann Wojciech Szczesny war für Ronaldo kein Gegner, das Viertelfinale gelaufen.

"Wenn du nicht den Charakter hast, setze dich auf die Tribüne"

Die vierte Gelegenheit auf den Titel nach drei erfolglosen Finalteilnahmen 2003, 2015 und im vergangenen Jahr, war nicht das Einzige, was Buffon in Madrid verlor. Da war auch noch das, was ihn neben seinen Paraden so auszeichnete. Die Grandezza. Denn was Buffon nach dem Abpfiff in Richtung Schiedsrichter losließ, war frei von der Würde, Fairness und dem Stil, der Buffons Legendenstatus mitbegründet hat.

"Fahr zur Hölle", schrie er Schiedsrichter Oliver zu, als er vom Platz ging, übrigens unter dem Applaus des Madrider Publikums. In den Katakomben des Stadions legte Buffon nach. "Es ist eine Schande", zitiert ihn die Nachrichtenagentur AP. Die Entscheidung gleiche einem "Verbrechen gegen sportliche Fairness". Buffon redete sich in Rage. "Du kannst nicht einfach so die Träume einer Mannschaft beenden", sagte er: "Offensichtlich hat er (der Schiedsrichter) kein Herz in der Brust, sondern eine Mülltonne", und: "Wenn du nicht den Charakter hast, in einem Stadium wie diesem zu bestehen, dann setze dich mit deiner Familie auf die Tribüne und kauf dir Chips."

Im Video: "Ein Verbrechen an der sportlichen Fairness"

Welche Aussage ihm selbst die Rote Karte eingebracht hatte, wollte er nicht verraten. "Es ist egal. Der Schiedsrichter hätte mir alles verzeihen müssen. Er musste einfach verstehen, für welche Katastrophe er sorgt", so Buffon.

Er selbst hatte während des Spiels mit starken Paraden gegen Gareth Bale und Isco dafür gesorgt, dass seine Mannschaft bis in die Nachspielzeit an das sensationelle Weiterkommen glauben durfte. Den Treffer von Blaise Matuidi (61. Minute) feierte Buffon, als hätte er ihn selbst erzielt. Er hüpfte, die Fäuste geballt, Richtung Juve-Fanblock, breitete dann die Arme aus und brüllte seine Freude heraus. Es war der einzige Moment, in dem Buffon ähnlich emotional wirkte wie nach dem Elfmeterpfiff.

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Eine andere Legende des Fußballs sprang ihm bei: Real-Trainer Zinédine Zidane. "Die Rote Karte hat er nicht verdient", sagte Zidane. Der Platzverweis als wahrscheinlich letzte Aktion auf der ganz großen Bühne dürfe auf keinen Fall vergessen lassen, "was Buffon alles für den Fußball geleistet hat. Er war ein großartiger Spieler", sagte Zidane. Der Franzose hatte sich selbst auf unrühmliche Weise vom Fußball verabschiedet, mit dem legendären Kopfstoß gegen den Italiener Marco Materazzi im WM-Finale 2006.

Von einer solchen Dimension ist Buffon mit seinem Ausbruch weit entfernt. Doch der erste Platzverweis seiner Europacupkarriere sorgt dafür, dass sein wohl letztes Jahr als Profi von nun zwei großen Enttäuschungen mitgeprägt wird. Im vergangenen November hatte er mit Italien die Qualifikation für die WM-Endrunde verpasst, erstmals seit fast 60 Jahren. Immerhin: In der Serie A hat Juventus dafür sehr gute Chancen auf den siebten Meistertitel in Serie. Es wäre ein würdiger Abschluss für die lange Karriere des Gigi Buffon.

Real Madrid - Juventus Turin 1:3 (0:2)
0:1 Mandzukic (2.)
0:2 Mandzukic (37.)
0:3 Matuidi (60.)
1:3 Ronaldo (90.+7, Foulelfmeter)
Real: Navas - Marcelo, Vallejo, Varane, Carvajal - Kroos, Casemiro (46. Vázquez), Isco, Modric (75. Kovacic) - Ronaldo, Bale (46. Asensio)
Juventus: Buffon - Alex Sandro, Chiellini, Benatia, De Sciglio (17. Lichtsteiner) - Matuidi, Pjanic, Khedira - Mandzukic, Higuaín (90.+6 Szczesny), Douglas Costa Schiedsrichter: Michael Oliver
Gelbe Karten: Carvajal, Marcelo, Ronaldo / Pjanic, Mandzukic, Lichtsteiner, Alex Sandro, Dougla Costa, Benatia
Rote Karte: Buffon (90.+3)

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Seite 1
hape2412 12.04.2018
1. Ich habe mir das
angebliche "Foul" mehrfach aus verschiedenen Perspektiven angesehen: hier Elfmeter zu geben ist eine absolute Fehlentscheidung, die einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Juventus und insbesondere Buffon haben es nicht verdient auf eine derartige Weise auszuscheiden. Ich kannseine Reaktion absolut verstehen. Der Schiedsrichter hätte - wenn er schon einen sehr zweifelhaften Elfmeter gibt - wenigstens Fingerspitzengefühl beweisen und allenfalls eine gelbe Karte geben sollen. Fußball ist manchmal sehr ungerecht.
order66 12.04.2018
2.
Ich teile nicht die Meinung der Autors. Den Elfer hätte man nicht pfeifen müssen. Erst den Ball, dann den Mann, keine klare Torchance und das Spiel wäre in der Verlängerung gewesen. Zumal der Schiedsrichter aus der englischen Liga kommt und dort geht es deutlich härter zur Sache. Man kann die Reaktion verstehen. Es bleibt ein schaler Geschmack im Mund.....
coyote38 12.04.2018
3. Damit hat Buffon alles gesagt.
"Wenn du nicht den Charakter hast, in einem Stadium wie diesem zu bestehen, dann setze dich mit deiner Familie auf die Tribüne und kauf dir Chips." --- Hervorragend, Gigi Buffon ... auf den Punkt getroffen. Als Schiedrichter in der 97. Minute "Elfmeter" zu pfeifen und damit hochdramatische 180 Minuten aus Hin- und Rückspiel sportlich ad absurdum zu führen, hat - wie man im Schwäbischen sagen würde - ein "G'schmäckle".
schueler79 12.04.2018
4. Unwürdig
Diese Entscheidung, zu diesem Zeitpunkt, bei der Konstellation lässt tief Blicken... Warum ist dies nicht das Thema? Kann Buffon voll und ganz verstehen, Respekt! Das Adjektiv meines Betreffs gilt jemand anderen.
Steuerfuzzi 12.04.2018
5. Parteiischer Kommentar
Der Kontakt war also nicht geeignet um einen Spieler zu Sturz zu bringen? Sorry aber das geht ja wohl völlig an der Realität vorbei. Der Abwehrspieler springt von hinten im Strafraum in den freistehenden Realspieler rein, rempelt diesen an und im Sturz grätscht er den Ball vor dem Realspieler weg wobei er diesen wohl vor der Berührung des Balles nochmals vorne erwischt. Das war die Vereitlung einer 100% Torchance und wie konnte Vázquez sich fallen lassen wenn er Benatia von hinten kommend gar nicht sehen konnte?? Das war sicher keine Fehlentscheidung.
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