Gladbach-Coach Luhukay Der Retter von nebenan

Für Gladbach ist es ein Highlight: Der Zweitligist gastiert zum Pokalspiel bei den Bayern. Dass es ein Wiedersehen in der Bundesliga geben könnte, hat die Borussia vor allem Coach Luhukay zu verdanken. Der verabscheut Starkult - vor allem wenn es um ihn selbst geht.

Von , Mönchengladbach


Es gibt diese Episode im Leben des Jos Luhukay, die seiner Stimme auch nach 18 Jahren alle Kraft raubt. Mit der "Kleurrijk Elftal", einer Auswahl in den Niederlanden spielender Fußballer aus den früheren Kolonien, sollte der heutige Trainer von Borussia Mönchengladbach 1989 eine Welttournee machen. Da Luhukay, dessen Familie von den Molukken stammt, jedoch am Saisonende noch ein Relegationsspiel mit Venlo zu bestreiten hatte, durfte er nicht mit. Das rettete ihm wahrscheinlich das Leben. "Das Flugzeug verunglückte", erinnert sich Luhukay an jenen 7. Juni. Nur elf Passagiere überlebten die Bruchlandung in Paramaribo, der Hauptstadt Surinams. 179 Menschen, unter ihnen 14 Fußballprofis, starben. "Das tut immer noch sehr weh, weil ich viele Spieler sehr gut kannte", erzählt Luhukay. Es ist der einzige Moment im Gespräch, in dem er den Habitus des versierten Medienprofis ablegt.

Der ehemalige Tennisprofi Mats Wilander geriet nach einem ähnlichen Erlebnis in eine tiefe persönliche Krise, Luhukay verkraftete das Unglück besser. Er ist eben ein sehr stabiler Typ, so stabil sogar, dass sich ein heftig darbender Fußballverein an ihm aufrichten konnte. Nach Jahren des Scheiterns an den eigenen Ansprüchen spielt Borussia Mönchengladbach eine großartige Saison, steht an der Spitze der zweiten Liga, und dieser Aufschwung hat viel mit dem Trainer zu tun.

Luhukay hat völlig andere Ambitionen als seine Vorgänger, er möchte nicht belehren (wie Jupp Heynckes ), will nicht seine Ruhe haben (wie Dick Advocaat), er sorgt sich nicht ständig um seine Beliebtheit (wie Horst Köppel), und unter dem dringenden Profilierungsbedürfnis eines Holger Fach leidet Luhukay auch nicht. Der kleine Holländer ist einfach gelassen, konzentriert, sehr aufmerksam und sagt kluge Sätze wie: "Erfolg braucht ein Konzept." Ein solches gibt es in Mönchengladbach, seit er und Sportdirektor Christian Ziege die sportlichen Entscheidungen treffen. Luhukay scheint nach all den großen Persönlichkeiten und ihren starren Vorstellungen bestens zu dieser Borussia des Umbaus zu passen.

Der 44-Jährige bezeichnet den Club gar als seinen "Traumverein", weil Mönchengladbach nur 30 Kilometer von seinem Geburtsort Venlo entfernt liegt. Der zweifache Vater hat das Kunststück fertiggebracht, trotz internationaler Karriere als Spieler und Trainer nie dort wegziehen zu müssen. Das ist ihm wichtig. "Ich brauche die Nähe meiner Familie, um mich wohl zu fühlen", sagt er. Deshalb habe er in der Vergangenheit "nicht jedes Angebot angenommen, nur um irgendwo Trainer sein zu können".

Auf dieser räumlichen Nähe basiert auch Luhukays lange emotionale Beziehung zum Traditionsclub vom Niederrhein. Schon als Kind besuchte er mit seinem Vater Spiele der berühmten "Fohlenelf" auf dem Bökelberg, sogar zu einzelnen Auswärtsspielen fuhr Vater Luhukay damals mit dem Filius. "Fan" sei er als Junge aber nicht gewesen, "Liebhaber" sei der passendere Begriff, sagt Luhukay. Die Mehrheit der Trainer dieser Welt würde so eine glänzende Vergangenheit – Gladbach war fünfmal Deutscher Meister - als große Geschichte präsentieren, weil solche Sachen die Herzen der Fans erweichen. Luhukay gehört nicht zu dieser Sorte Populisten. Er erzählt fast widerwillig von dieser Zeit, die Anerkennung seiner Person soll sich nach der Qualität seiner Arbeit richten. Neben dem Erfolg ist es diese Geradlinigkeit, die ihn zum beliebtesten Mönchengladbacher Trainer seit Hans Meyer macht.

Dass der frühere Mittelfeldspieler (unter anderem KFC Uerdingen) seinen ersten Posten als Cheftrainer bei einem Profiverein kündigte, weil der Paderborner Präsident im Sommer 2006 ohne Rücksprache Verhandlungen mit Spielern führte, zeigt Luhukays konsequente Haltung. Beim Zusammenstellen eines Kaders lässt er sich nicht hereinreden. Luhukay hat ein ausgeprägtes Gespür für die fragile soziale Struktur einer Fußballmannschaft. Schon als Co-Trainer unter Friedhelm Funkel, Huub Stevens und Marcel Koller in Köln galt er als wichtiger Mann für das Betriebsklima.

"Probleme werden hier immer vernünftig ausdiskutiert, wir ziehen an einem Strang", beschreibt Gladbachs Sportdirektor Christian Ziege das Arbeitsklima beim Zweitliga-Tabellenführer, der von den vergangenen acht Partien sieben gewann. Luhukays Lieblingsworte sind schon seit Wochen "mannschaftliche Geschlossenheit". Nach jedem Spiel versucht er dieses herausragende Merkmal seines Kaders zu erwähnen. Komplizierte Typen wie Wesley Sonck, Vaclav Sverkos oder Federico Insua wurden ausgemustert. Die neue Gladbacher Elf ist geprägt von Akteuren wie Marcel Ndjeng oder Roel Browers, Profis die Luhukay aus seiner Zeit in Paderborn kennt, und die wie Rob Friend, Alexander Voigt oder Patrick Paauwe als allürenfreie Mannschaftsspieler gelten.

Neben dem taktisch flexiblen und temporeichen Offensivspiel ist dies ein Kernpunkt des Konzeptes. Luhukay, der vorige Saison mit einer von Heynckes zusammengestellten Elf den Abstieg nicht verhindern konnte, war als Spieler selbst so ein positiver Arbeiter, einer, der sich "für kein Training zu schade" war, wie er erzählt. Und weil die Verkäufe von Marcell Jansen, Insua und Sonck rund 18 Millionen Euro brachten, stimmt neben dem Charakter auch die Qualität der Fußballer. Vor der Pokalpartie heute Abend beim FC Bayern München (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) sagt Luhukay deshalb: "Unmöglich ist im Fußball nichts. Auch wenn es eine sensationelle Überraschung wäre, warum sollen wir nicht bei den Bayern gewinnen?"



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