Gladbach im Abstiegskampf: Aufbruch statt Einbruch

Von Jan Reschke

Der Sieg gegen Schalke hat Borussia Mönchengladbach in Reichweite der Nichtabstiegsplätze gebracht. Die Konkurrenz im Kellerkampf ist namhaft und groß - doch die Borussia verfügt neben dem neuen Trainer Lucien Favre über einen weiteren großen Trumpf.

AP

Erst einmal war beim 2:1-Heimsieg von Borussia Mönchengladbach gegen Schalke alles so, wie man es aus dem bisherigen Saisonverlauf kannte: In der Defensive unterlaufen individuelle Fehler, der Gegner kommt an den Ball und geht in Führung.

Doch dann kam alles anders als sonst: Der Rückstand beeindruckte das Team diesmal nicht. Vielmehr noch, es kämpft sich zurück, schafft den Ausgleich - und gewinnt sogar. Zum ersten Mal in dieser Saison ist es Borussia Mönchengladbach gelungen, nach einem Rückstand noch ein Spiel zu drehen.

Warum gelingt am 23. Spieltag etwas, was 22 Spieltage zuvor nicht funktioniert hat? Da ist zunächst einmal der neue Trainer Lucien Favre, der erst vor wenigen Tagen die Mannschaft von Michael Frontzeck übernommen hat - und sofort einiges umgestellt.

"Die Reaktion der Mannschaft auf das 0:1 war super"

Favre beorderte die sonst eher als offensive Außen eingesetzten Mohamadou Idrissou und Marco Reus in die Spitze. Dafür rückten Patrick Herrmann und Juan Arango auf die Seiten. Im Tor stand der unter Frontzeck zuletzt nicht berücksichtigte Logan Bailly, der in der Saison 2008/2009 schon einmal zum großen Rückhalt im Abstiegskampf geworden war.

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Sonntagsspiele: Gladbach feiert Reus und Idrissou
Viel wichtiger dürfte aber die Ansprache an das Team in den vergangenen Tagen gewesen sein. Motivierend, konstruktiv. Denn wo sich die Spieler nach einem Rückstand sonst in ihr Schicksal ergaben, schien das frühe Gegentor in der zweiten Minute durch Schalkes Peer Kluge die Gladbacher diesmal keineswegs zu verunsichern. "Wichtig war, dass wir sofort eine Reaktion gezeigt haben. Es ist gut für uns und unsere Moral, dass wir das Spiel gedreht haben", so der am ersten Gegentreffer beteiligte Innenverteidiger Dante.

Auch der Torschütze zum Ausgleich, Reus, sagte: "Wir haben keinen guten Start erwischt, aber trotz des 0:1 haben wir weiter nach vorne gespielt und die Schalker unter Druck gesetzt." Trainer Favre lobte: "Die Reaktion der Mannschaft war super." Und auch Manager Max Eberl war nach dem Rückstand ganz gelassen: "Ich war auch überraschend ruhig nach dem frühen Schalker Tor. Ich bin sehr zufrieden, dass die Mannschaft den Kopf oben behalten hat und wir das Spiel gedreht haben." Gladbach hat einen neuen Trumpf: Das Team weiß auf Rückschläge zu reagieren statt zu resignieren.

Bei welchen Teams im Abstiegskampf ist die Qualität nicht hoch?

Es ist wie so oft bei Trainerwechseln. Vieles von dem, was wochenlang nicht funktioniert, läuft plötzlich wie von selbst. Bälle, die sonst knapp am Tor vorbei gehen, sind nun auch mal drin. Die Mannschaft hat mehr Selbstvertrauen. Doch die Frage ist: Wie lange hält dieser Effekt an?

Generell ist die Qualität der Gladbacher Mannschaft so hoch, dass auch für die schwierige Aufgabe am Freitag gegen Konkurrent Wolfsburg (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) Hoffnung besteht. Die Offensive ist mit Reus, Idrissou und einem Arango an guten Tagen überdurchschnittlich besetzt. Die Innenverteidigung mit dem Champions-League-erprobten Martin Stranzl und Dante in Normalform ist für Bundesligaverhältnisse stark. Das defensive Mittelfeld agiert durch Zugang Havard Nordtveit an der Seite von Roman Neustädter wesentlich strukturierter als noch in der Hinrunde.

Doch bei welchem der am Abstiegskampf beteiligten Teams wäre die Qualität schließlich nicht ähnlich hoch?

  • Köln mit seinem erstarkten Sturmduo Lukas Podolski und Milivoje Novakovic hat in den vergangenen fünf Spielen zehn Punkte geholt und mittlerweile drei Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Das Team scheint sich unter Frank Schäfer gefunden zu haben und hat derzeit die nötige Einstellung, die es im Abstiegskampf braucht.
  • Werder Bremen dagegen, mit seinen altgedienten Profis wie Stürmer Claudio Pizarro, Kapitän Torsten Frings, Keeper Tim Wiese oder Per Mertesacker, weist in Sachen Einstellung noch Defizite auf. Die Mannschaft patzte zuletzt konsequent (wie beim 0:4 gegen den Hamburger SV am vergangenen Spieltag). Die Spieler scheinen den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen zu haben. Der Club hat nur einen Punkt Vorsprung auf den Relegationsplatz.
  • Konkurrent VfL Wolfsburg wurde mit über 40 Millionen Euro im Sommer aufgerüstet. Stars wie Diego oder der deutsche Nationalspieler Arne Friedrich kamen. Dazu Innenverteidiger Simon Kjaer und Offensivmann Mario Mandzukic, im Winter neben einigen anderen noch die Angreifer Patrick Helmes und Tuncay Sanli. Die Bilanz ist trotzdem erschütternd: Lediglich drei Tore Vorsprung trennen den Club noch vom Relegationsplatz. In Wolfsburg haben sie lange davon geträumt, sich irgendwie noch in die europäischen Ränge zu hieven. Ob das aktuelle Ziel Nichtabstieg schon bei allen angekommen ist, muss angesichts von vier Niederlagen aus vier Spielen bezweifelt werden. Trotzdem ging die Tendenz unter Übergangstrainer Piere Littbarski zuletzt leicht nach oben.
  • Den Relegationsplatz hat momentan der 1. FC Kaiserslautern inne. Wenn man sich die Besetzung anschaut, müsste der Club als erster Anwärter für die zweite Liga gelten, doch bislang scheint die Mannschaft von Trainer Marco Kurz trotz der jüngsten Rückschläge sehr gefestigt. Zudem wussten die Spieler vom ersten Spieltag an, dass es nur um den Klassenerhalt gehen kann.
  • Beim VfB Stuttgart liefen bei der 2:4-Niederlage gegen Leverkusen mit Cacau, Christian Träsch und Serdar Tasci gleich drei Spieler auf, die noch zum Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft vor der WM 2010 gehörten. Dazu etliche weitere dekorierte Profis wie Cristian Molinaro (zeitweise italienischer Nationalspieler), Zdravko Kuzmanovic (WM-Fahrer 2010 mit Serbien) oder der erfahrene Kapitän Matthieu Delpierre (157 Bundesligaspiele). Und dennoch hat der Club wie Gladbach vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Verinnerlicht haben das einige Akteure noch immer nicht.

Stöbert man in Foren zur Bundesliga, lauscht man den Prognosen der Experten, hört und liest man wöchentlich die gleichen Einschätzungen. Werder Bremen? Die packen es schon. Wolfsburg, Meister 2009? Die werden sich schon noch steigern. VfB Stuttgart, Meister 2007, in der zweiten Liga? Kaum vorstellbar. Kaiserslautern? Wird es sehr schwer haben. Köln? Landet in der derzeitigen Verfassung auf keinen Fall in Liga zwei.

Aber mindestens zwei Clubs müssen absteigen.

Der große Vorteil der Gladbacher: Sie befinden sich seit Beginn der Hinrunde im Abstiegskampf, haben die Situation genau verstanden - im Gegensatz zu manch einem Konkurrenten. Stürmer Reus brachte es nach dem Schalke-Spiel auf den Punkt: "Wir müssen jetzt weiter hart und vernünftig arbeiten, denn noch haben wir gar nichts erreicht."

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1. .
ambergris 21.02.2011
Ist schon eine interessante Situation. Köln und Gladbach haben gute Schritte gemacht. Favre ist ein guter Trainer. Rensing ein guter Torhüter. Das kann sich entwickeln. Auch wenn ich es selbst kaum begreifen kann, scheint mir der Abstieg von Werder, Wolfsburg und Stuttgart wahrscheinlicher. Ich halte nicht viel von der Stuttgarter Mannschaft, Wolfsburg ist ein großes Durcheinander und Littbarski als Trainer ist genauso eine aus der Nase gezogene Idee wie Bobic als Sportdirektor... da fehlt nur noch Lothar Matthäus irgnedwo. Und die Bremer Mannschaft war immer schon ein instabiles Gebilde, dass immer zwischen Explosion und Implosion schwankte. Dem Management muss man Respekt zollen, dass es immer fähig war neue Mannschaften zu basteln, unter Micoud, unter Özil, unter Diego, aber diesmal hat man kein Transferglück gehabt und es kommt direkt ganz dicke.
2. Stuttgart, Frankfurt, St. Pauli
clegruen 21.02.2011
Bei den Genannten wird es nicht bleiben. Tatsächlich muss die halbe Liga zittern. Letztes Jahr hat es Bochum erwischt - trotz neun Punkten Vorsprung zur gleichen Zeit. Die Leistungsdichte ist hoch: Normal reichen 32 Punkte zum Klassenerhalt - dieses Jahr braucht es mindestens 35 Punkte. Manch einer wird noch abstürzen, mit dem man vielleicht gar nicht rechnet. 5 Niederlagen und 0:11 Tore in der Rückrunde - Abstiegskandidat Nr. 1 ist derzeit Eintracht Frankfurt. Für Stuttgart wird es ebenfalls schwer, zumal sie noch Europa League spielen. Das kostet Kraft und Punkte. Und auch St. Pauli ist noch nicht durch. Schweres Restprogramm, und nach der Derby-Euphorie besteht die Gefahr der Selbstüberschätzung. Bremen, Wolfsburg und Köln wurschteln sich irgendwie durch, aber Gladbach ist unberechnenbar. Oder doch Lautern? Am Ende der Saison macht sich die fehlende Substanz bemerkbar...
3. Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg
janeinistrichtig 21.02.2011
---Zitat von SPON--- In der Defensive unterlaufen individuelle Fehler, der Gegner kommt an den Ball und geht in Führung. ---Zitatende--- Dies ist seit Jahrenden bei BMG so, die Abwehr ist regelmässig ein Torso. Werder hatte dies ähnlich vorhanden, aber eben das Tor mehr erzielt. (Werder, bleibe bitte in der BL!). Da ich Gladbach-Fan bin erfreut mich natürlich, dass noch nicht alles verloren scheint. Das Favre im ersten Spiel Erfolg hatte mit der Mannschaft, ist ihm selbst wohl ein glückliches Vorkommen gewesen - es sei denn, dass er wusste: seltsames Deutsch erreicht diese Mannschaft besser. Die erwähnten Umstellungen beim System in allen Ehren. Da ich weiss, das es in D mehr BMG-Fans hat als in...öh... Wolfsburg (richtig geschrieben?) oder Stugarta, erwarte ich vermehrtes Medienecho zur entsprechenden Unterstützung der "wahren Borussia". Dieser Artikel wird eine entsprechende Welle initiiert haben. Einfach eine Serie starten, einfach mal der (in SPON schon erwähnten) Experten-Berechnungen ob Wahrscheinlichkeit des Abstiegs ein Schnippchen schlagen. Einfach das Tor mehr schiessen. Einfach nicht absteigen.
4. schwierig...
Herr B, 21.02.2011
Zitat von clegruenBei den Genannten wird es nicht bleiben. Tatsächlich muss die halbe Liga zittern. Letztes Jahr hat es Bochum erwischt - trotz neun Punkten Vorsprung zur gleichen Zeit. Die Leistungsdichte ist hoch: Normal reichen 32 Punkte zum Klassenerhalt - dieses Jahr braucht es mindestens 35 Punkte. Manch einer wird noch abstürzen, mit dem man vielleicht gar nicht rechnet. 5 Niederlagen und 0:11 Tore in der Rückrunde - Abstiegskandidat Nr. 1 ist derzeit Eintracht Frankfurt. Für Stuttgart wird es ebenfalls schwer, zumal sie noch Europa League spielen. Das kostet Kraft und Punkte. Und auch St. Pauli ist noch nicht durch. Schweres Restprogramm, und nach der Derby-Euphorie besteht die Gefahr der Selbstüberschätzung. Bremen, Wolfsburg und Köln wurschteln sich irgendwie durch, aber Gladbach ist unberechnenbar. Oder doch Lautern? Am Ende der Saison macht sich die fehlende Substanz bemerkbar...
Ich teile Ihre Grundeinschätzung. Angesichts der Tabellensituation nicht naheliegend, die sportliche Tendenz jedoch ist eindeutig. Aber 8 Punkte in 11 Spielen scheinen mir grundsätzlich keine unüberwindbare Hürde zu sein - zumindest gegen Stuttgart am nächsten Spieltag sollte 1 Punkt schon mal drin sein. Und: Frankfurt hat noch 8 Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz. Wenn der "Burgfrieden" zwischen Amanatidis und Skibbe hält, sollte Frankfurt sich am Ende der Saison knapp vor den Abstiegsplätzen einfinden. Köln halte ich, trotz der Tatsache dass sie zur Zeit einen Punkt weniger als Frankfurt haben allerdings nicht wirklich für gefährdet - da stimmt die Mannschaftsleistung zu sehr. Die "Wundertüten" Bremen und Wolfsburg vermag ich nicht realistisch einzuschätzen. Die nominelle Qualität für den Klassenerhalt ist da. Aber: genau das könnten sich die Spieler eben auch sagen; was auch die momentane Lage beider Clubs erklären könnte. Meine Absteiger: Stuttgart auf 18, Kaiserslautern auf 17, Gladbach in die Relegation (okay ... Wunschdenken). Aber ehrlich gesagt, ein Schalke macht noch keinen Klassenerhalt. Der kommende Spieltag ist mit Frankfurt-Stuttgart, Wolfsburg-Gladbach, 'Lautern-Hamburg und Bremen-Leverkusen jedenfalls vielversprechend. Ich finde diese Saison extrem unterhaltsam.
5. ...
nebulah666 21.02.2011
Jaja, jetzt geht es steil nach oben. In der Hinsicht gleicht sich die Mentaliät der Gladbach und Köln-Fans. Für meine Arbeitskollegen, ist der Nichtabstieg den Gesprächen nach schon beschlossene Sache. Das wahrscheinlich fast jede Zweitligamannschaft gestern gegen Schalke gewonnen hätte, so Kampf und Ideenlos diese Herren gestern aufgetreten sind, scheinen einige mal wieder komplett auzublenden. Zudem Reus die Gladbacher durch einen Sonntagsschuss (auch wenn es ein schönes Tor war) überhaupt zurück ins Spiel gebracht hat. Das sogar Neuer einen schlechten Tag hatte, sah man dann beim 2:1, da er dort völlig unmotiviert am Ball vorbeirauschte. Also, die nächsten Spiele wird es Gladbach nicht mehr so einfach gemacht werden weil die nächsten Gegner (Wolfsburg, Werder, Lautern und Hoffenheim lass ich aussen vor) wesentlich mehr Gegenwehr leisten werden. Und was Köln angeht, so rechnet der dunkle Teil meines Freundeskreises schon mit dem UEFA-Cup. Es nützt alles nichts, Gladbach wird nächste Saison gegen Fortuna auflaufen. Und dann werden wir uns für jahrzehntelange Freudenschade rächen...
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