Gladbacher Relegationssieg: Bochums verfluchte 20 Sekunden

Aus Mönchengladbach berichtet

Grimmige Miene, gewaltiger Zorn: Bochums Trainer Funkel war nach dem Relegationshinspiel gegen Gladbach extrem erbost über den Schiedsrichter. Fürs Rückspiel schwor der Coach: "Jetzt zeigen wir es ihnen erst recht!"

Relegations-Hinspiel: Gladbachs Zittersieg in der Nachspielzeit Fotos
DPA

Vor der Rückfahrt ins Ruhrgebiet nahm Thomas Ernst im Borussia-Park eine strategisch wichtige Position ein. Am Knotenpunkt zwischen den beiden Kabinengängen und dem Spielertunnel stand der Sportvorstand des VfL Bochum - konnte er dort doch sicher sein, dass ihm Friedhelm Funkel nicht entwischen würde. Denn auf ihren Trainer musste die Delegation aus dem Revier am Donnerstagabend gut aufpassen: Funkel war extrem erbost darüber, dass Schiedsrichter Günter Perl das erste der beiden Relegationsspiele um das letzte freie Bundesligaticket nicht wie angezeigt nach zwei Minuten Nachspielzeit beendet hatte. Sondern erst 20 Sekunden später.

20 Sekunden, die Mönchengladbach nutzte, seine zumindest in der Schlussviertelstunde drückende Überlegenheit im allerletzten Moment doch noch in einen wertvollen 1:0-Erfolg umzumünzen. Der Last-Second-Treffer des belgischen Angreifers Igor de Camargo, in der 67. Minute für den Kameruner Mohamadou Idrissou eingewechselt, gibt dem Erstligisten für das Rückspiel am nächsten Mittwoch ein dickes psychologisches Plus mit auf den Weg. "Das 1:0 ist vom Kopf her sehr gut für uns", freute sich Innenverteidiger Martin Stranzl. Während die Bochumer, für die Gastgeber der erwartet lästige, weil gut gestaffelte und zudem konterstarke Gegner, mit dem eigenen Schicksal haderten. Allen voran ihr Trainer.

Als Kind war Funkel oft von Neuss aus hinüber zum Bökelberg geradelt, um Gladbachs Heimspiele live mitzuerleben. Prinzipiell denkt der kleine Borussen-Fan von einst, heute 57, sehr gerne an diese Ausflüge zurück. Doch nun stand der gelernte Großhandelskaufmann noch lange mit grimmiger Miene in einer Ecke des Borussia-Parks und polterte, weil das Remis, das er mit seiner Mannschaft so liebend gerne erreicht hätte, weg war - wegen der freien Zeitauslegung des Referees.

"Bei 2:16 Minuten", zeterte Funkel im ersten Zorn, habe es den Einwurf gegeben, der schließlich zum entscheidenden Tor führte. Und ergänzte: "Ich habe mit meiner eigenen Uhr mitgestoppt und den Schiedsrichter darauf hingewiesen." Das Thema war für Funkel auch eine Dreiviertelstunde nach Spielschluss noch längst nicht vergessen. "Als das Tor fiel, war die Zeit abgelaufen. Das war eine klare Benachteiligung für uns", sagte der Mann, dem bereits fünf Bundesligaaufstiege geglückt sind.

Ärger auch über Kopplins Verwarnung

"Da freust du dich doch drüber", soll Funkel Pfeifenmann Perl gar angegiftet haben. Und in seinem gewaltigen Zorn vergaß er auch nicht, die Verwarnung gegen Björn Kopplin nach einem Foul an dem Venezolaner Juan Arango zu erwähnen. Es war die fünfte gelbe Karte für den 22 Jahre alten Rechtsverteidiger, Kopplin ist somit für das Rückspiel am Mittwoch in Bochum (20.30 Uhr, Liveticker, SPIEGEL ONLINE) gesperrt. "Wenn ich sehe, wofür er verwarnt worden ist, kann ich nur darüber lachen", grollte Funkel und warnte die Gladbacher vor dem entscheidenden Duell: "Jeder meiner Spieler wird dann im Kopf haben: Jetzt zeigen wir es ihnen erst recht."

Als lange Zeit ebenbürtiger, in der ersten Hälfte sogar einen Hauch besserer Gegner haben sich seine Bochumer schon auf fremdem Terrain erwiesen - wobei Keeper Andreas Luthe mit einigen Glanzparaden besonders nachdrücklich auf sich aufmerksam machte. "Er hatte schon maßgeblichen Anteil daran, dass wir in der zweiten Liga überhaupt noch Dritter geworden sind", lobte der Trainer seinen Torhüter und betonte: "Heute hat er gezeigt, was für ein guter Torwart er werden kann."

Auch die Borussia hat in Marc-André ter Stegen einen begabten Torwart in ihren Reihen. Zarte 19 Jahre alt ist der gebürtige Mönchengladbacher vor drei Wochen geworden, belehrte Schiedsrichter-Kritiker Funkel nun aber trotzdem ungeniert mit dem Hinweis: "Gespielt wird, bis der Schiri abpfeift." Und so lange gespielt wird - das ist die zentrale Lehre nicht nur des ersten Relegationsspiels, sondern der vergangenen Wochen allgemein - ist Borussia Mönchengladbach für jeden Gegner eine enorme Gefahr.

Als am vorletzten Spieltag alle für das im April schon als Absteiger geltende Team spielten, machte es die Borussia lange spannend. Zwei späte Tore brachten aber noch den so wichtigen 2:0-Heimsieg gegen Freiburg. Der Borussia-Park erbebte damals zweimal in seinen Grundfesten - und bei de Camargos Siegtreffer in allerletzter Sekunde nun ein drittes Mal. Durch die offenkundig erfolgreiche Arbeit des akribischen, manche sagen vom Fußball besessenen, Favre ist aus dem sonst nörgeligen, rasch unzufriedenen, manchmal auch gehässigen Gladbacher Publikum zuletzt ein echter Trumpf für die Borussia geworden.

Auch, weil Favres Mannschaft durch ihre rasante Aufholjagd im Liga-Finish einen enormen Glauben an die eigenen Fähigkeiten entwickelt hat. Das dürfte der VfL Bochum auch im Relegationsrückspiel zu spüren bekommen. Im Falle des Klassenerhalts könnte Sportdirektor Max Eberl, den die einstige Vereinsikone Stefan Effenberg mit seiner "Initiative Borussia" aus dem Amt jagen will, jedenfalls mit reichlich Rückenwind in die Jahreshauptversammlung am 29. Mai gehen.

"In den letzten schwierigen Wochen sind Verein, Fans und Mannschaft schon zusammen gerückt", warb Eberl am Donnerstagabend in eigener Sache. Und selbst der erzürnte Friedhelm Funkel musste vor der Heimfahrt nach Bochum eingestehen: "Gladbach ist seit einigen Wochen fantastisch organisiert. Deshalb müssen wir im Rückspiel schon eine unglaublich gute Leistung bringen, um das noch zu drehen."

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Gladbacher Relegationssieg: Bochums verfluchte 20 Sekunden. Auch hier:
kira_moos 20.05.2011
Glueckwunsch an unsere Borussia. Bochumer, worueber aergert sich euer Trainer und einige Spieler? Ihr habt super dagegen gehalten, dafuer Anerkennung, aber auch zum Ende hin etwas verzoegert und von daher passt die Nachspielzeit der zweiten Haelfte. Es gab nach der ersten Haelfte keine Nachspielzeit. Aergern muesste sich Borussia, ueber straeflich vergebene Tormoeglichkeiten. Wenn Borussia den Sack vorher schon zugemacht haette, haette die Nachspielzeit der Nachspielzeit wohl nicht lang genug sein koennen und, hier geht es um einige Sekunden und nicht Minuten. Auch wird hier Fussball gespielt und nicht Eishockey mit staendigen Timeouts und Videobeweisen. Abgesehen davon staende unsere Borussia nicht auf einem Relegationsplatz, oder gar Abstiegsplatz, wenn sie nicht in mindestens 2 Bundesligapartien fuerchterlich "verpfiffen" worden waere......mit anschliessenden Entschuldigungen der Unparteiischen. Viel Glueck euch Bochumern, aber besonders unserer Borussia!
2. ...
pariah_aflame 20.05.2011
was herr funkel gefliessentlich übersieht ist, dass sich einer seiner spieler etwa 15 bis 30 sec in der nachspielzeit zeitschindend auf dem boden wälzte. und üblicherweise wird die letzte aktion zu ende gespielt, zumal der einwurf den borussen vor ende der nachspielzeit zugesprochen wurde. zudem ist bochum mit dem 0-1 noch sehr gut bedient ...
3. panem et circenses
rulamann 20.05.2011
Tja so läuft das halt wenn ein Patient künstlich am Leben erhalten werden soll um Brot und Spiele in einer Region weiter zu verteilen, die nichts anderes zu bieten hat als Kleider und Altbier.. Zum Spiel selber, Bochum durchaus solide hätte es verdient hochzukommen für 1 Jahr harte Arbeit - Gladbach nach einer Saison in der nur Mist abgeliefert wurde schwach und ideenlos. Diesen Relegationsmist abschaffen und statt "Relegation" auf die Mittelbande zu malen lieber ein "Abstieg" auftragen hätte doch mal was - aber hier geht es wie überall nur ums Geld.
4. falsch und richtig
lofi 20.05.2011
Mit seiner Beschwerde bezüglich der Nachspielzeit liegt Funkel natürlich vollkommen daneben. Als Betroffener der heutigen Relegation muß ich ihm aber in einem anderen Punkt Recht geben. Zitat: "der dritte hat es verdient, direkt aufzusteigen" Genauso ist es!
5. Falsche Region
Luckyman 20.05.2011
Zitat von rulamannTja so läuft das halt wenn ein Patient künstlich am Leben erhalten werden soll um Brot und Spiele in einer Region weiter zu verteilen, die nichts anderes zu bieten hat als Kleider und Altbier.. Zum Spiel selber, Bochum durchaus solide hätte es verdient hochzukommen für 1 Jahr harte Arbeit - Gladbach nach einer Saison in der nur Mist abgeliefert wurde schwach und ideenlos. Diesen Relegationsmist abschaffen und statt "Relegation" auf die Mittelbande zu malen lieber ein "Abstieg" auftragen hätte doch mal was - aber hier geht es wie überall nur ums Geld.
Region mit Kleidern und Altbier? Voll daneben. Altbier gibt es Düsseldorf, in Bochum wird Pils getrunken. Und Kleider gibt es nach dem Verkauf von Steilmann an die Italiener auch nicht mehr in dieser Region. Im Übrigen: Im Rückspiel nächsten Mittwoch wird Gladbach das Ruhrstadion als klarer Verlierer verlassen.
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