Glasgow Rangers "Das Schlimmste sind die Sprüche bei der Arbeit"

Nach dem Zwangsabstieg 2012 sollte alles besser werden. Doch die Glasgow Rangers stecken auch drei Jahre später noch mitten in der Krise. Die Fans leiden unter dem Spott der Anhänger vom Erzrivalen Celtic.

Aus Glasgow berichtet

Mark Hermenau

Wenn Robert Thomson gerade keinen Fahrgast hat, bleibt ihm viel Zeit zum Radiohören und Zeitunglesen. Der 49-Jährige fährt im Südwesten von Glasgow Taxi. Und was er da lesen und hören muss, gefällt ihm schon lange nicht mehr.

"Es ist schrecklich, hier herrscht Chaos", sagt er und meint nicht etwa die Schlaglochpisten der Arbeiterstadt. Thomson ist seit seiner Kindheit Fan der Glasgow Rangers. Schottlands eigentlich so stolzem Fußballverein.

Dessen Ruhm speist sich derzeit nur aus Vergangenem. 54 Meisterschaften hat der Klub eingefahren, mehr als jeder andere der Welt. Doch die Gegenwart heißt zweite Liga, 16 Punkte Rückstand zur Spitze. Zwar sind die Rangers Favorit auf den zweiten Aufstiegsrang, doch wie es im Sommer weitergeht, weiß keiner.

Der Klub hat Schulden. Kredite müssen her, weil es einen "unmittelbaren Bedarf an einer erheblichen Kapitalspritze" gibt, wie der Verein in der vergangenen Woche mitteilte. Ohne die hätte er Spieler und Angestellte nicht bezahlen können. Ausgerechnet in den Tagen vor dem Derby im Pokal gegen den Erzrivalen Celtic, dem ersten seit dem Zwangsabstieg der Rangers vor fast drei Jahren.

Danach sollte alles anders werden. Nachdem der Klub unter der Last von fast 60 Millionen Euro Steuerschulden zusammengebrochen war, ging es mit neuer Betreibergesellschaft in der vierten Liga weiter. Was die Laune der Fans gar nicht mal drückte. Die Mischung aus Neuanfang, lustigen Auswärtsfahrten in kleine Dörfer, haushohen Siegen und Zuschauerrekorden für Viertligafußball machte Spaß.

Fans protestieren gegen Milliardär Ashley

Zwei Aufstiege später ist Spaß im Ibrox Park ein Fremdwort. "Wir hätten in die Jugend investieren müssen. Aber wir haben weitergemacht wie vorher", sagt Alistair McNeal, er sitzt an der Bar des Rangers-Pubs Louden Tavern. Dort, zwischen Union Jack und Gerahmtem aus der Geschichte, hockt der 53-Jährige regelmäßig und meckert - über teure Spieler, neue Schulden, den Vorstand. "Hier machen sich irgendwelche Typen die Taschen voll."

Im Oktober reichte es den Fans. Seitdem protestieren sie am Stadion und in der Innenstadt, im Internet und in ihren Fanzines. Meist gegen Mike Ashley. Der 50-Jährige, der mit einer Sportartikel-Kette zum Milliardär wurde, besitzt bereits Newcastle United und nun auch zehn Prozent der Rangers. Mehr darf er nicht. Deswegen ist Ashley erfinderisch. Erst sicherte er sich die Namensrechte am Ibrox Park, dann platzierte er Gefolgsleute im Vorstand, nun lieh er dem Verein knapp 13 Millionen Euro und gewann weiteren Einfluss.

"Wir müssten es so machen wie in Deutschland. Der Klub muss den Fans gehören. Leuten, die ein Herz haben", sagt McNeal, dem anzusehen ist, wie sehr er leidet. In Glasgow ist Fußball mehr als anderswo. Der Klub spiegelt Herkunft und Identität wider. Politisch wie religiös. Die Krise des Vereins wird zur persönlichen.

Celtic-Fans provozieren

Über Jahrzehnte waren die probritischen Rangers vorn. Jetzt eilt das proirische Celtic davon. "Das Schlimmste sind die Sprüche bei der Arbeit", sagt McNeal, der die Provokationen der Celtic-Fans auch anderswo spürt. Im ganzen Stadtgebiet haben sie Grabsteine mit der Aufschrift "RIP RFC" an Wände gesprüht. Vor dem gestrigen Derby im Pokal schalteten sie eine Zeitungsanzeige, in der sie die Rangers für tot erklären. Das Pokalgegner sei ein unterklassiger Klub ohne Geschichte.

Jim Kernahan kann das nicht mehr hören. Der 66-Jährige kommt jeden Mittag im Rangers-Pub vorbei. "Wir müssen die irischen Bastarde schlagen, aber wir haben keine Chance." Eigentlich wollten sich die Rangers über das Derby zurückmelden. Jetzt hat Kernahan Angst, dass es einer der bittersten Tage der Klubgeschichte wird. "Wir haben das schlechteste Team der Geschichte." Trainer Ally McCoist trat kurz vor Weihnachten zurück. Co-Trainer und Nachfolger Kenny McDowall wollte es ihm vor zwei Wochen gleichtun. Doch das ließen die Rangers nicht zu und verwiesen auf die Kündigungsfrist.

So stand McDowall am Sonntag beim Derby doch an der Seitenlinie des Nationalstadions Hampden Park. Am Ende hieß es 0:2. Auch Celtic spielte nicht überragend, und war trotzdem drückend überlegen. "Ich bin nur darüber enttäuscht davon, wie die Tore gefallen sind", sagte McDowall hinterher. Dass sein Team nicht einen Ball aufs Tor brachte, erwähnte er nicht. Auch die Fans bedankten sich mit Gesängen und Applaus dafür, dass die Horrorwoche nicht noch mit einer Klatsche gegen den Erzrivalen geendet hatte. Das reicht den Rangers dieser Tage schon, um zufrieden zu sein.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Talan068 02.02.2015
1. Rangers vs. Celtic
Irgendwann in jungen Jahren beschlossen ein Rangers Fan zu sein. Um später feststellen zu müssen, das ich politsch und religös besser zu Celtic passe. Da, man diese Dinge, mMn nicht überbewerten sollte, blieb ich den Rangers treu, den Treue zählt. Andererseits wenn man die Fans so hört, dürfte man weder Rangers noch Celtic anhängen.
50penny 02.02.2015
2.
Ist Celtic nicht pro-schottisch? In Glasgow dürfte es den Fußballfans recht egal sein, wie es um Irland steht.
troy_mcclure 02.02.2015
3.
Zitat von 50pennyIst Celtic nicht pro-schottisch? In Glasgow dürfte es den Fußballfans recht egal sein, wie es um Irland steht.
Ich empfehle hierzu den Wikipedia-Artikel zu Celtic Glasgow, der das ganz gut darlegt.
Crom 02.02.2015
4.
Den Vereinen aus Schottland sollte es erlaubt sein in der Premier League zu spielen, wie die Vereine aus Wales. Das wäre für beide Teams aus Glasgow sicher vorteilhafter. Seit Gründung der SPL 1998 hat immer einer der beiden Clubs die Meisterschaft gewonnen. Es wäre auch für die anderen schottischen Teams besser, wenn die dominaten Vereine in England spielen würden.
erbsbert 02.02.2015
5. @2
Netter Versuch, aber bitzer gescheitert. Auch wenn Celtic ein Club aus Glasgow ist gehen die Wurzeln nach Irland. Schau Dir das Wappen an, schau Dir die Gründer an, schau Dir die Religion an, schau Dir die politische Haltung an. Schau Dir die Fahnen an und schau Dir irgendwas an bevor Du was zu einem Thema sagst
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