Von Peter Ahrens
Es gibt Dinge, die man sich noch nicht so recht vorzustellen traut. Den eleganten Josep "Pep" Guardiola in Lederhose auf dem Münchner Oktoberfest zum Beispiel. Da scheinen zwei unvereinbare Kulturen aufeinander zu prallen. Aber eine gute Figur soll der 41-jährige künftige Bayern-Trainer ja auch eher an der Seitenlinie machen. Und so sehr ganz Fußball-München seit der Bekanntgabe des Guardiola-Coups unter Euphorie steht - die Verpflichtung des Starcoaches ist vor allem ein mutiges Experiment. Mit offenem Ausgang.
Guardiola kennt als Coach ausschließlich seine Wärmestube des FC Barcelona, wo er jeden Grashalm mit Namen ansprechen konnte. Wo er als 13-Jähriger in die Jugendakademie des Vereins eintrat und mit Unterbrechungen bis zu seinem 40. Lebensjahr gewirkt hat. Als Spieler, als Meisterschüler des Trainer-Gurus Johan Cruyff, als Nachwuchscoach, als Cheftrainer, der das Werk seines Förderers Cruyff weiter führte als alles.
In München will und muss er beweisen, dass er auch außerhalb des Camp Nou große Mannschaften übernehmen und nach seinem Bilde formen kann. Das ist eine Herausforderung, und normalerweise braucht so etwas Zeit. Normalerweise ist der FC Bayern nicht der Club, wo man so etwas im Übermaß zur Verfügung hat.
Daher wird Guardiola, der als Spieler und Trainer dreimal die Champions League mit Barcelona gewann, klug genug sein, um Spielweise und Struktur des Teams nicht brachial und gleich am Anfang umzubauen. Anders als beim FC Barcelona, wo er quasi als erste Amtshandlung als Chefcoach die Altstars Deco, Ronaldinho und Samuel Eto'o aussortierte.
Das Gesicht der Mannschaft dürfte sich angesichts des jetzt schon üppig und hochkarätig besetzten Kaders nicht grundlegend ändern. Zwar wird es künftig mit dem Guardiola-Argument im Rücken noch leichter sein, gerade internationale Spieler an die Säbener Straße zu locken. Dennoch bedarf es aktuell eher kosmetischer Korrekturen, um die Mannschaft personell zu verbessern. Ältere Akteure wie Daniel van Buyten, Anatoli Timoschtschuk oder Rafinha werden keine große Zukunft in der Mannschaft haben. Aber das wäre bei jedem anderen Trainer auch der Fall gewesen.
Auch der Trainer wird sich anpassen
Das Gerüst des Teams steht dagegen und wird es auch in der kommenden Saison bleiben. Zudem zahlreiche Leistungsträger noch langfristige Verträge haben oder gar kürzlich erst verlängerten wie Arjen Robben oder Thomas Müller. Spielertypen wie Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Javi Martinez werden sich mit dem Teamspiel-Fanatiker Guardiola allerdings leichter tun als ein Solokünstler wie Arjen Robben. Auch Stürmertypen wie Mario Gomez haben im Guardiola-Kosmos bisher wenig Priorität genossen.
Der Trainer wird die Mannschaft seinen Vorstellungen anpassen, er wird sich allerdings auch selbst anpassen müssen. In München hat Guardiola keinen Xavi, keinen Lionel Messi, keinen Andrés Iniesta zur Verfügung, alle allein schon körperlich ähnliche, kleine, ballfertige Spielertypen, die er in München so nicht vorfindet. Der FC Bayern wird daher vorerst kein zweites Barça werden. Das gilt für das Personal ebenso wie für das Spielsystem.
Die Verpflichtung von Guardiola ist daher vor allem ein Signal und ein deutlicher Hinweis, wohin der Weg des FC Bayern führen soll: Der Club will da hin, wo der FC Barcelona schon lange ist. Ein Verein, der langfristig seine großen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs generiert, angereichert von außen mit punktuellen Stareinkäufen. Ein Verein, wo von der B-Jugend bis zur ersten Mannschaft ein homogenes System gespielt, von oben bis unten sportlich durchregiert wird. Das Duo aus Sportdirektor Matthias Sammer und Trainer Pep Guardiola soll genau dafür stehen.
Fest steht aber auch: Mit Guardiola bekommt der FC Bayern einen Trainer, der auch auf prominenteste und abgebrühteste Stars noch bedingungslose Autorität ausstrahlt. Wenn ein Thomas Tuchel einem Franck Ribéry klar machen würde, was er noch an seinem Spiel verbessern könne, ist nicht zwingend garantiert, dass der Franzose diesen Ratschlag sofort und unwidersprochen hinnimmt. Wenn ein Pep Guardiola jedoch Anweisungen gibt, dann kommt das von allerhöchster Stelle. Dann spricht im Grunde der Größte. Dann spricht Johan Cruyff.
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