Guerrero-Ausraster: Arroganz ohne Substanz

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Beim HSV klafft ein tiefer Graben zwischen Anspruch und sportlicher Wirklichkeit - und spätestens seit dem Ausraster von Paolo Guerrero auch zwischen Fans und Mannschaft. Eine Geldstrafe reicht nicht aus. Der Club sollte sich vom Stürmer und von Torhüter Rost trennen.

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HSV-Keeper Rost: "Da hat er eben Pech gehabt"

Es gibt Momente, da brennen einem die Sicherungen durch. Einen solchen Moment hatte Paolo Guerrero am Ostersonntag nach dem 0:0 des HSV gegen Hannover 96. Der Stürmer der Hamburger, der zur Halbzeit in die Partie gekommen war, hatte in der zweiten Hälfte eine Reihe von Großchancen vergeben und war am Ende für viele Fans der Sündenbock.

Diese verhielten sich nach dem Spiel mehrheitlich so, wie sie es immer nach schwachen Auftritten ihres Teams tun: Sie pfiffen und pöbelten. Eine an diesem Sonntag mehr als verständliche Reaktion. Am Ende der Hinrunde hatte das Team von Trainer Bruno Labbadia auf dem vierten Tabellenplatz gestanden, mit nur drei Punkten Rückstand auf einen sicheren Startplatz in der Champions League.

Fünf Spieltage vor dem Saisonende muss die Millionentruppe plötzlich um den Einzug in die Europa League - oder wie Franz Beckenbauer sagen würde, in den Cup der Verlierer - bangen. Da brennt manch einem Fan die Sicherung durch. Einer dieser Fans stand nach der Nullnummer gegen den Tabellenvorletzten aus Hannover direkt im Block neben dem Spielereingang und beschimpfte Guerrero.

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Ausraster im Fußball: Flaschenwürfe, Faustkämpfe und Kopfstöße
Was genau der mittelalte Mann im dunklen Anzug gerufen hat, ist bislang nicht überliefert. Guerrero solle zurück nach Peru gehen, ist die harmlosere Variante - "schwule Sau" die des Boulevard. Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. Jedenfalls verlor Guerrero die Beherrschung. Der 26-Jährige holte aus wie Handball-Nationalspieler Mimi Kraus und warf dem Pöbler seine Trinkflasche ähnlich zielsicher an den Kopf, wie der Lemgoer seine Tore erzielt. Nur einige Mitspieler konnten anschließend verhindern, dass noch mehr passierte.

So weit, so schlecht. Sicherlich ist es verständlich, dass Guerreros Nervenkostüm nach seinem Kreuzbandriss zu Beginn der Saison, der damit verbundenen monatelangen Reha-Zeit und nicht zuletzt wegen seiner Flugangst nicht das dickste ist. Und sicherlich muss sich ein Fußballer auch nicht alles gefallen lassen. Doch diese Reaktion ging zu weit. Viel zu weit. Ein Fan würde dafür Stadionverbot bekommen, wie beispielsweise nach dem Pokalspiel der Stuttgarter Kickers gegen Hertha BSC Berlin im Oktober 2006 geschehen.

Damals hatte ein Zuschauer den Schiedsrichter-Assistenten mit einem Plastikbecher getroffen. Das Spiel wurde abgebrochen und vor dem DFB-Sportgericht zugunsten der Gäste gewertet. Der Werfer erhielt Stadionverbot. Das hätte konsequenterweise jetzt auch das Strafmaß für Guerrero sein müssen. Da sein Vertrag in Hamburg ohnehin am Saisonende ausläuft, wäre der HSV gut beraten gewesen, Guerrero mit sofortiger Wirkung freizustellen. Denn der Club kann nicht auf der einen Seite wegsehen, wenn seine Anhänger aufgrund von bloßen Verdachtsmomenten mit Stadionverboten draußen bleiben müssen, auf der anderen Seite aber ein solch krasses Fehlverhalten eines seiner Angestellten innerhalb seines Stadions mit einer Geldstrafe abtun. Doch dies hat er nun getan.

Wenigstens Frank Rost sollte bei dieser Gelegenheit gleich seine Papiere ausgehändigt bekommen. Denn was der Torhüter nach dem Ausraster seines Mannschaftskollegen in die Mikrofone der anwesenden Reporter diktierte, war nicht nur vereinsschädigend, sondern schlicht und einfach die Verharmlosung einer Straftat, die im Allgemeinen als Körperverletzung bezeichnet wird - und zudem eine Verhöhnung des be- und getroffenen HSV-Fans.

Grenzenlose Arroganz als Ablenkung von mangelnder sportlicher Substanz

"Da hat er gut getroffen. Die New York Yankees würden ihn wohl gerne verpflichten", lautete Rosts zynischer Kommentar. Auch der Fan müsse sich hinterfragen, so Rost. "Da hat er eben Pech gehabt." Während man den Ausraster von Guerrero direkt nach dem Schlusspfiff noch als emotionalen Ausbruch bewerten kann, so lässt dieser verbale Ausfall des erfahrenen Torhüters nur auf eines schließen: grenzenlose Arroganz als Ablenkung von mangelnder sportlicher Substanz. Ein Verhalten, das sich der HSV nach solchen Vorstellungen und nach einem solchen Eklat den eigenen Fans gegenüber sicherlich nicht erlauben kann. Vermutlich leider ebenso wenig wie den Rauswurf seines Stammtorhüters.

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Forum - Anfeindungen - wie weit dürfen die Reaktionen der Profi-Kicker reichen?
insgesamt 575 Beiträge
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1. ...
frozenplasma 05.04.2010
Zitat von sysopDer Flaschenwurf von HSV-Stürmer Paolo Guerrero gegen einen Fan ist in der Bundesligahistorie beispiellos. In den deutschen Stadien sind Pfiffe und Beschimpfungen von Fans gegen Profis Alltag. Wie weit dürfen die Pöbeleien gehen, was müssen sich die Fußballer gefallen lassen?
...angesichts der fantasiegehälter die gezahlt werden müssen sich die herren einiges gefallen lassen, sofern es keine tätlichkeit ist... wer beschimpfungen mit seinem kleine ego nicht vereinbaren kann muss sich nen anderen job suchen...für die meisten ist fussball aber die einzige alternative...oder das amt... daher: kein verständnis, kein klitzekleines! zirkus mit dem fussball jedesmal...grauenvolle clownvorstellungen...
2. .
frubi 05.04.2010
Zitat von frozenplasma...angesichts der fantasiegehälter die gezahlt werden müssen sich die herren einiges gefallen lassen, sofern es keine tätlichkeit ist... wer beschimpfungen mit seinem kleine ego nicht vereinbaren kann muss sich nen anderen job suchen...für die meisten ist fussball aber die einzige alternative...oder das amt... daher: kein verständnis, kein klitzekleines! zirkus mit dem fussball jedesmal...grauenvolle clownvorstellungen...
??? Gibt das den Fans denn das Recht dermaßen harte Beleidigungen vom Stapel zu lassen? Es regen sich ja immer alle auf "Die Kinder. Die armen Kinder!". In der nähe des Fans standen bestimmt auch einige Kinder die diese Beleidigungen mitbekommen haben. Find ich auch nicht sooo toll. Ich will die überbezahlten Profi`s nicht unnötig in Schutz nehmen aber Fans müssen auch nicht meinen, dass Sie ein Pauschalrecht auf Kritik hätten. Gerade der HSV hatt auch Zeiten hinter sich in denen sich die Fans über ein 0:0 gegen Hannover gefreut hätten. Also immer mal schön die Kirche im Dorf lassen. Guerrero (Küsschen) gehört gesperrt und die Fanbeauftragten können auch mal dafür sorgen, dass die Spieler nicht persönlich angegriffen werden. Man stelle sich vor, dass der eigene Chef nach jedem schlechten Arbeitstag ins Büro kommt und einen erstmal richtig persönlich beleidigt. Wer fände das toll? Ich nicht. Wenn man im Moment schon jemanden anbrüllen und beleidigen sollte dann diese Finanzheini`s in Frankfurt. Ich habe aber noch keine Menschenmassen vor den Bankzentralen gesehen.
3. Das ko-Argument...
frendo54 05.04.2010
Zitat von sysopDer Flaschenwurf von HSV-Stürmer Paolo Guerrero gegen einen Fan ist in der Bundesligahistorie beispiellos. In den deutschen Stadien sind Pfiffe und Beschimpfungen von Fans gegen Profis Alltag. Wie weit dürfen die Pöbeleien gehen, was müssen sich die Fußballer gefallen lassen?
..."Bei dem Gehalt muß ein Spieler das aushalten" halte ich für vollkommen abwegig und inakzeptabel. Auf Bild.de findet sich übrigens eine Fotostrecke, die den Wurf detailliert nachvollziehen lässt. Von "ins Gesicht geworfen" ist da nichts zu erkennen - G. hat den "Fan" wohl verfehlt. Allerdings - gar keine Frage: Paulo G. hat sich daneben benommen! Dass allerdings das Gehalt eines Spielers oder der selbst gezahlte, oft nicht unerhebliche Eintrittspreis das entlastende Argument für Pöbeleien aller Art sein darf, möchte ich in Frage stellen. Gerade das feine Hamburger Publikum - bis hin zu den Edel"fans" auf den ganz teuren Plätzen - läßt da gelegentlich massive Zweifel an Kinderstube aufkommen - von einer guten gar nicht zu sprechen. Also: Ball flach halten, den Spieler eine fünfstellige Summe an ein Kinderheim spenden lassen und auf das nächste Spiel konzentrieren. Auch wenns der Jouraille nicht gefällt.
4.
Voll Mann 05.04.2010
Zitat von frozenplasma...angesichts der fantasiegehälter die gezahlt werden müssen sich die herren einiges gefallen lassen, sofern es keine tätlichkeit ist... wer beschimpfungen mit seinem kleine ego nicht vereinbaren kann muss sich nen anderen job suchen...für die meisten ist fussball aber die einzige alternative...oder das amt... daher: kein verständnis, kein klitzekleines! zirkus mit dem fussball jedesmal...grauenvolle clownvorstellungen...
Was für ein windschnittiges Geseier. Das ist die Mentalität eines Freiers - ich bezahle die Dame, also hat sie zu sein wich ich es will. Bei der Arbeit, im Bett wie auf dem Platz, alles geben und sich auch beleidigen lassen. Wenns vorbei ist dem Freier auch noch Komplimente machen - schön wie du mich erniedrigt hast. OK - wer darauf steht, es ist sein Leben. Ich steh nicht auf Nutten, ich will echte Menschen. Menschen die alles geben und auch mal über das Ziel hinausschießen. Natürlich wird auch nicht der zur Rechenschaft gezogen der jemanden beleidigt, nein- dieser Freier hat ja Eintritt gezahlt, es wird ja nicht mal gefragt was gerufen wurde. Es zeigt aber klar das Gesicht des Massensports - wer zahlt hat Recht, wer bezahlt wird muss kuscheln.
5.
Aljoscha der Idiot 05.04.2010
Natürlich geht jetzt die große Hexenjagd auf Guerrero los – einige Monate nach der im Zusammenhang mit Robert Enke wie ein neues Dogma verkündeten Erkenntnis, daß Fußballspieler auch Menschen sind, und der großen Forderung nach „anderem Umgang miteinander“. Natürlich hätte Guerrero sich im Griff haben müssen, natürlich muß er in jeder Sekunde auch seines zuletzt recht schwierigen Fußballspielerdaseins präsent haben, daß sein Gehalt in so einem Fall bereits Schmerzensgeld beinhaltet, natürlich, natürlich. Vorgeschichte: Guerrero kommt nach halbjähriger Verletzung zum ersten Mal im eigenen Stadion zurück – und hat das Gefühl, ER wird bei Verkündung des Wechsels ausgepfiffen, weil die Zuschauer bei van Nistelrooys Auswechselung lautstark protestieren. Schon mal sehr feinfühlig, Stadion. Dann geht das Spiel den Bach runter, während die Stimmung auf den Rängen endgültig gespenstisch wird, und beim Gang in die Kabine meint jemand, auf seiner Eintrittskarte steht ausdrücklich: VERBALINJURIEN WIE „SCHWULE SAU, VERPISS DICH ZURÜCK NACH PERU!“ IM PREIS INBEGRIFFEN. Das dürfte im übrigen nur das Minimum der Pöbeleien beschreiben, betrachtet man die Reaktion von Joris Mathijsen, der ebenfalls empört stehengeblieben ist und Guerrero sogar zeigt, wo der feine Herr steht. Guerrero wird einsehen, daß er zurecht bestraft wird, Scheiterhaufen wäre allerdings übertrieben, und auf solche Fans kann prinzipiell jedes Stadion auch verzichten. Ich würde allerdings vorschlagen: Guerrero und den anderen Werfer (nicht umsonst hat die deutsche Sprache mal festgestellt, daß man auch Beleidigungen „an den Kopf wirft“) zu einem gemeinsamen Abendessen mit anschließendem Dia-Abend über Heterosexualität in Peru zwangsverpflichten, Entschuldigung von beiden Seiten, empfindliche Geldstrafe für Paolo, der in Zukunft nach dem Spiel nur noch Caprisonne trinken darf.
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